Am deutschen Wesen sollen Peru und Bangladesch genesen: Unsere Entwicklungshilfe ist ein verzweifelter Versuch der Selbsttherapie
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Zu Heinrich Heines vielen treffsicher-ironischen Versen gehören gerade auch die folgenden. Sie finden sich in Heines satirischem Epos „Deutschland. Ein Wintermärchen“:
Franzosen und Russen gehört das Land,
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.
Auf zur Weltherrschaft im Reich des Guten, Wahren und Schönen!
Die Politik der jetzigen Bundesregierung ist eine Probe aufs Exempel. Im Sinn von Heines Pointe ist die Ampelmannschaft sogar die allerdeutscheste Regierung, die unser Land seit dem Ende des Sozialismus hatte. Der wurde einst in Deutschland als gute Idee erfunden, anderswo freilich allzu schlecht praktiziert. Also sollte wenigstens die DDR beweisen, dass am deutschen Wesen zu genesen der Welt eben doch gelingen könne. Daraus wurde zwar nichts. Warum aber nicht ein ähnliches Fortschrittsexperiment mit diesmal besseren Ideen wiederholen? Etwa nach dem Proletariat wenigstens alle Queere befreien …
Und das natürlich nicht bloß auf dem Meer. Auch nicht nur im eigenen Land. Das riecht ja immer noch nach „Blut und Boden“. Warum nicht Deutschlands Zuständigkeitsbereich kühn erweitern? Nur eben diesmal richtig. Es reicht, einmal nach der realen Weltherrschaft gegriffen und eine Welthauptstadt „Germania“ geplant zu haben. Also auf zur imaginären Weltherrschaft im Reich des Guten, Wahren und Schönen! Dort nämlich haben unsere Goethes und Schillers, unsere Bachs und Mozarts lange schon Eroberungen gemacht.
Von Edelmut und Elefanten
Mit dem realen Deutschland können etliche Regierungsmitglieder, nach eigenem Bekunden, ohnehin nichts anfangen. Sie vermögen keine zu ihm gehörende Kultur zu erkennen, schämen sich des rein Traditionellen, laufen auch schon mal hinter folgendem Slogan her: „Deutschland, du mieses Stück Sch …“. Und auf alle Fälle ist ihnen Deutschland zu klein.
Denn nach politisch-elitärer Meinung lassen sich alle wirklich wichtigen Probleme nur noch jenseits unserer Grenzen lösen. Und zwar von der Sicherung des Weltfriedens über die Abwendung des planetaren Hitzetods bis hin zum Wunsch von Millionen guter Menschen, ihr Lebensglück lieber nicht im eigenen Land zu suchen, sondern in Europa, am besten in Deutschland.
Wie könnte man sich angesichts solcher Aufgaben auf bloße Binnenherausforderungen einlassen wie die Gewährleistung von innerer Sicherheit, von Bildungsstandards, von wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit!
Also umfassen edle deutsche Gestaltungsansprüche nun die ganze Welt. Sie reichen vom Schutz der Elefanten zu Botswana bis zum Radwegeausbau in Peru, von der gendersensitiven Dorfentwicklung in Bangladesch bis zur militärischen Sicherung von Frauenrechten in Afghanistan. Zuversicht stiftet das zumindest so lange, wie es nur um ethische Forderungen und um moralische Ansprüche geht.

Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze besucht Westafrika.
Im Luftraum der Träume
Zwar müssen Politiker manchmal auch für das Verlangte einstehen. Oder wenigstens glaubhaft machen, das von ihnen Vertretene sei ernst gemeint. Dann greift man in den Geldkasten und legt, solange der nicht leer ist, Hilfs- oder Förderprogramme auf. Billiger versucht man es mit symbolischer Politik, etwa mit Reisen einer wohlfrisierten Außenministerin auf untergangsbedrohte Inseln. Und besonders kostengünstig sind Mahnungen an andere, doch gefälligst ihrerseits das zu verwirklichen, was wir selbst für richtig erklären.
