Dieser Film traut sich, groß zu fühlen: Warum „Wuthering Heights“ die Liebe zu einem lang ersehnten Kinoerlebnis macht
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Sara DouedariPünktlich zum Valentinstag kam „Wuthering Heights“ in die Kinos. Emerald Fennell inszeniert Emily Brontës „Sturmhöhe“ neu. Kaum eine Liebesgeschichte ist so oft erzählt worden wie die von Cathy und Heathcliff. Kaum eine andere ist so sehr zum literarischen Mythos geworden. Eine Verbindung, so tief, dass sie wehtut.
Und doch fühlt sich diese Version der Geschichte vom ersten Moment anders an. Sie ist direkter, leidenschaftlicher und noch näher an den Figuren des großen Klassikers. Wenn es diesem Film nicht gelingt, die Liebe zurück ins Kino zu bringen, dann schafft es keiner.

Eine kompromisslose Liebe vor rauer Landschaft.
Im Kinosaal herrscht Dunkelheit. Noch bevor etwas auf dem Bildschirm zu sehen ist, hört man ein Stöhnen. Für einen Moment klingt es, als lägen zwei Körper nebeneinander. Dann geht langsam das Licht auf und es erscheint ein Balken im Bild. Ein Mann hängt daran, sein Körper zuckt. Es ist das Röcheln eines Sterbenden. Neben dem Galgen stehen Kinder. Sie beobachten das Schauspiel, stupsen sich gegenseitig an, lachen, einer zeigt auf die Hose des Toten. So beginnt „Wuthering Heights“.
Nach zwei Minuten ist klar: Das hier wird kein hübsches Literaturkostüm, sondern ein Film, der nichts beschönigt. Fennell interessiert sich nicht für Nostalgie. Sie geht näher ran – an Körper, an Schmerz, an alles, was Liebe unangenehm und existenziell macht.

Cathy & Heathcliff — Hier draußen gehören sie nur einander.
Eine Liebe nimmt ihren Lauf
Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Die junge Catherine Earnshaw (von Margot Robbie gespielt) wächst im späten 18. Jahrhundert auf dem abgelegenen Anwesen Wuthering Heights auf. Ihre Mutter ist tot, der Vater trinkt, und außer der Haushälterin Nelly Dean gibt es niemanden, der sich wirklich um sie kümmert. Eines Tages bringt der Vater einen misshandelten Jungen mit nach Hause, den er auf der Straße aufgesammelt hat. Catherine gibt ihm den Namen Heathcliff (von Jacob Elordi gespielt) – und macht ihn zu ihrem Verbündeten. Von da an sind die beiden unzertrennlich. Sie streifen über das Moor, schlafen unter freiem Himmel, trotzen Wind und Regen. Aus einer Kindheitsfreundschaft wird eine Bindung, die sich nicht mehr lösen lässt.

