Ein steuerfinanziertes Berliner Literaturhaus zensiert einen Autor, weil er bei NIUS die Linkspartei kritisierte
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Das Literaturforum im Brecht-Haus zensiert die Lesung meines Romans „Im langen Sommer geboren“, nachdem ich erzählt habe, dass ich für NIUS tätig bin. Als Begründung gibt das Literaturhaus unter anderem einen journalistischen Beitrag von mir bei NIUS über die Linkspartei an.
Besonders aufregend sind Lesungen eigentlich nicht. Diese aber schon. Ich las aus meinem Debütroman „Im langen Sommer geboren“ im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin. In dem Roman wandelt ein Ich-Erzähler in linken Szenekneipen, auf sexpositiven Partys, Veranstaltungen im Kulturmilieu und im ICE durch verschiedene Stationen der deutschen Linken. Er spielt sogar an einem Ort, der dem Literaturforum verblüffend ähnlich ist und der den Namen „Brecht-Forum“ trägt und sich ebenfalls in der Chausseestraße in Berlin-Mitte befindet.

Am 12. Juni sprach ich mit dem Buchautor Philipp Felsch im Literaturforum im Brecht-Haus über meinen Roman.
Ich war ziemlich aufgeregt. Es war meine erste öffentliche Lesung. Auf dem Podium berichtete ich, wie ich gehört habe, dass es wirklich noch Leute gebe, die Tagesschau sehen, und was mein Roman mit dem „plombierten Wagen“ zu tun hat, mit dem das Deutsche Reich 1917 Lenin von Zürich nach Russland verschickte. Und andere Dinge.
Im Anschluss an die Lesung gab es im Hinterhof einen kleinen Weinausschank mit Stehtischen. Gegen Ende erzählte ich, dass ich nun für NIUS tätig bin. Ich sagte scherzhaft, dadurch seien wir ja „quasi Feinde“, und lachte. Ich fand, es war kein schlechter Witz. Ich hatte früher ab und an mal Auftragsarbeiten für das Haus gemacht, wir kannten uns. Und ein bisschen über sich selbst lachen zu können und Humor braucht es ja, um sich auch über vermeintliche Lager hinweg verständigen zu können.
Im Literaturforum im Brecht-Haus fand man dies offenbar gar nicht lustig. Es dauerte keine 15 Stunden, da teilte man mir in bedeutungsschwangeren Tonfall mit, man habe die Aufzeichnung der Veranstaltung mit mir wieder aus der Mediathek entfernt. Der zuständige, wohl zu bedauernde Mitarbeiter, der mit dieser Aufgabe betraut worden war, klang sehr ernst. Er sagte, er habe den Artikel, den ich bisher für NIUS geschrieben hatte, nicht gekannt, und auch das Portal nicht: „Das passt nicht zu uns“, presste er hervor.

Plötzlich war die Lesung von der Homepage verschwunden.
Danach war die Aufzeichnung der Lesung nicht mehr aufrufbar. Nicht nur der Vorgang, auch die Begründung ist brisant: Denn der Artikel, auf den er sich bezog, beschäftigt sich kritisch mit der Linkspartei. Das Literaturforum im Brecht-Haus wiederum ist staatlich finanziert durch die Stadt Berlin. Laut Senatskulturverwaltung erhielt der Trägerverein „Gesellschaft für Sinn und Form e.V.“ zum Betrieb des Hauses 755.000 Euro Steuergeld im Jahr 2024, im laufenden Jahr seien es 730.000 Euro. Hinzu kämen Projektmittel für z.B. Digitalisierung.
Das Literaturforum im Brecht-Haus, das aus dem Brecht-Zentrum der DDR hervorging, sieht sich selbst in der Tradition Bertolt Brechts. Nach Eigenaussage hat es sich die Aufgabe gestellt, „Debatten über die gesellschaftliche Funktion von Kunst und Kultur zu initiieren und zeitgenössischer Literatur im Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart und in der Auseinandersetzung mit anderen Künsten ein Forum zu bieten.“

Aus diesem Buch las ich am 12. Juni vor dem Publikum des Literaturforums im Brecht-Haus.
Ich habe das Haus gefragt, ob es die verschwundene Lesung jemals wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen wird. Bisher habe ich noch keine Antwort erhalten. Sie wird an gegebener Stelle ergänzt.
Und vielleicht sitzen die Mitarbeiter des Literaturforums im Brecht-Haus noch heute im Archiv beisammen und sehen sich die verschwundene Lesung von „Im langen Sommer geboren“ an.
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Jens Winter
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