Drei Thesen zur wichtigsten Frage des Landes: Was, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?
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Es ist die Königsfrage in der Meinungsforschung: Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?
Die Antwort auf diese Frage ist gleichzeitig extrem wichtig und vollkommen egal. Extrem wichtig, weil Parteien und Politiker konstant über einen langen Zeitraum nachvollziehen können, ob ihre Themen und Positionen beim Bürger verfangen. Vollkommen egal, weil eben doch nur alle vier Jahre am kommenden Sonntag wirklich Wahl ist und die restlichen drei Jahre und 51 Wochen die Antwort auf die Frage, wen man denn am Sonntag wählen würde, keinen Einfluss auf unser Leben hat.
Am Ende ist es die wichtigste Frage des Landes. Glauben Sie keinem Politiker, der sagt: Mir sind die Umfragen egal. Sie sind es nicht. Von Altkanzlerin Angela Merkel ist überliefert, dass sie sich jede Woche einen großen Überblick über die Stimmungslage im Land hat vorlegen lassen. Kern dieser „Wochenberichte“ waren Umfragen zu verschiedenen Alltagsthemen. So hat die Altkanzlerin über Jahre hinweg den Puls im Land gefühlt und ihre Politik der Stimmung angepasst.

Wie weit würde Sahra Wagenknecht mit dem neu gegründeten BSW kommen?
Die aktuelle Sonntagsfrage zeigt einige offensichtliche Wahrheiten: Die Werte der Regierungsparteien sind dort, wo Rudi Völler einst den „noch tieferen Tiefpunkt“ verortete, die Oppositionsparteien rechts der Mitte schweben im siebten Umfrage-Himmel.
Hier sind drei Thesen, für die man ein bisschen genauer hinschauen muss.
Die gute Nachricht für Lindner: schlimmer wird’s nimmer
Erstens: Es ist gut möglich, dass die FDP schon heute überhaupt keine Wähler mehr hat. Die Regierungspartei wird gerade mit 4 Prozent gehandelt (Bundestagswahl 2021: 11,5 Prozent). Aber: Bei den repräsentativen Umfragen liegt die sogenannte Fehlertoleranz immer bei 3 Prozentpunkten. Das heißt: Die FDP könnte genauso gut von sieben oder von nur einem Prozent der Deutschen gewählt werden. Gehen wir mal eher vom schlechteren Szenario aus – dann hätte Lindner seine Liberalen in die komplette Bedeutungslosigkeit regiert. Noch ein Umfragepunkt weniger (3 Prozent) und die FDP erreicht den theoretischen Nullpunkt. Die gute Nachricht für Team Lindner: Schlimmer wird’s dann wirklich nimmer.

Auch Hans-Georg Maaßen will mit seiner Werteunion zukünftig in der Bundespolitik mitmischen.
Zweitens: Seit ein paar Wochen tauchen immer öfter zwei Parteien in den Umfragen auf, die vorher NICHT in der Sonntagsfrage gewürdigt wurden: die Freien Wähler (FW) und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). These: Mit Umfragen und neuen Parteien auf der politischen Landkarte verhält es sich wie mit dem Huhn und dem Ei. Keiner kann sagen, was zuerst da war. Kommt das Wagenknecht-Bündnis wirklich aus dem Stand auf sieben Prozent oder erleben wir einen fiktiven Höhenflug, bedingt durch mediales Trommelfeuer in Kombination mit einer neuen Süßigkeit im Umfrage-Regal? Die Antwort kann eben keine Umfrage, sondern nur eine echte Wahl liefern.
Umfrage-Höhenflüge sind mit Vorsicht zu genießen

Die Ampel-Partei FDP um Fraktionschef Christian Lindner ist seit Monaten Wackelkandidat: Reicht es überhaupt noch für die 5-Prozent-Hürde?
Drittens: Der nächste Bundestag wird eine demokratische Wundertüte und die 5-Prozent-Hürde könnte dafür sorgen, dass der Wählerwille verzerrt wird. Aktuell tummeln sich vier Parteien im Bereich der Fehlertoleranz rund um die 5-Prozent-Hürde: FDP, Linke, Freie Wähler, BSW. Was, wenn die zwei Parteien aus einem politischen Lager mit knappen 5,1 Prozent einziehen und die anderen beiden mit jeweils 4,9 Prozent draußen bleiben müssen? Dann würden 10 Prozent der Stimmen im Parlament gewürdigt werden und Mehrheiten ermöglichen, während die fast identische Zahl der Stimmen auf der anderen Seite unter den Tisch fallen würde. Grund für die 5-Prozent-Klausel in der Bundesrepublik ist das zersplitterte Parteiensystem der Weimarer Republik: Damals gab es bis zu 17 Parteien im Parlament, was das Schmieden von stabilen Mehrheiten erschwerte. Und auch für den nächsten Bundestag gilt: Je mehr Parteien darin vertreten sind, desto schwieriger wird die Regierungsbildung …
Zum Schluss noch ein Umfrage-Hinweis mit Grüßen ins Konrad-Adenauer-Haus: Zwischen 2017 und 2021 gab es nur eine Phase, in der die SPD in der Sonntagsfrage VOR der Union lag. Das waren aber ausgerechnet die Wochen vor der wirklichen Wahl. Also: Vorsicht beim Genießen des Umfrage-Höhenflugs. Der kann ganz schnell vorbei sein.
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Willi Haentjes
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