Ein Fluss-Gespräch in Paris: Wie ein junger Mann aus Algerien über Integration, Migration und Israel denkt
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Ich schreibe diese Zeilen heute aus Paris, wo der glorreiche Ballspielverein Borussia Dortmund das Halbfinal-Rückspiel gewinnen konnte und jetzt im Champions-League-Finale von Wembley steht.
Weder Kopf noch Herz sind daher aktuell im politischen Berlin, weshalb ich Ihnen von einer Begegnung am Ufer der Seine berichten möchte, die mich und meinen Kollegen Julius Böhm am Dienstag sehr beschäftigt hat.
Begegnung an der Seine
Gut gelaunt und klar als BVB-Fans erkennbar sind wir durch Paris flaniert, irgendwo zwischen Notre-Dame und Place de la Concorde sprach uns ein anderer Dortmund-Fan an, ob wir ein Ticket übrig hätten. Hatten wir nicht, luden ihn aber ein, uns ein Stück zu begleiten.

Am Ufer der Seine trafen die NIUS-Reporter den jungen Algerier.
Er stellte sich als H. vor, geboren und aufgewachsen in Algerien, 25 Jahre alt, seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. H. spricht nahezu perfektes Deutsch und findet es nicht rassistisch, dass wir ihn für sein Deutsch loben und fragen, wo er eigentlich genau herkomme. Im Gegenteil: Er freut sich. H. hat in Algerien bereits einen Uni-Abschluss gemacht, studiert jetzt in Aachen Informatik und spielt in einer Kreisliga-Mannschaft Fußball.
Wir stellen uns an das Ufer der Seine, bestellen drei Kaffee und zwei Bier und sprechen eine Stunde lang über Integration, Migration und den Nahen Osten. Oben im Foto sehen Sie die Szenerie.
Er ist gläubiger Muslim und verabscheut den politischen Islam
H. hat Verständnis für deutsche Frauen, die Angst vor ihm haben, weil die Ausländer-Gewalt im Land explodiert. Auch das findet er nicht rassistisch, sondern normal. Er macht sich über den Begriff „Fachkräfte“ lustig, weil die Migranten, die kommen, eine Beleidigung für ihn sind: Er will lernen und ausgebildet werden, ein paar Jahre in Deutschland arbeiten und dann wieder nach Hause. Er ist gläubiger Muslim und verabscheut den politischen Islam, westliche Länder ohne muslimische Mehrheiten seien zivilisierter und haben den Menschen Wohlstand ermöglicht. Das schätzt er, deswegen wollte er raus aus Algerien.

Am 7. Oktober 2023 wurden Juden in Israel von Hamas-Terroristen grausam abgeschlachtet.
Die Sonne lacht, wir lachen mit, es ist ein wirklich herrliches Gespräch – bis wir über Israel reden. „Die Juden“ sind nämlich die, die vom Krieg (egal wo auf der Welt) profitieren und die globale Wirtschaft unter Kontrolle haben, vor allem das Finanzwesen. Hamas hält er für Idioten, aber in der Sache machen sie das richtige, sie befreien und wehren sich.
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An Deutschland stört ihn, dass man theoretisch alles sagen darf, nur nicht gegen „die Juden“. Der Unterschied zwischen Hitler und Charles de Gaulle sei nur, dass Hitler sich mit den Juden angelegt hätte und de Gaulle mit den Arabern. Er zeigt auf den Fluss und sagt, „da hat er hunderte Algerier reingeworfen“, das interessiere heute niemanden mehr. Er meint das Massaker vom 17. Oktober 1961, als die Pariser Polizei eine Demo gegen den Algerien-Krieg blutig niedergeschlagen hat, knapp 200 Menschen starben. H. These: Hätte de Gaulle Juden in die Seine geworfen, würden wir ihn genauso hassen wie Hitler. Aber weil die Juden selbst die Interpretation der Welt-Geschichte im Griff haben, dürfe man das nicht laut aussprechen und de Gaulle wird verehrt.
Das muss man laut aussprechen dürfen
Es ist lupenreiner Antisemitismus, vorgetragen mit dem perfekten Einsatz von Genitiv und Dativ. Es ist der Punkt, an dem mir wieder bewusst wird, wie tief verankert der Antisemitismus in der arabischen Gesellschaft ist und wie viele Migranten mit diesem Gedankengut in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Ich denke an die Freudentänze nach dem 7. Oktober von Neukölln und den Islamisten-Aufmarsch von Hamburg. In beiden Fällen stand die Polizei wehrlos nebendran – Judenhass unter Polizeischutz. Ich finde das unerträglich.
Wer steht da jetzt vor mir. Ein allein reisender junger männlicher Migrant, der alle Vorzüge des Westens reflektiert und die Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, kritisch beäugt? Eine Fachkraft im besten Sinne des Wortes, die fließend Deutsch, Französisch, Arabisch, HTML und Java spricht und hoch motiviert ist, in Deutschland zu lernen und zu arbeiten? Oder einfach ein Judenhasser, der niemals verstehen wird, welchem gefährlichen Irrglauben er aufsitzt, der auch seine Kinder mit diesem antisemitischen Weltbild aufziehen wird?

Im Pariser Stadion Parc des Princes schlug der BVB Paris und qualifizierte sich damit fürs Champions-League-Finale.
Erst vorm Stadion trennen sich unsere Wege, Kollege Böhm und ich gehen Richtung Einlasskontrolle, H. sucht weiter nach einer Karte für das Spiel. Ich wünsche ihm, dass er den Judenhass überwindet. Und uns als Gesellschaft die Kraft, diesen Konflikt endlich offen auszutragen: Die Migration aus dem nordafrikanischen Raum hat uns hunderttausende Judenhasser ins Land gespült. Das muss man laut aussprechen dürfen – und fragen, was das bedeutet für unsere Gesellschaft.
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