Amerikaner mehrheitlich gegen militärisches Eingreifen: Wird der Iran-Krieg für Donald Trump politisch gefährlich?
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Claudio CasulaWährend die US-Streitkräfte mit den Israelis die Kampfkraft der Iraner stetig schwächen, ist die Operation „Gewaltiger Zorn“ daheim umstritten. Viele Amerikaner befürchten einen langen Krieg, der sie wirtschaftlich hart trifft. Donald Trumps Ankündigungen klangen zuletzt vorsichtiger als zu Beginn des Krieges.
Militärisch läuft es „rund“ für die Amerikaner und mit ihnen verbündeten Israelis. Nach elf Tagen Krieg sind die iranische Marine versenkt, die Luftwaffe zerstört, die Luftabwehrsysteme ausgeschaltet, Radar- und Kommunikationssysteme pulverisiert und die politische und militärische Führung schwer dezimiert worden. „Wir könnten es jetzt schon einen enormen Erfolg nennen“, bilanzierte Donald Trump. „Ich könnte es so nennen – oder wir könnten weitergehen, und wir werden weitergehen.“
Verteidigungs- bzw. Kriegsminister Pete Hegseth stieß ins gleiche Horn. „Wir sind bereit, so weit zu gehen, wie es nötig ist, um erfolgreich zu sein“, sagte Hegseth in einem Interview von CBS News für die Sendung „60 Minutes“, das am Sonntagabend ausgestrahlt wurde. „Wir behalten uns dieses Recht vor. Es wäre völlig unklug, wenn wir uns nicht das Recht vorbehalten würden, jede mögliche Option zu ergreifen – ob sie nun Bodentruppen umfasst oder nicht.“

„Nicht nachlassen, bis der Feind vollständig und endgültig besiegt ist“: Kriegsminister Pete Hegseth zeigt sich entschlossen.
„Das ist ein Kampf, den wir zu Ende führen werden“
Sollte eine Entscheidung über den Einsatz von Bodentruppen getroffen werden, werde man dies nicht mit der Presse teilen, meinte Hegseth: „Präsident Trump weiß – und ich weiß –, dass man dem Feind, der Presse oder irgendjemandem nicht sagt, wo die eigenen Grenzen bei einer Operation liegen.“ Er werde dem Feind nicht mitteilen, ob der militärische Angriff vier bis sechs Wochen oder länger dauern werde. Ohnehin habe Präsident Trump recht, wenn er sage, dass es Opfer gebe. Krieg fordere immer Opfer. „Aber das schwächt uns kein bisschen. Es stärkt vielmehr unser Rückgrat und unsere Entschlossenheit zu sagen: Das ist ein Kampf, den wir zu Ende führen werden.“
Es sind jedoch nicht die Opfer – bisher sieben getötete Soldaten, vergleichsweise wenige –, die den Amerikanern Sorge bereiten. Nach aktuellen Umfragen lehnt eine Mehrheit derzeit den Krieg ab. Das liegt nicht nur am Versäumnis der Trump-Regierung, die Bevölkerung auf den Krieg im Iran vorzubereiten (was dem Überraschungsmoment für die Mullahs und der Gelegenheit zum Enthauptungsschlag geschuldet war).
It’s the economy, wie meistens. Zu Beginn des Krieges stürzte der Dow Jones ab, die Altersvorsorgekonten schrumpften und die Benzinpreise schossen nach oben. Je länger die Operation „Epic Fury“ (Gewaltiger Zorn) dauert, desto stärker wird der wirtschaftliche Schmerz, den sie „John Doe“ (amerikanischer Otto Normalverbraucher) zufügt. Trump sagt, dass die gestiegenen Ölpreise vorübergehend sein würden. Sobald der Iran keine Bedrohung mehr für die Region oder für die Handelsschifffahrt darstelle, werde sich der Ölmarkt wieder stabilisieren. Und drohte: „Wenn Iran versucht, die Ölversorgung zu schädigen, wird er von den USA noch viel härter getroffen werden.“
„Nur Narren würden anders denken!“
„Kurzfristig hohe Ölpreise, die schnell fallen werden, sobald die Zerstörung der iranischen Nuklearbedrohung abgeschlossen ist, sind ein sehr kleiner Preis für die Sicherheit und den Frieden der USA und der Welt“, schrieb der Präsident bei Truth Social. „NUR NARREN WÜRDEN ANDERS DENKEN!“
Sämtlichen Umfragen – unter anderen von Quinnipiac, Reuters/Ipsos, CNN und Guardian – zufolge ist eine Mehrheit der Amerikaner gegen den Krieg (zwischen 43 und 59 Prozent), wobei sich bei den Republikanern eine überwältigende Mehrheit für ein militärisches Eingreifen ausspricht, bei den Demokraten in derselben Größenordnung dagegen.
Klar ist: Es gibt keinen „Rally-around-the-Flag“-Effekt, der die Amerikaner schlagartig einen, also um die Flagge versammeln würde. Manche erwarten einen langfristigen Konflikt, der US-Leben und viele Milliarden Dollar kostet. Viele fürchten einen „endlosen Krieg“, weil sie sich an den Irak erinnert fühlen, und viele glauben nicht, dass eine unmittelbare Bedrohung vorlag. Sie fürchten eher, dass der Krieg die Gefahr von Terroranschlägen eher erhöht. Hinzu kommt, dass die Legitimation angezweifelt wird, weil die Regierung Trump den Krieg begann, ohne vorher die Zustimmung des Kongresses einzuholen.

