Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg: Warum dieser Kommentar von Julian Reichelt nicht unwidersprochen bleiben darf
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Es gibt Sätze, die es nicht verdienen, ohne internen Widerspruch stehen zu bleiben.
Am Mittwoch formulierte Julian Reichelt einen Text zum Nahost-Konflikt, in dem er den Bombenterror der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wie folgt beschrieb:
„Briten und Amerikaner hielten es für geboten und moralisch vertretbar, den Willen der deutschen Zivilbevölkerung durch Flächenbombardements von Städten zu brechen. Sie nahmen den Tod hunderttausender Zivilisten nicht nur in Kauf, sie verursachten ihn ganz bewusst, weil sie der (richtigen) Überzeugung waren, dass es ein befreites und friedliches Europa nur geben könne, wenn Deutschland in jeder Hinsicht gebrochen wäre. Israel steht vor der Aufgabe, vor der auch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg standen: Wie kann es gelingen, den Feind ein für allemal zu vernichten?“
Diese Formulierung sorgte auch redaktionsintern für reichlich Diskussionen. Oft wird im öffentlichen Raum die Plattform NIUS auf Julian Reichelt reduziert. Doch für eine ganze Redaktion kann niemand sprechen.
Über die Beschreibung im besagten Abschnitt müsste man sich weniger aufregen, das entscheidende Wort steht in Klammern. Briten und Amerikaner hätten mit ihren Flächenbombardements der „richtigen“ Überzeugung angehangen. Eigentlich findet man einen solchen Tenor lediglich in Antifa-Magazinen, garniert mit dem Hinweis: „Bomber Harris, do it again!“ Für jeden Menschen, der in seiner Familie mit den grauenhaften Erzählungen der Erlebnisgeneration aufgewachsen ist, bedeutet das hingegen ein Schlag ins Gesicht.
Über Moral und Menschenverachtung
Doch selbst das faktische Argument, die Flächenbombardements der Alliierten hätten eine moralische Wirkung erzielt, hält einer tatsächlichen Überprüfung nicht stand. Wie der Historiker Jörg Friedrich in seinem Werk „Der Brand – Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“ ausführlich dargestellt hat, setzte in der deutschen Bevölkerung durch die Flächenbombardements größtenteils ein gegenteiliger Effekt ein. Die psychologische Wirkung der Abkehr blieb aus, die Bevölkerung widersetzte sich nicht dem Regime. Eine militärische Notwendigkeit des Bombenterrors gab es ohnehin nicht, wie auch Jörg Friedrich in seinem Buch feststellte. Die handelnden Personen wie Arthur Harris, ab 1942 Oberbefehlshaber des Royal Air Force Bomber Commands, folgten stattdessen einer menschenverachtenden Doktrin.

Rosen liegen am 76. Jahrestag der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg auf dem Altmarkt an einer Gedenkstätte, die an die Opfer der Bombardierung Dresdens erinnern soll.
Wann hören die Nazi-Vergleiche auf?
Die bewusste Bombardierung deutscher Zivilisten ohne militärischen Nutzen soll nun also das Vorbild für Israel sein?
Die Konsequenzen einer solchen Doktrin wären jedenfalls fatal, denn Angriffe auf Zivilisten bewirken wie beschrieben immer eine großflächige Solidarisierung. Sie lösen keinen Konflikt, sie befeuern ihn. So ist es und so wird es sich auch in Israel zeigen. Umso härter das Vorgehen der IDF im Gazastreifen ausfallen wird, desto stärker solidarisieren sich Muslime in Israel, im Nahen Osten und in der ganzen Welt mit der Terrororganisation Hamas. Das spricht Israel nicht im Geringsten das Recht auf Selbstverteidigung ab, sondern ist angesichts der sich verschärfenden demographischen Verhältnisse im Nahen Osten eine bloße Feststellung.
Im Kommentar von Julian Reichelt gibt es weitere Textstellen, die einen rationalen Diskurs verunmöglichen. „Der größte Unterschied zwischen der Hamas und der SS ist, dass man die Hamas nur mit einem S schreibt“, meint Reichelt – ein absurder und schiefer historischer Vergleich. Zumal ihm die politische Linke hier zu Recht eine Verharmlosung des Nationalsozialismus unterstellen kann. „Die Verbrechen, die am 7. Oktober von den Einsatzgruppen der Hamas gegen Juden in Israel verübt wurden, finden Vergleichbarkeit nur im Zivilisationsbruch der Deutschen“, schreibt Reichelt weiter. Das ist natürlich ebenfalls historischer Unsinn, da es Morde an Zivilisten, wie sie die Hamas verübt hat, so lange gibt, wie die Menschheit Krieg führt.
Wann aber hören die Vergleiche mit dem Nationalsozialismus auf, fragt man sich? „Zivilisationsbruch“, „Holocaust“, „Nazi-Regime“… Anstatt die Politik im Hier und Jetzt zu kritisieren, ziehen sowohl Akteure der politischen Linken als auch aus dem liberal-konservativen Spektrum ständig die NS-Zeit zur eigenen moralischen Überhöhung heran. Und dies in einer zivilreligiösen Penetranz, wie sie kaum noch zu ertragen ist. Ein rationaler Diskurs wurde hier längst verlassen.
Das liberale Bürgertum agiert plötzlich als Scharfmacher
In Deutschland herrscht beim Thema Israel wie schon bei Corona erneut Bekenntniszwang. Graustufen existieren nicht mehr. Plötzlich hat das liberale Lager, deren Spitzen wie etwa Ulf Poschardt nun eine Radikalität verfechten, die sie selbst vor wenigen Jahren noch als anti-demokratisch gebrandmarkt hätten, eine Art Ersatznationalismus ergriffen. Das vergessen auch Menschen nicht, die vor zehn Jahren für ähnliche Aussagen zur Migration noch gesteinigt wurden. Selbst bekannte Islamkritiker wie Hamed-Abdel Samad, die sich zaghaft sorgen, „wenn Tausende unschuldige Kinder in Gaza durch Luftangriffe getötet werden“, werden mittlerweile per Beißreflex direkt in der Luft zerrissen.
Natürlich ist es erlaubt, aus deutscher Perspektive eine differenzierte Position einzunehmen. Man kann den brutalen Angriff der Hamas verurteilen, sich für das Selbstverteidigungsrecht Israels einsetzen und gleichzeitig das Vorgehen Israels kritisieren, wenn das israelische Militär beispielsweise auch vor über 1000 Jahre alten Kirchen wie St. Porphyrius keinen Halt macht, die im Gazastreifen durch einen, wie die IDF selbst bestätigte, „versehentlichen Luftangriff“ massiv beschädigt wurde. Mindestens 16 Zivilisten starben. Niemand ist gezwungen, sich transatlantischen Scharfmachern wie Roderich Kiesewetter an den Hals zu werfen, die fordern, dass „wir“ (wer ist eigentlich wir?) bereit sind, „mit unserem Leben die Sicherheit Israels zu verteidigen“.
Bei NIUS lassen sich also unterschiedlichste Positionen finden, das gilt auch für andere politische Bereiche. Wer aber eine andere Sicht der Dinge pflegt, wie Julian Reichelt sie in seinen Kommentaren und Videos äußert, der hat auch die Pflicht, für seine Meinung einzustehen und seine Kritik vorzutragen. Das habe ich hiermit getan.
Lesen Sie hier einen weiteren Kommentar von Julian Reichelt: Baerbocks Blabla ist für Israel lebensgefährlich.
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