Astropolitik: Wenn der Kampf um Macht und Ressourcen ins All verlagert wird
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Der Weltraum, unendliche Weiten … Mit dem Begriff der Geopolitik ist der geneigte Leser inzwischen vertraut, doch wer hat schon einmal von der sogenannten Astropolitik gehört? Keine Sorge, noch geht es nicht um die Abwehr der Marsmännchen, sondern vorerst dreht sich alles ganz um die Erde, und das ist durchaus wörtlich gemeint.
Hoch über unserem Dasein als Erdlinge kreisen bereits heute über zehntausend Satelliten um unseren Heimatplaneten. Sie bilden eine kritische Komponente für so ziemlich jedes staatliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche und individuelle Handeln. Sie helfen bei Wettervorhersagen, was die Landwirtschaft bereits heutzutage optimiert und die Anzahl von Katastrophenopfern in Extremwetterlagen minimiert. Für die Kommunikation sind sie unerlässlich, und natürlich sind Satelliten mit hochauflösenden Kameras, die sich im geosynchronen Orbit befinden, nicht nur zu Forschungszwecken interessant. Der Weltraum ist drauf und dran, militarisiert zu werden, streng genommen befinden wir uns bereits mitten im Geschehen.
Die Menschheit blickt seit Generationen ins All
Von der neugierigen Einhelligkeit, mit der die Menschen im naiv-fröhlichen Raumschiff-Enterprise-Universum die Galaxie erforschen, sind wir derzeit noch ein paar Jahrhunderte entfernt. Tatsächlich ist das geostrategische Interesse am Weltraum historisch uralt. Seit die antiken Kulturen unseren feuerroten Nachbarplaneten Mars nach ihrem Kriegsgott benannt hatten und Generationen von Seefahrern anhand des Sternenhimmels navigierten, spielt der Weltraum für Kriegsführung und Strategie eine zunehmend wichtige Rolle. Der legendäre chinesische Mandarin Wan Hu soll der Sage nach um das Jahr 1500 herum auf einem mit 47 Feuerwerkskörpern bestückten Raketenstuhl versucht haben, das All zu erreichen. Heute ist ein Mondkrater nach ihm benannt.
Den Sprung von der Geo- zur Astropolitik vollzog aber das 20. Jahrhundert. Ab hier darf das All als eigenständiger Raum gelten (wenngleich das in unmittelbarer Erdnähe immer ein wenig Definitionssache ist). Am 20. Juni 1944 erreichte zum ersten Mal ein menschengemachtes Objekt den Weltraum. Der deutsche Raketenpionier Wernher Freiherr von Braun hatte für den NS-Staat seine berühmt-berüchtigte V2-Rakete konstruiert, deren Einsatz die unvermeidliche Niederlage gegen die Alliierten noch abwenden sollte.

Der deutsche Raketenpionier Wernher Freiherr von Braun hatte für den NS-Staat seine berühmt-berüchtigte V2-Rakete konstruiert.
Weltraum als Bühne des Kalten Krieges
Auf dieses operative Interesse am Weltraum folgten zwei Kapitel des Kalten Krieges, die jeder Astrostratege kennen sollte: das Space Race der 1960er sowie der Star Wars der 1980er Jahre. Zwar gibt es im Weltraum streng genommen kein links und rechts und weder Ost noch West, doch auf der Erde verlief ein Systemkonflikt an eben diesen Linien. Das Rennen zwischen den USA und der Sowjetunion um wissenschaftliche Durchbrüche im Weltraum (erster Satellit, erstes Lebewesen, erster Mensch im All und so weiter) sollte die Überlegenheit des jeweiligen Systems zeigen. Tatsächlich hatten die frühen Erfolge der Sowjetunion in einer Welt der nuklearen Logik immense geopolitische Wirkung auf blockfreie und schwankende Staaten, die sich fragten, ob die USA nicht letztlich unterlegen würden. Immerhin sind Raketen auch immer potenzielle Träger für Atomsprengköpfe aller Art. Letztlich konnte sich die USA durch eine Mondlandung im Jahr 1969 wieder an die Spitze setzen. An der Konstruktion der dafür nötigen Saturn-V-Rakete hatte Wernher von Braun, inzwischen im Dienst der NASA, kräftig mitgewirkt.
Im sogenannten „Star Wars“ der 1980er ging es den Konfliktparteien weniger darum, ihre technische Überlegenheit zu demonstrieren. Zunehmend rückte die Verteidigung und Zerstörung der wachsenden Anzahl eigener und fremder Satelliten in den Fokus. Für das militärisch und zivil genutzte US-Satellitensystem GPS entstanden erst lange nach dem Kalten Krieg ernstzunehmende Alternativen, denn auch hier sind viele Unternehmen und Staaten weltweit wieder einmal auf eine einzigartige amerikanische Fähigkeit angewiesen.