Cathy zwischen Luxus und Leere – ein Leben, das Sicherheit verspricht, aber keine Ruhe.
Jahre später steht die Familie finanziell vor dem Ruin. Catherine entscheidet sich für Sicherheit und nimmt den Antrag des wohlhabenden Edgar Linton an. Eine vernünftige Entscheidung, die ihr ein stabiles Leben verspricht – und Heathcliff das Herz bricht.
Er hört nur einen Teil ihres Gesprächs mit der Haushälterin Nelly, glaubt, sie schäme sich für ihn, fühlt sich verraten und verschwindet noch in derselben Nacht, ohne ein Wort des Abschieds. Was er nicht mitbekommt: Cathy liebt ihn. Am nächsten Morgen will sie die Hochzeit absagen. Doch da ist er längst fort. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Fünf Jahre später kehrt Heathcliff als wohlhabender, selbstbewusster Mann zurück. Kaum stehen sie sich gegenüber, ist die alte Nähe wieder da. All die Kindheitserinnerungen, die Sehnsucht und die Loyalität, die sie sich einst schworen.
Es ist kein Neuanfang, sondern ein Gefühl, das nie verschwunden war. Endlich darf diese Liebe Raum einnehmen – und richtet doch mehr Schaden an, als sie heilt.
Schließlich treibt es der eifersüchtige Heathcliff auf die Spitze. Er heiratet ausgerechnet Isabella, Edgars jüngere Schwester. Nicht aus Liebe, sondern aus Trotz, als wollte er sich mit aller Macht in Cathys neues Leben drängen.
Von da an wird jede Begegnung komplizierter, verletzender, unausweichlicher.
Mehr als nur eine Adaption
Wer Emily Brontës Roman kennt, wird einige Einzelheiten vermissen. Im Buch geht es nicht nur um eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, sondern um soziale Hierarchien, Misshandlung und Ausgrenzung. Brontë erzählt über zwei Generationen hinweg von Klassenunterschieden und Gewalt – und davon, wie Traumata innerhalb der Familie weitergegeben werden.
Emerald Fennell interessiert sich weniger für diese gesellschaftliche Dimension als für die körperliche und seelische Intensität der Beziehung zwischen Cathy und Heathcliff. Sie streicht große Teile der Nebenfiguren und konzentriert sich fast ausschließlich auf das Paar.
Das Ergebnis wirkt stellenweise wie lebendig gewordene Romantik: Regen rinnt über Gesichter, Schweiß glänzt auf der Haut, Stoffe kleben an den Körpern. Alles ist aufgeladen, alles scheint auf eine große Explosion der Gefühle zuzusteuern.
Margot Robbie spielt Cathy dabei mit einer Radikalität, die man von ihr selten sieht. Sie ist laut, impulsiv und unberechenbar. Nichts an ihr ist kontrolliert oder „liebenswert“ im klassischen Sinne – und gerade deshalb so überzeugend. Diese Frau fühlt alles zu stark. Jacob Elordis Heathcliff ist ihr perfektes Gegenstück. Wenig Worte, viele subtile Blicke. Man sieht ihm an, wie viel sich in ihm aufstaut. Wenn die beiden zusammen im Raum sind, wird es sofort elektrisch. Man wartet nicht auf Dialoge, sondern auf den Moment, in dem sie sich entweder küssen oder aus Verzweiflung hassen.

Thrushcross Grange: Opulent, perfekt, und ein wenig zu schön, um wahr zu sein.
Ein Film, der wieder tief fühlen lässt
Die Beziehung zwischen Cathy und Heathcliff ist keine zärtliche Liebesgeschichte. Sie provoziert, sie schmerzt, sie fühlt sich beinahe verflucht an. Timing, das nie stimmt. Sehnsucht, die zu groß wird. Entscheidungen, die immer zu spät kommen. Als Cathy stirbt, bleibt Heathcliff an ihrem Bett zurück. Dieser rohe, kaum auszuhaltende Schmerz hallt nach. Man sitzt im Kino und weiß nicht, wohin mit sich.
Und genau das macht den Film so stark. In einer Gegenwart, in der Gefühle oft nur noch angedeutet, ironisiert oder in 30-Sekunden-Clips verpackt werden, wirkt diese Form von Leidenschaft fast radikal. Hier wird nichts relativiert. Wenn diese beiden Menschen lieben, dann mit Haut und Haaren.
Auch visuell geht Fennell aufs Ganze. Die Moore von Yorkshire wirken rau und ungezähmt, der Wind zerrt an Kleidern und Haaren der Figuren. Und dann dieser harte Schnitt zu Thrushcross Grange, das fast schon wie ein Puppenhaus erscheint: Rote Treppen, schwere Stoffe, gepolsterte Wände. Alles ist irgendwie zu viel, zu farbig, zu opulent. Und wahrscheinlich deswegen so immersiv. Man schaut nicht mehr nur zu, man ist mittendrin.
Am Ende verlässt man das Kino mit diesem seltenen Gefühl, wirklich etwas gespürt zu haben. Wenn ein Film heute noch an die große, ehrliche Liebe glauben darf, dann dieser.
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Sara Douedari
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