Wer deutschen Zusicherungen glaubt, erlebt allerdings immer wieder, dass die Wechsel unserer Weltpolitiker ebenso ungedeckt sind wie unsere Streitkräfte blank und die Staatskassen leer. Nicht nur finanziell, sondern auch noch moralisch schlimm wird es dann aber, wenn etwa der Ukraine nicht nur Stahlhelme, sondern auch Hochleistungswaffen zu liefern wären – oder wenn man das „zu Deutschlands Staatsraison gehörende“ Existenzrecht Israels anders als durch Politikerformeln in Geltung halten müsste.
Tatsächlich ist es nur im Luftraum der Träume so, dass ein bloß durch Wortgebrauch erschaffenes „Sondervermögen“ etwas anderes wäre als ein Haufen neuer Schulden. Oder dass sich weltweite Migrationsursachen bald abstellen ließen, spurten nur wenigstens die anderen EU-Staaten auf Deutschlands Vorbildrolle ein. Oder dass fortan das Weltklima sich nicht mehr wandelte, falls durch Entindustrialisierung oder gar Entsiedelung Deutschlands die CO2-Emissionen dieses Ländchens nichts mehr zur Erderwärmung beitrügen.
Entwicklungshilfe als Selbsttherapie
Warum aber träumen Deutsche sich so gern in eine erlöserische Weltzuständigkeit hinein, wie sie in woker Rhetorik oder in den Haushaltsansätzen unserer Entwicklungspolitik sichtbar wird?
Mindestens drei Gründe sind anzuführen:
Erstens ist da der Wunsch, eine Nation, die – angeblich aufgrund ihrer immer schon verkorksten Charaktermerkmale – einst in die Abgründe von Chauvinismus und Rassismus geraten war, nun zur lichten Höhe ethischer Vorbildlichkeit emporzuführen. Das aber verlangt nach nicht weniger als Menschheitspathos und nach universalen Perspektiven. In Formulierungen, die zur Banalität des dann konkret folgenden Verhaltens passen, kann man hier von Oberlehrergehabe samt moralindurchsäuerter Selbstgerechtigkeit sprechen.
Zweitens war eine zum gemeinsamen politischen Handeln befähigte Staatsnation den Deutschen nur während sehr kurzer Zeitspannen gegeben, nämlich von 1871 bis 1945 und seit 1990 bis heute. Also blieb Deutschlands schöneren politischen Träumereien jener Wirklichkeitstest erspart, an dem die übleren der deutschen politischen Träumereien mehrfach zerschellten. Wundervoll entfalteten sich hingegen die das Nationale übersteigenden deutschen Talente im kulturellen Kosmopolitismus der Weimarer Klassik oder im musikalischen Universalismus der Wiener Klassik. Leider um den Bildungshorizont all dessen geschrumpft, lebt jener Grundantrieb in den Politikprojekten unserer Gutmenschen fort. Letzteres ist lobenswert. Doch scharf zu tadeln sind deren Wissensmängel hinsichtlich der Funktionslogiken von Wirtschaft und Gesellschaft, von Außenpolitik und militärischer Machtprojektion.
Drittens fühlten sich die wenig selbstbewussten Wirtschaftswunderdeutschen immer schon am wohlsten in Spendierhosen. In denen schaffte man eine – freilich auch ernsthaft versuchte – „Aussöhnung“ mit Israel als Heimstatt und Anwalt aller Juden, und in solche kleidet man sich nun bei der „Aufarbeitung“ der deutschen Kolonialvergangenheit. Auch hier ist aber eine gewisse Lust auf solches Reueverhalten unverkennbar, dessen tröstende Kraft mit dem Gewicht der – am Ende nicht ohne Stolz vorgezeigten – Sündenlast zunimmt.
Analytisch kalt besehen, erweist sich auch Deutschlands Entwicklungspolitik, die nur selten an realen Interessen des eigenen Landes ausgerichtet ist, allzu oft als Kette von Selbsttherapieversuchen. Nur schlagen die bis heute nicht an. Das gelingt nämlich nicht im Luftraum von Träumen, sondern allein in einer Wirklichkeit, um deren Eigenlogik man weiß, und der man sich dann bedingungslos stellt.
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