Anne Frank im Pali-Tuch, „Shoah-Erinnerungskapital verspielt“: Die perverse Umdeutung des Holocaust ist so gefährlich wie beschämend
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Vor unseren Augen wird Geschichte geklittert, werden Queere als Opfer der Nazis herausgestellt, Juden zu Tätern gestempelt. Institutionen, die über die Shoah aufklärten, betreiben Kulturkampf von links, Muslime führen sich als Opfer Israels auf. Die Erinnerung an den Holocaust wird ausgerechnet in Deutschland, das aus seiner Geschichte gelernt haben will, pervertiert.
Es ist etwas faul mit der Erinnerung im deutschen Staat. Waren es früher nur als „unbelehrbar“ bezeichnete Zeitgenossen, die einen „Schlussstrich“ forderten, rotten sich heute Linksextremisten und Islamisten zusammen, um dem jüdischen Staat einen „Holocaust“ an den Palästinensern zu unterstellen und gleichzeitig die Vernichtung Israels zu fordern („From the River to the Sea“).
Sie finden Anschluss an einen gesellschaftlichen Mainstream, der alles zu „kontextualisieren“ versucht, der den Holocaust zunehmend nicht als Verbrechen an sechs Millionen Juden begreift, sondern lediglich als Beispiel für auf die Spitze getriebene Menschenfeindlichkeit, die im Grunde jeden treffen kann, der einer „marginalisierten Gruppe“ angehört.
Betriebsunfall der deutschen Geschichte?
Das ist mittlerweile das, was selbst Institutionen, die sich einst der Erforschung und Vermittlung der Judenverfolgung zu widmen versprachen, in unseren Tagen predigen. Nehmen wir das Fritz-Bauer-Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust in Frankfurt am Main. Benannt ist es nach dem ehemaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903–1968), der als Jude vor den Nazis nach Skandinavien flüchtete. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er zurück und wurde zum Pionier in der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen, insbesondere durch seine Rolle bei den Auschwitz-Prozessen in den 1960er-Jahren.

Fritz Bauer musste nicht mehr erleben, dass ein nach ihm benanntes Institut Gäste einlädt, die den jüdischen Staat verleumden.
In einer Zeit, in der viele noch das zwölf Jahre währende „1000-jährige Reich“ als Betriebsunfall der deutschen Geschichte betrachteten, agierte Bauer („Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland“) aus guten Gründen vorsichtig, etwa als er dem Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann auf die Spur kam und lieber den israelischen Mossad informierte als die deutschen Behörden, von denen er befürchtete, sie könnten Eichmann warnen.
Bauer erkannte, dass Judenhass nicht mit dem Ende des Dritten Reiches verschwand, sondern in Form von „sekundärem Antisemitismus“ – also Schuldabwehr und Verharmlosung – fortbestand. Das Institut wurde dementsprechend als unabhängige Einrichtung konzipiert, die durch Ausstellungen, Publikationen und Bildungsarbeit den Holocaust und seine Ursachen beleuchtet. Frühe Projekte konzentrierten sich auf die Analyse antisemitischer Ideologien, wie sie in der NS-Zeit kulminierten, und auf die Förderung einer kritischen Erinnerungskultur.
Verspielt Israel das „Shoah-Erinnerungskapital“?
Doch längst hat das Institut eine ideologische Drift nach links vollzogen. Aktuelle Projekte und Veranstaltungen, wie sie auf der offiziellen Website des Instituts beschrieben werden, umfassen Themen wie „Rechter Rand und demokratische Mitte – Extrem rechte Politik nach 1945“. Antisemitismus wird häufig in einen breiteren Kontext von „Rechtsextremismus“ und „Rassismus“ eingebettet und nicht in all seinen Formen thematisiert; der Holocaust wird zu einem Beispiel unter vielen für „strukturelle Diskriminierung“, was den einzigartigen Charakter des systematischen Völkermords an Juden verwässert.
