Hasskriminalität, Zensur und Rassismus: Ricky Gervais seziert in seinem neuen Netflix-Special „Mortality“ politische Konfliktlinien
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Kenner britischer Komödien kennen Ricky Gervais aus Serien wie „The Office“ und „Extras“, als netten, knuddeligen, aber oft zynischen Charakter, den man aber irgendwie ins Herz schließt. Aber man hat immer das Gefühl, dass – wie bei den meisten Menschen – ein Engelchen und ein Teufelchen auf seiner Schulter sitzen. Dem Engelchen wurde nur unlängst was in den Drink geschüttet, also ist es nur dafür zuständig, dass er ruhig und nett redet und so rüberkommt, wie der nette Onkel von nebenan. Das Teufelchen ist für die Inhalte verantwortlich.
Und so ist es auch bei seinem neuen Netflix-Special „Mortality“, in dem Gervais durchaus zeigt, dass er die Grenzen des guten Geschmacks bestens kennt. Und sie gezielt durchbricht, mit einem Humor, bei dem das Lachen in der Kehle steckenbleiben will (unser eigenes Engelchen), aber dann irgendwie und oft laut herausmuss. Was wir entweder unserem inneren Teufel oder dem inhärenten Humor zuschreiben müssen. Aber seien wir mal ehrlich: Jesus hat angeblich viel gesagt, aber man muss nicht bibelfest sein, um zu erkennen, dass nichts davon witzig war. Eine Party mit dem Teufel klingt lustiger.
Gervais nimmt Zensur auseinander
Und das zeigt uns Gervais gleich von Anfang an, als er die Zensur gehörig auseinandernimmt. Denn selbst das sehr strenge britische Recht erkennt an, dass man nicht vor Gericht gezerrt werden kann, wenn man eine tote Person beleidigt – frei nach Stalins Matra, „keine Personen, kein Problem“. Was Gervais zu der durchaus legalen Aussage verleitet, dass Ghandi Spaß an Analsex hatte. Ein geschichtlich und moralisch etwas fragwürdiges Statement – aber nicht justiziabel. Zumindest weniger so, als würde man einen Wuschelkopf mit wenig unmittelbar unter der Haarkante als „Schwachkopf“ bezeichnen.

Der britische Star-Komiker sorgte im November mit einer Reihe von Werbeplakaten für den Wodka-Hersteller „Dutch Barn“ für Aufsehen. Laut Gervais wurden die Motive der Werbekampagne von der unter Bürgermeister Sadiq Khan operierenden Stadtverwaltung abgelehnt.
Keine Sorge, das ist nur der Anfang. Wer behauptet, rein theoretisch, Anne Frank versteckt haben zu würden (bis zu dem Kommentar, „Die Nazis suchen mich und würden Dich auch umbringen“), bekommt genauso sein Fett ab, wie die Menschen, die behaupten, dass sie niemals Sklaven besessen haben würden. Ricky Gervais würde sie natürlich gehabt haben (war ja halt ein Statussymbol, wie der Mercedes in der Einfahrt) und sie nur gelegentlich bestrafen.
Und jetzt legt er richtig los. Wer sind die schlimmsten Menschen auf dieser Welt. Der generelle Konsensus würde sagen, dass dies die Rassisten seien. Ricky Gervais schmeißt aber noch die Pädophilen mit in die Diskussion und fragt sich (und sein Publikum), wie schlimm den ein rassistischer Pädophiler wäre. Ist er nun schlimmer oder besser, weil er die kleinen schwarzen und braunen Kinder nicht befummelt? Dies ist die humorvolle, aber ultraspitze Komödienfrage, die es durchaus mit Schrödingers Katze aufnehmen kann.
Gervais konfrontiert die Mächtigen mit der Wahrheit
Hier müssen wir eine kurze Auszeit machen, weil Ricky Gervais nicht sonderlich politisch zu sein scheint. Er stellt nur die Fragen, die sonst keiner stellt. Nein, nicht ganz richtig: er stellt die Fragen, auf die niemand vorher gekommen ist.
