Der Untergang des Abendbrots
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Wirklich belastbare Zahlen gibt es nicht. Das deutsche Abendbrot atmet noch (wenn es das könnte). 90 Prozent aller Familien sehnen sich angeblich danach. 40 Prozent empfinden das gemeinsame Abendessen aber als stressig. Manchmal braucht man keine Statistiken, um festzustellen, was ist. Das traditionelle Abendbrot, das die Deutschen seit der ersten Eisenbahnfahrt von Nürnberg nach Fürth groß und stark gemacht hat, gibt es in der traditionellen Art nicht mehr. Wenn ja, dann am Samstag. Traditionelle Art – das sind Schwarzbrotscheiben mit Aufschnitt und Käse. Dazu ein paar Tomaten und Gurken. Herrscht schon „Schnittchen-Dämmerung“, wie die Zeit kalauerte?
Die ganze Familie an einem Tisch – das ist fast zum Luxus geworden. Oft gibt es diesen einen Tisch gar nicht, Möbel müssen „multitasken“. Also Platz bieten für Laptop und laktosefreie Lebensmittel, für Softdrinks und Salat. Und dann sollen noch Stullen hinpassen. Und ein Handy für jedes Familienmitglied.

Ein Negativbeispiel: Statt eines Mahls in geselliger Runde wird oftmals mit dem Handy gechattet – hoffentlich wenigstens miteinander.
Dem einen schmeckt es nicht, der andere hat keinen Hunger
Unter solchen Bedingungen ist das klassische Abendessen schon fast anachronistisch geworden. „Der Tisch ist kein Reparaturbetrieb, eher eine Lupe“, formuliert der Schriftsteller Peter Praschl in der Welt. Was er meint: Es ist heute schwer, alle zum gemeinsamen Abendessen an einen Tisch zu bringen. Dem einen schmeckt es nicht, der andere hat keinen Hunger. Die Tochter ist schlecht gelaunt, weil die Mutter dauernd nach der Mathearbeit fragt. Der eine kommt immer zu spät, der andere spielt immer an seinem Handy und interessiert sich nicht dafür, worüber gerade gesprochen wird.
Das traditionelle Abendessen – auch mit hartgekochten Eiern – wird bei uns zwischen 17 und 19 Uhr serviert. In südlichen Ländern wie Spanien und Italien ist das ganz anders: Dort ist das Abendessen immer warm, Brote gelten als Vorspeise. Kaum einer isst vor 21 Uhr zu Abend, auch nicht die Kinder. Diese Tradition hat sich von Generation zu Generation nicht geändert.
Müssen wir Angst haben vor dem Untergang unseres Abendbrots? Irgendwie wissen die meisten Familien, dass die Zeiten für das gemeinsame Abendbrot seltener geworden sind. Der Ruf „Das Essen ist fertig“ hat etwas Archaisch-Schönes. Aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir: Man kann nicht erzwingen, was nicht aus dem Herzen kommt. Wer kleine Kinder hat, sollte ein gemeinsames Abendessen unbedingt anstreben, wer größere Kinder hat, sollte es wenigstens am Wochenende versuchen.
Gemeinsames Abendbrot ist etwas Erhabenes. Natürlich kann man auch ohne leben. Aber man lebt nicht so gut.
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Louis Hagen
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