Linker und auch muslimischer Antisemitismus – die aktuell größte Gefahr für Juden – passen nicht in dieses Bild. Nur so konnte es passieren, dass dieser Tage Prof. Dr. Moshe Zimmermann einen Vortrag mit dem Titel „Der Gazakrieg. Wie das Shoah-Erinnerungskapital verspielt wird“ in der Goethe-Universität Frankfurt am Main halten durfte. Zimmermann, in Israel eine kaum beachtete Figur, wird hierzulande, etwa im Deutschlandfunk, gern interviewt, weil er die israelische Politik massiv kritisiert. In Frankfurt sprach er über Shoah und Nakba, über Kontextualisierung und Vergleichbarkeit historischer Ereignisse. Kräfte in Israel würden mit dem „Erinnerungskapital“ missbräuchlich umgehen, etwa indem sie Verbindungen zwischen nationalsozialistischem und islamistischem Antisemitismus herausstrichen.

Der Historiker Moshe Zimmermann bedient gern antiisraelische Narrative.
Dies würde dann wiederum die Araber animieren, Vergleiche zwischen Holocaust und Nakba (Flucht der Araber im Krieg 1948/49) zu ziehen. Nichts passiere „im luftleeren Raum“, was schon UNO-Generalsekretär António Guterres im Zusammenhang mit dem 7. Oktober behauptete. Andere sprechen im gleichen Geiste davon, dass das grausamste Massaker an Juden seit der Shoah eine „Vorgeschichte“ habe.
Sehnsucht nach dem Schlussstrich
Nicht nur der Name Fritz Bauers, der in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen eine wichtige Rolle spielte und Ermittlungen gegen Beschuldigte aus der Berliner „Euthanasie“-Zentrale leitete, wird heute dazu missbraucht, den Staat der Juden anzuklagen. Aus der „Jugendbegegnungsstätte Anne Frank“, einst ins Leben gerufen zum Gedenken an das jüdische Mädchen, das im KZ Bergen-Belsen zugrunde ging, wurde die „Bildungsstätte Anne Frank“. Die steuerfinanzierte Institution fühlt sich längst für alle „marginalisierten“ Minderheiten zuständig (auch für „Sinti*zze und Rom*nja, BIPoC, queere Menschen“) und agitiert gegen die „rechtsextreme AfD“. Islamischer Antisemitismus? Kein Thema, stattdessen wird Kritik daran als „antimuslimischer Rassismus“ diskreditiert.
Anne Frank wird heute von Antisemiten für das Anschwärzen Israels missbraucht. Eben zeigte ein Machwerk des italienischen Künstlers Costantino Ciervo im Potsdamer Museum Fluxus+ Anne mit einer Kufiya, dem Palästinensertuch. Ähnliche Darstellungen finden sich auch immer wieder bei Gaza-Demos. Sie sollen das palästinensische Narrativ untermalen, „Opfer der Opfer“ zu sein, Israels Krieg gegen die Hamas soll delegitimiert werden.

Perverse Kunst: Holocaust-Opfer Anne Frank mit Palästinensertuch in einer antiisraelischen Ausstellung in Potsdam
Ganz neu ist das durchaus nicht. „Wie die Juden Opfer der deutschen Nazis waren, so sind die Araber nunmehr Opfer der Israelis“, schrieb Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, der lange vor Björn Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal als ein gegen Deutschland gerichtetes „Schandmal“ bezeichnete. Die Sehnsucht nach einem Schlussstrich unter die nationalsozialistische Terrorherrschaft war immer präsent. Und in dem Maße, in dem man Israel unterstellte, den Palästinensern Ähnliches anzutun wie die Nazis den Juden, entlastete man sich vom eigenen historischen Gepäck.
Die „Moralkeule“ wird noch immer beklagt
Geschichte als Projektionsfläche deutscher Entlastungsbedürfnisse – das steckte auch hinter dem „Historikerstreit“ Mitte der 1980er-Jahre und vor allem der Walser-Bubis-Kontroverse 1998. Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche hielt der Schriftsteller Martin Walser eine Rede, in der er von Auschwitz als „Moralkeule“ und der „Monumentalisierung“ und „Dauerrepräsentation der Schande“ durch das Berliner Holocaust-Mahnmal sprach.
