Die respektloseste Debatte des Jahres: Jetzt wollen sie Opa aus dem Haus werfen, weil er Wohnraum blockiert …
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Noch vor vier Wochen war Remigration das Unwort der Nation, jetzt ist die Umsiedlung größerer deutscher Bevölkerungsteile selbst bei der Süddeutschen Zeitung plötzlich salonfähig.
Nur, dass man bei den Kollegen in München nicht eingewanderte Straftäter ins Ausland, sondern Oma und Opa aus ihrem Eigenheim vertreiben will, das sie vorher mit versteuertem Einkommen abbezahlt haben. Es sei höchste Zeit für ein paar Umzüge, heißt es bei der SZ und hält Statistiken bereit, wonach skandalöser Weise ältere Menschen oft alleine auf zu vielen Quadratmetern, mit zu vielen Zimmern – oder gar in einem Einfamilienhaus leben. Das wiederum ist asozial gegenüber jungen Familien, die diesen Wohnraum viel dringender brauchen und außerdem schädlich für das Klima, wenn das alles auch noch beheizt wird.
Ja genau, was beanspruchen diese alten Leute auch so viel Platz für sich allein, wo doch so viele junge Menschen auf Wohnungssuche sind, in engen Verhältnissen hausen und diese schönen Eigenheime doch viel dringender brauchen als so eine alte Witwe mit ihrem Rollator? Ganz zu schweigen davon, mit wie vielen Ehefrauen und Kindern der arme Geflüchtete Mohammed untergebracht werden könnte, würden diese störrischen Alten endlich einsehen, dass es asozial ist, in ihrem Häuschen zu bleiben, anstatt in ein praktisches Zwei-Raum-Altenheim-Silo umzuziehen.

Ein Rausschmiss schön in Szene gesetzt: Ausschnitt aus dem SZ-Artikel
Nun ist der Slogan „Wir haben Platz“ zwar ein geflügeltes Wort jeder Antirassismus-Demo, um jeden Weltbürger zum dauerhaften Wohnsitz nach Deutschland einzuladen. So viel Platz scheint dann allerdings doch nicht da zu sein, jedenfalls nicht im Warmen, wenn der Wohnraum nicht einmal für jene reicht, die frei nach Angela Merkel „schon länger da sind“. Es muss also Platz geschaffen werden und als Erstes sollen Oma und Opa aus dem Weg geräumt werden.
Das Rentner-Bashing hat Tradition
Nun hat das Rentner-Bashing im medial linksorientierten und umweltbewegten Teil der Medienlandschaft inzwischen eine lange Tradition. Bereits im Jahr 2020 erfreute der WDR-Kinderchor auf Kosten der Zwangsgebührenzahler das alternde Publikum von ARD und ZDF mit dem adretten eingesungenen Lied „Oma ist ’ne alte Umweltsau“, bei dem Oma im Liedtext nicht nur im Hühnerstall Motorrad fuhr, sondern auch als Umweltsau zehnmal im Jahr auf Kreuzfahrt ging, Discounterbilligfleisch verzehrte und mit ihrem SUV die armen Opas samt Rollatoren überfuhr. Ha ha, lustig. Der alte weiße Mann hat ja bekanntlich sowieso Schuld am Klimawandel und der Ressourcenverschwendung der Erde, jetzt ist aber auch seine Frau mit am Pranger, wenn sie als Witwe ihr Eigenheim beheizt, wo doch drei Kubikmeter warme Atemluft auch reichen würden, um sie am Leben zu erhalten.
So respektlos und dreist, wie man bei der Süddeutschen Zeitung die junge Generation auf die Alten hetzt, habe ich es aber noch nie medial formuliert gefunden, gleichzeitig scheint das Thema „die Alten verbrauchen zu viele Ressourcen und auch zu viel Wohnraum“ in der wattebauschgepuderten Klimaretter-Generation Z ein echter Dauerbrenner.
Bereits vor einer ganzen Weile berichteten mir Bekannte von der Ansprache ihrer eigenen Kinder, die nach Rückkehr von einem entsprechend progressiven Seminar in der Hauptstadt den eigenen Eltern wortreich erklärten, warum es moralisch nicht mehr lange vertretbar sei, dass sie in dem hübschen Architektenhaus, in dem sie ihre Kinder großzogen, noch lange wohnen bleiben, schließlich sei das aus Klimagründen eine unglaubliche Verschwendung von Energiekosten und eine unfaire Beanspruchung von Wohnraum.