Der sowjetische Pilot Juri Gagarin war der erste Mensch im All.
SpaceX erobert das All
Mit den 2000er Jahren schien sich die Rolle der Staaten und ihrer Militärs im Weltraum zunächst zu verändern. Große Firmen wie das bekannte Unternehmen SpaceX, das Elon Musk gehört, erobern und erschließen das All. Das ukrainische Militär nutzt das für seine Soldaten so wichtige Starlink-System (ebenfalls Musk); staatliche Weltraumagenturen greifen für Forschungsprojekte immer öfter auf private Dienstleistungen zurück. Der technologische Fortschritt im Weltall ist schier atemberaubend. Immer kleinere und leichtere Computer, bessere Rechenleistung und Bildgebung, reduzierter Treibstoffverbrauch und sogar wiederverwendbare Raketen (ebenfalls Musk!) machen das Geschäft mit dem Weltraum beinahe erschwinglich. Reiche Weltraum-Touristen wie Katy Perry spülen Geld und Werbekunden an. Gelingt es Unternehmen, auf dem Mond die riesigen Vorkommen an Rohstoffen wie Lithium oder Helium-3 zu erschließen, könnte das einen regelrechten Goldrausch auslösen. Dann gilt, was auch schon im Britischen Empire galt: „The flag follows the trade.“
Über achtzig Nationen der Erde haben eigene Satelliten im All oder sind an entsprechenden Projekten wenigstens beteiligt. Vier der großen, namentlich die USA, Russland, China und Indien, haben bereits (eigene) Satelliten abgeschossen, um zu demonstrieren, dass sie dazu in der Lage sind. Die Grenzen zwischen Astro- und Geopolitik verschwimmen wieder, und die Staaten bringen sich in eine aktivere Rolle. Das französische Überseegebiet Guyana in Südamerika ist für die EU weltraumpolitisch wichtig, da wegen der Äquatornähe von hier aus die eigenen Raketen ins All starten. Dieses Fleckchen Erde zu verlieren, wäre für Frankreich und die EU in einer Neuauflage des Weltraumrennens zweifellos ein herber Rückschlag.
Militärs planen längst über den Himmel hinaus
Die derzeit laufende Debatte um kleine und kleinste Drohnen, ihrerseits gemeingefährlich, lässt die Diskussion um den Weltraum als militärische Dimension in den Hintergrund treten. Dabei passiert politisch eine ganze Menge. Die bekannteste Maßnahme dürfte die Einrichtung der US Space Force in Donald Trumps erster Amtszeit gewesen sein. Doch auch die Bundeswehr will bis 2030 ganze 35 Milliarden Euro in die Weltraumverteidigung investieren, wie Minister Pistorius auf dem dritten jährlichen Space Congress in Berlin Ende September bekannt gab. Die NATO ihrerseits hat 2021 entschieden, dass auch ein Angriff im Weltraum den berühmten Artikel 5 auslösen kann. Macht der Einsatz des privaten Starlink-Systems für die ukrainische Armee es zu einem legitimen Ziel für die russische Armee, und würde eine kinetische oder eine Cyberattacke des Kremls eine offizielle Reaktion des US-Militärs und der NATO nach sich ziehen? Was nach Science-Fiction klingt, könnte sich schon bald in realen Szenarien niederschlagen, mit denen sich Soldaten, Beamte, Wissenschaftler und Journalisten häufig beschäftigen. Zwischen dem Erstflug der Gebrüder Wright im Jahre 1903 und der Gründung der deutschen Luftwaffe lagen gerade einmal 32 Jahre.

SpaceX schießt mit seinen Falcon-Raketen regelmäßig Starlink-Satelliten ins All.
Deutschlands Raumfahrt – es könnte besser laufen
Apropos Luftwaffe: Wie steht die Bundesrepublik da im Rennen um den Weltraum? Wenig überraschend gilt, wie immer, wenn man heutzutage eine strategische Komponente in Deutschland bespricht, dass es besser laufen könnte. Zwar ist unser Land im All nicht völlig blank, gemessen an unserer (wirtschaftlichen) Größe jedoch nicht engagiert genug. Mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt existiert ein gut vernetzter und renommierter Akteur auf der zivilen Seite. Außerdem gibt es zwei Dutzend Start-ups und Unternehmen, die in diesem Bereich ernsthaft tätig sind. Von der benötigten Größe, um an das Niveau anderer großer Staaten heranzureichen, sind wir dabei jedoch weit entfernt. Das 2021 aufgestellte Weltraumkommando der Bundeswehr wiederum ist als Kommandobehörde bei der Luftwaffe angesiedelt und befindet sich im Aufbau. Es wird von einem engagierten General geleitet, ist bisher jedoch nur eine Schnittstelle. Die wenigen Aufklärungssatelliten, über die die Bundeswehr verfügt, werden außerhalb des Weltraumkommandos bei den Kameraden des „Cyber- und Informationsraumes“ betrieben. Immerhin kann man bei der Bundeswehr seit einigen Jahren offiziell ein „Weltraumfeldwebel“ werden, so die Laufbahnbezeichnung.

Bundeswehr-Stellenanzeige der anderen Art
Alles deutet darauf hin, dass die Geo- und die Astropolitik in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren immer enger und ununterscheidbarer zusammenwachsen werden. Dabei bleiben konkrete physische Positionen auf dem Globus, wie die Lage des eigenen Staatsgebietes, die Verfügbarkeit von Routen und Rohstoffen zum Bau von Satelliten und Raketen sowie geeigneten Startrampen Dreh- und Angelpunkt jeden staatlichen Handelns. Doch der Weltraum wird wichtiger – und damit der Schutz eigener und die mögliche Bekämpfung von feindlicher Infrastruktur.
Elon Musk hat einmal gesagt, dass er auf dem Mars sterben will („aber nicht bei der Landung“). Ich wünsche Ihnen und uns, dass wir alle noch ein bisschen auf der Erde leben.
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Chris Becker
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