Auschwitz, so Walser, eigne sich nicht dafür, „Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“. Mit der Pflichtübung mochte er recht haben – allzu oft kontrastieren die Sonntagsreden der Politiker mit ihrem praktischen Handeln –, doch sprach aus seinen Worten klar der Wunsch, (zeit-)geschichtlichen Ballast abzuwerfen.

Martin Walser beklagte in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche 1998 eine „Moralkeule“.
Wie weit sind Walsers Äußerungen von Bundesaußenminister Johann Wadephuls Aussage entfernt, sich einer „Zwangssolidarität“ mit Israel zu verweigern? Oder Bundeskanzler Merz’ Versicherung, aus historischen Gründen zu Israel zu stehen, was sich so anhört, als müsse er das eben tun, auch wenn es ihm gar nicht behagt – statt deutlich zu machen, dass Israel einen Feind bekämpft, der auch uns ans Leder will? Wie sein Wort von der „Drecksarbeit“ zeigt, hat er das doch eigentlich begriffen.
„Free Palestine from German guilt“?
Was sich gegenwärtig auf Deutschlands Straßen und Plätzen beobachten lässt, gibt all jenen Auftrieb, die das Bedürfnis verspüren, endlich den Holocaust-Ballast abzuwerfen. Die neuen Verbündeten sind jene, die vor allem in den vergangenen zehn Jahren in Millionenstärke ins Land strömten. Der Slogan „Free Palestine from German guilt“ (Befreit Palästina von deutscher Schuld) muss denen, die meinen, es müsse aber nun auch endlich mal gut sein mit dem „Schuldkult“, runtergehen wie Öl. Er impliziert den Vorwurf, Israel nutze das Holocaust-Gedenken, um selbst Verbrechen zu begehen, und Deutschland unterstütze den jüdischen Staat nur aus „historischer Verantwortung“. Die Opfer von damals seien die Täter von heute, die Palästinenser die „neuen Juden“.
Diese perfide Darstellung scheint anschlussfähig zu sein. Schon 1969 schrieb der Kommunarde Dieter Kunzelmann vom „Judenknax“, den es zu überwinden gelte, schließlich müsse man „die faschistische Ideologie des Zionismus“ bekämpfen und Solidarität mit Arafats Al-Fatah zeigen, „die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von gestern und heute und seine Folgen aufgenommen hat“.
Das sah das DDR-Regime ganz ähnlich, das sich nicht für die Shoah verantwortlich fühlte, ohnehin auf die kommunistischen Opfer der Nazi-Herrschaft fokussierte, gewohnheitsmäßig gegen die „Mörderbande in Tel Aviv“ (gemeint: die Regierung in Jerusalem) hetzte sowie PLO-Terroristen ausbildete und ihnen Unterschlupf gewährte.
Begleichen einer historischen Rechnung
Wer den jüdischen Staat mit Dreck bewirft, ob Rechts- oder Linksextremer, hat offenbar das Bedürfnis, von historischer Schuld oder auch nur Verantwortung entlastet zu werden. Seht her, rufen sie, wir haben aus der Geschichte gelernt, setzen uns für Minderheiten, Bedrängte und strukturell Benachteiligte ein, aber die Juden haben sich zu schlimmen Aggressoren entwickelt, die den friedlichen Nahen Osten immer wieder in Kriege stürzen. Na, wenn damit keine historische Rechnung beglichen ist!
Natürlich ist der Versuch, die Opfer zu Tätern zu machen, eine historische Perversion, wie das Spruchband „Nie wieder Völkermord – Freiheit für Palästina“, das Hamas-freundliche Aktivisten kürzlich am Brandenburger Tor anbrachten. Selbst das „Nie wieder“ haben sich jene angeeignet, die mit dem entsetzlichen Pogrom vom 7. Oktober 2023 kein Problem haben, es im Gegenteil als „legitimen Widerstand“ feiern, der schließlich „eine Vorgeschichte“ habe.

„Free Palestine from German guilt“: Slogan bei einer Demo vor dem Auswärtigen Amt in Berlin.