Er tut das, was das Credo jedes Komikers ist oder sein sollte. Und die Berufsbezeichnung des Hofnarrens vor ein paar hundert Jahren mal war. Er konfrontiert die Mächtigen mit der Wahrheit, sei es Ex-Premierminister Boris Johnson, den er elegant in die Kategorie der geistig Behinderten einordnet. Aber auch der „woken“ Macht, die immer für freie Meinungsäußerung war, bis der Wind sich gegen ihre Meinung drehte. Und all dies, was in geschriebenen Worten so hart klingt, bringt er nett und meist als Fragen an sein Publikum herüber. Beispielsweise fragt er, warum „Hasskriminalität“ schwerer bestraft wird als reguläre Kriminalität. Hilft dem Opfer ja auch nicht. Und, um sie nicht auszulassen, legt er noch Witze über Zwerge, Behinderte und die Tatsache nach, dass er in seinem hohen Alter im Gefängnis nicht vergewaltigt werden würde. Er ist halt zu alt, da suchen sich die anderen Insassen Jüngere.
Hier müssen wir uns, zumindest die unter uns, die seinen Humor genießen, einmal fragen, warum wir dies tun.
Humoristisches Zwinkern im Auge
Die Antwort ist simpel. Ricky Gervais sagt und fragt alles, was wir niemals sagen würden und worüber wir nie nachgedacht haben. Und selbst wenn, hätten wir nachher für 15 Minuten kalt geduscht. Das auch noch von einem Typen zu hören, der mit sanfter Aussprache, einem nicht gerade gefährlichen Aussehen und einem humoristischen Zwinkern im Auge gesagt zu bekommen, ist für uns Deutsche (nicht gerade für unseren Humor bekannt), sowohl befremdlich als auch erfrischend.

Ricky Gervais auf der Bühne.
Und ein kleiner Bonus kommt noch für diejenigen, die ihn hauptsächlich als Moderator der Golden Globes kennen (full disclosure: der Autor dieses Artikels stimmt für die Golden Globes ab). Gervais ging auf die Bühne, machte sich über seine Arbeitgeber lustig („Na ja, zum Glück sprechen sie kaum Englisch“), die anwesenden und nicht anwesenden Prominenten (unter ihnen Jeffrey Epstein, Harvey Weinstein, Meryl Streep, die Körpergröße von Martin Scorsese, und gewisse Präferenzen von Prinz Andrew). Das war 2020!
Okay, spätestens seit er dem Publikum sagte, dass die meisten von ihnen weniger Zeit in der Schule verbracht haben, als Greta Thunberg, war der Keks gegessen. Er wurde nie wieder gefragt, ob er die Golden Globes moderieren würde.
Und was machen wir jetzt daraus? Einen wunderschönen Abend für alle, die britisches Englisch verstehen oder zumindest Untertitel (macht Netflix eigentlich immer, aber dann lacht man in anderem Takt, als die anderen im Raum).
Und lacht laut und gern.
Unsere Komiker heutzutage heißen Friedrich Merz, Heidi Reichinnek und Bärbel Bas. Ricky Gervais zeigt uns, wie Aktivismus unfreiwillig durch Humor entstehen kann. Er ist der neue „King of Comedy“, nicht der Anwärter auf den Thron. Er sitz da schon und kann über alles lachen, was er von dort sieht.
Er ist einfach ein Hofnarr, der den Hof nicht braucht. Aber wir brauchen ihn und seine Stimme. Ohne ein gewisses Maß an Humor, wird die Wahrheit zur Langeweile; die momentane Realität zum Status Quo. Und die Frage, ob nun rassistische Pädophile schlimmer sind als Multi-Kulti-Pädophile steht immer noch im Raum.
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Karsten Kastelan
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