Kinder singen über die „Umweltsau“
Merke: Das Elternhaus ist klasse, solange man selbst dort mit eigenem Zimmer, Garten und Pool großwerden darf. Man lässt sich auch von Oma und Opa zu allen Feiertagen gerne ein paar Scheine zustecken, den Führerschein finanzieren oder gleich das Studium, um dann dieselben Menschen, die mit harter Arbeit, vernünftigem Wirtschaften und Verantwortungsbewusstsein für ihre Nachkommen ein abbezahltes Eigenheim als Alterssicherung geschaffen haben, mit moralisch erhobenem Zeigefinger als Umweltsünder und Sozialschmarotzer aus genau diesem Haus zu vertreiben.
Der renitente Alte ist der neue soziale Gefährder
Die Redakteure der Süddeutschen schlagen nun genau in dieselbe Kerbe und machen auch gleich das ganz große Fass auf. Wir lesen, dass Rentner so viel Wohnraum für sich beanspruchen, sei eine gesamtgesellschaftliche Katastrophe und werfe außerdem die ethisch-moralische Frage auf: „Darf eine Bevölkerungsgruppe so leben, wie sie will, auch wenn sie damit einer anderen schadet?“ Aber auch, was der Staat tun dürfe, um dieses Ungleichverhältnis zu ändern? Der Rentner als Sozialschädling, gegen den der Staat doch vorgehen muss.
Wo kommen wir denn da hin, wenn alle leben, wie sie wollen oder gar, wo sie wollen? Wieso haben die überhaupt Immobilienbesitz und teilen das nicht sozial auf? Wieso verzichten die Rentner nicht? Wenig überraschend kommt man dann zum Ergebnis, ich zitiere nochmal: „Da schadet eine Bevölkerungsgruppe der anderen ganz massiv. In ihrer Entfaltung, in ihrer Entwicklung, im Zusammenleben. Die radikal einfache Lösung: Opa muss umziehen.“ Dazu hat man sich bei der Süddeutschen auch ein paar Anreize ausgedacht, wie man den Widerstand renitenter Alter brechen kann, indem man etwa eine „Alleinwohnsteuer“ einführt für jene, die es wagen auf zu vielen Quadratmetern alleine zu wohnen, anstatt sich nur in ihrem staatlich genehmigten Planquadrat zu bewegen.
Nun bin ich ja nur Laie in Sachen nationaler Wohnraumplanung. Aber wäre es nicht ein ganz revolutionärer Gedanke, angesichts von Wohnungsnot einfach Wohnungen und Häuser zu bauen, anstatt Menschen aus großen Wohnungen in (nicht existente) kleine Wohnungen zu vertreiben und sie als Zugabe auch noch für die Schaffung von Immobilieneigentum zu beleidigen?

Die Wohnungsnot ist ein zentrales Problem deutscher Großstädte.
Stattdessen wird der Rentner, der an seinem wohlverdienten Lebensabend einfach nur friedlich in seinem selbstgebauten, selbst bezahlten Haus leben und nicht umziehen will, zum Sozialschädling erklärt. Auch so kann man Menschen stigmatisieren und enteignen, indem man sie zu gesellschaftlichen Gefährdern macht, wenn sie ihre einzige Alterssicherung und ihre selbst geschaffene Lebensleistung auch wirklich nutzen. Dieselbe Generation, der man gerade ihr Eigenheim vorwirft, wird zudem von der Generation ihrer Enkelkinder permanent dafür beschimpft, dass sie vorhat, ihnen ein Vermögen oder das Haus zu vererben, weil in ihrer Denkschule auch das Weiterreichen von Familienvermögen ein asozialer Vorteil ist, der nur die Schere zwischen Arm und Reich vergrößere.
Was man im intellektuell niederschwelligen Teil mancher Redaktionen und Seminare offenbar noch nicht verstanden hat ist, dass eine Gesellschaft, in der es sich nicht mehr lohnt, Immobilien und sonstige Vermögenswerte anzustreben, weil man im Alter sowieso durch Steuern dafür abgestraft oder alternativ zum Umzug in eine Altersabstellkammer genötigt wird, nicht etwa zu mehr Gerechtigkeit zwischen der jungen und alten Generation führt, sondern dazu, dass niemand mehr in Immobilien als Alterssicherung investiert und die Wohnungsnot in ein paar Jahrzehnten noch größer wäre.
Schöner sterben
Jetzt fehlt nur noch der Artikel, in dem schon mal moralisch unterfüttert die Frage gestellt wird, ob es nicht überhaupt asozial ist, als alter, nutzloser Mensch den Jungen, der Solidargemeinschaft und den Krankenkassen immer noch auf der Tasche zu liegen, anstatt direkt in einen Sarg umzuziehen. Die Berechnungen der Krankenkassen liegen doch längst vor, dass ein Mensch im letzten Drittel seines Lebens mehr kostet, als sein gesamtes Leben zuvor und angesichts der fehlenden Pflegeplätze und Krankenhausbetten ist eine Triage zugunsten von jungen produktiven Menschen doch nun wirklich einen Gedanken wert, oder nicht? Bestimmt kann irgendein Ökoinstitut noch die CO2-Menge ausrechnen, die so ein alter Mensch pro Jahr ausstößt, vor allem wenn er dazu noch SUV fährt, Fleisch isst und auf Kreuzfahrtschiffen flaniert. Unverantwortlich, diese alten Umweltsäue.
Es fehlt also nur noch eine auf Ideologie getrimmte Legalisierung der Sterbehilfe, damit das sozialverträgliche Frühableben auch umgesetzt werden kann, wenn man die einsamen alten Witwen überzeugt hat, dass es doch auch für sie kein Leben mehr ist, so allein in einem trostlosen Zimmer der Altenpflegeanlage. Nennen wir es einfach ein Schöner-Sterben-Gesetz, das klingt ja auch besser als „Die Oma muss weg.“
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Birgit Kelle
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