Schon 2017 hatte eine arabischstämmige Mitarbeiterin des Anne Frank Zentrums in Berlin, Nesreen Hajjaj, versucht, die Palästinenser als „Opfer der Opfer“ darzustellen. Bei Al Arabiya sagte sie, viele Dinge seien den Juden angetan worden, die heute den Palästinensern (von Israelis) zugefügt würden. Was damals noch von Leuten ohne zahlenmäßige Relevanz verbreitet wurde und daher keine Welle der Entrüstung auslöste, ist heute Alltag: Der jüdische Staat wird permanent delegitimiert, ausgegrenzt und auf allen Ebenen bekämpft.
Täter-Opfer-Umkehr
Der rabiate Antisemitismus der muslimischen Migranten, größtenteils aus Ländern wie Syrien, Irak, dem Libanon und den Palästinensergebieten zugewandert, wird, so ist zu befürchten, über kurz oder lang dazu führen, dass die Erinnerung an die Shoah verblasst, ja schlimmer noch: eine Umdeutung des Menschheitsverbrechens stattfindet. Vor fast drei Jahren freute sich die „Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung“ Ferda Ataman darüber, „dass der Deutsche Bundestag in der Gedenkstunde am 27. Januar wegen ihrer sexuellen Identität verfolgte Menschen in den Mittelpunkt [sic!] der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus“ stellte.
Wenn Islamisten und Linke an Einfluss gewinnen, ist der Tag nicht mehr fern, an dem Kindern in der Schule beigebracht wird, dass der Holocaust an Homosexuellen, Sozialisten und Sinti und Roma verübt wurde, während die Juden ihr Schicksal aufgrund einer „Vorgeschichte“, die sich konstruieren lassen dürfte, irgendwie verdient hatten. Als Völkermörder an den Palästinensern und die „neuen Nazis“ wird man sie ohnehin verunglimpfen, es geschieht ja jetzt schon. Ekelhafte Auschwitz-Gaza-Vergleiche und Darstellungen des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu als Hitler fluten das Internet und werden auch offen auf Gaza-Kundgebungen gezeigt.

Israel-Hasser setzen Bibi Netanjahu mit Hitler gleich.
Andererseits wird Hitler in der arabischen Welt gern als Organisator der fast perfekten Judenvernichtung gefeiert, logisch ist das schwerlich zu erklären. Man muss sich auch noch entscheiden, ob man den Holocaust leugnen, verharmlosen oder als Blaupause für Israels Krieg in Gaza darstellen will. Vielleicht lässt sich der logische Spagat ja mit Schützenhilfe der Antisemiten von links und rechts und gern auch der Fritz-Bauer-Stiftung und der Bildungsstätte Anne Frank auflösen. Die agieren zwar kaum im Sinne ihrer verfolgten Namensgeber, arbeiten aber fleißig daran, Vergangenheit und Gegenwart umzuschreiben, um die Zukunft zu verändern. In der dürfen sich Muslime dann ganz und gar als Opfer aufführen und ihre linken Verbündeten als ihre Beschützer. Dann ist die historische Schuld getilgt.
Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz
In Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ sinnierte die Figur Hans von Gluck einst: „Und Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da. Wär’ er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen. Sie haben vergessen, ihn zu vergasen. Das ist kein Witz, so denkt es in mir.“
Henryk M. Broder schrieb später: „Diese Worte sind einfach genial. Kein Vorurteilsforscher hat das dumpfe Grollen in den Untiefen der antisemitischen Seele besser analysiert, ein Ressentiment zutreffender beschrieben, das den Juden die Schuld am Hass gegen sie gibt, einfach weil sie da sind. Die Wut der Täter auf die überlebenden Opfer, deren Existenz eine schmerzliche Erinnerung und eine unerträgliche Provokation zugleich ist, legt die Grundlage für einen Antisemitismus wegen Auschwitz.”
Auschwitz wird wohl als diffuses Mahnmal für Menschenfeindlichkeit fortbestehen. Und wenn dereinst das jüdische Leben, das zu schützen man immer wieder beschwört, aus unserem Land verschwunden sein wird, mag das schlechte Gewissen unter Deutschen zur Ruhe kommen oder gar verschwinden. Aber die Schande bleibt.
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