Bisher sind nur sehr wenige US-Soldaten in Särgen heimgekehrt.
Die Anti-Stimmung setzt Trump unter Druck?
Selbst die Republikaner und die MAGA-Bewegung sind insofern gespalten, als es Mitglieder gibt, die sich an Trumps Ankündigung erinnern, das Land aus ausländischen Kriegen herauszuhalten. Er hatte auch gesagt, Kamala Harris sei diejenige, die im Fall eines Wahlsiegs die Nation in einen Dritten Weltkrieg führen würde. Jetzt wirft die Ex-Vizepräsidentin Trump vor, „die Vereinigten Staaten in einen Krieg hineinzuziehen, den das amerikanische Volk nicht will“.
Möglicherweise sind es, ein halbes Jahr vor den Midterms (Zwischenwahlen), doch die Umfragen, die den Präsidenten in seinen Äußerungen plötzlich verhaltener klingen lassen, auch wenn er immer behauptet, dass ihn Umfragen nicht kratzen würden. Wissend, dass die Amerikaner sich mit einem langen Krieg nicht anfreunden werden, sprach er zuletzt davon, der Militäreinsatz in Nahost werde „sehr bald“ beendet sein, machte jedoch klar, dass dies nicht schon in dieser Woche geschehen werde.
Trump kann es auch erst einmal darum gegangen sein, die Aktienmärkte in den USA und weltweit zu beruhigen, die durch den Krieg erschüttert worden waren. Kaum hatte der Präsident gegenüber CBS erklärt, der Krieg sei „sehr vollständig, so gut wie abgeschlossen“, gaben die Ölpreise weiter nach, die Aktienmärkte reagierten positiv.
Vom Ziel Regimewechsel abgerückt?
Von langfristigen Besatzungsplänen spricht der US-Präsident nicht, ebenso wenig von „boots on the ground“ (also den Einsatz von Bodentruppen), den die Amerikaner zu fast drei Vierteln ablehnen. „Um klar über die Kriege im Nahen Osten nachdenken zu können, muss man mehrere Gedanken gleichzeitig im Kopf haben“, schrieb Thomas Friedman kürzlich in der New York Times. Er warnte vor wirtschaftlichen Kollateralschäden und meinte, dass der Krieg kurz sein muss, um Trumps Basis nicht zu verlieren.

Trump warnt die Mullahs robust davor, die Öltransporte durch die Straße von Hormuz zu verhindern.
Und was ist mit dem „Regime Change“ im Iran? Die Auslassungen Donald Trumps zum Krieg lassen es inzwischen fraglich erscheinen, ob der noch ein ernsthaft angepeiltes Kriegsziel ist. Vor der Inthronisierung Modschtaba Khameneis durch den „Expertenrat“ der Mullahs hatte Trump die Hoffnung geäußert, am Ende müsse jemand an der Spitze des Iran stehen, der für Frieden und Harmonie garantiere.
Das hörte sich deutlich zurückhaltender an als die Statements zu Beginn des Krieges. „Ich sage heute Abend, dass die Stunde eurer Freiheit gekommen ist“, hatte der Präsident sich an das iranische Volk gewandt. „Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung! Sie gehört euch. Das wird wahrscheinlich eure einzige Chance für Generationen sein.“
Bombardieren gegen die Uhr
Jetzt heißt es mit gedämpftem Optimismus: „Wir brauchen ein System, das viele Jahre Frieden bringen kann – und wenn wir das nicht haben können, dann sollten wir es jetzt einfach zu Ende bringen“, sagte Trump und deutete damit an, dass die USA und Israel weitere Schritte unternehmen könnten, um das iranische Regime zu verändern. Benjamin „Bibi“ Netanjahu arbeitet offen darauf hin, wandte sich auch jetzt wieder an die Iraner mit der Botschaft, Israel werde die Voraussetzungen schaffen, den Regimewechsel indes müssten sie selbst vornehmen. Der Regierungschef genießt allerdings auch die Rückendeckung fast der gesamten Bevölkerung, die an einem Ende der Bedrohung aus dem Iran ein existenzielles Interesse hat.

Nicht nur erklärte Trump-Hasser sind gegen den Krieg.
Die vollständige Vernichtung des Atomprogramms und die Zerschlagung militärischer Kapazitäten (und damit auch die Kappung der Versorgung von Irans Stellvertretern wie der Hisbollah und der Huthis) waren erklärte Ziele und sind offenbar weitgehend erreicht. Aber ist das Regime damit schon so geschwächt, dass die Iraner den offenen Aufstand wagen können?
Die Amerikaner scheinen das – nach den negativen Erfahrungen im Irak und in Afghanistan – mehrheitlich zu bezweifeln. Oder es hat für sie, anders als für die Israelis, keine Priorität. Ein von den Iranern selbst herbeigeführter baldiger Regimewechsel in Teheran durch den Sturz der geschwächten Mullahs nähme ihnen jedenfalls die Angst davor, in einen Irak-ähnlichen Sumpf zu geraten. Je eher die Kriegsziele erreicht werden, desto besser für die Trump-Regierung. Umgekehrt gilt: Je länger sich der Krieg hinzieht, desto stärker wird die Opposition gegen sie.
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