Falscher Bundestag, Voodoo-Farbenlehre, peinliche Social-Media-Sprache: Nehmt der CDU das Internet weg!
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Was eigentlich den großen Neustart der CDU einläuten sollte, sorgt im Konrad-Adenauer-Haus derzeit eher für gedrückte Stimmung: Mehr als 300.000 Euro wurden für einen inhaltsleeren Imagefilm verbrannt, der nicht nur NICHT den Reichstag in Berlin, sondern den Präsidentenpalast in Tiflis zeigt, sondern zudem dem politischen Gegner den Ball auf dem Elfmeterpunkt servierte: Mal wieder hat die CDU ein perfektes Beispiel dafür geliefert, wie politisches Marketing nicht funktioniert.
Was genau der Film überhaupt ausdrücken will, bleibt das Geheimnis der verantwortlichen Kreativagentur, bei der angesichts des fürstlichen Salärs für das neue „Corporate Design“ dennoch die Sektgläser klirren dürften. Die Bilder zeigen keine Botschaft, keine Geschichte, haben kein Leben. Stattdessen reiht sich ein zusammenhangloses Stockvideo an das nächste. Beim Betrachten werden verdrängte Erinnerungen wach an die ersten Imagevideos der 2000er Jahre, die sich damals jeder Mittelständler mit mehr als zehn Angestellten günstig, schnell und schmutzig produzieren ließ.

Auch der Präsidentenpalast in Tiflis tauchte im Video der CDU auf.
Farbenlehre im Stile Goethes
Den undankbarsten Job hatte am Dienstag tatsächlich CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, der mit zunehmend verzweifelter Miene der versammelten Hauptstadtpresse den nun aber wirklich stattfindenden Neubeginn der CDU verkaufen musste und das Video präsentierte.
„Es geht nach oben: Aufbruch, Erneuerung, Dynamik, Modernität“, versprach er im Stile eines mäßig erfolgreichen Vertrieblers, der bemüht ist, die schlechten Zahlen gegenüber seinen Vorgesetzten mit inhaltlosen Phrasen zu beschönigen. Um diesem Gefühl noch mehr Ausdruck zu verleihen, imitierte er mit seinem linken Arm sechsmal pfeilschnelle Aufwärtsbewegungen – es geht nach oben, ganz weit nach oben. Schon in diesen ersten Minuten schien Linnemann innerlich zu merken: Die heutige Nummer geht nach hinten los.
Der Teleprompter gab vor, Linnemann las diszipliniert ab und präsentierte mit ruhiger Stimme den neuen Farbanstrich der CDU: das jetzt schon legendäre „Cadenabbia-Türkis“, eine Huldigung an den Lieblingsurlaubsort des ehemaligen CDU-Kanzlers Konrad Adenauer, das für „Vitalität, Zuversicht und Freiheit“ stehe. „Da sehen Sie sehr stark, wie es ins Türkis reingeht“, referierte Linnemann, während die anwesenden Journalisten wohl darüber nachdachten, ob sie hier in einem Proseminar zu Goethes Farbenlehre gelandet sind. Abgerundet wurde der wehmütige Rückgriff auf alte Adenauer-Zeiten durch eine zusätzliche „Ergänzungsfarbe“, das „Rhöndorf-Blau“, symbolisch gedacht für „Substanz, Kompetenz, Sicherheit“. In Rhöndorf lebte und verstarb der erste Nachkriegskanzler.
„Das Ying und Yang der CDU“
Auf Linnemanns verzweifelte Versuche, sich durch die neue Farbenlehre zu kämpfen, folgte ein fahriger Auftritt der CDU-Bundestagsabgeordneten Christina Stumpp. Auch sie löste das Versprechen, ein „modernes, sympathisches, frisches Auftreten“ der CDU anzustreben, kaum ein – und das, obwohl sie und Linnemann vorab verheißungsvoll als das „Ying und Yang der CDU“ präsentiert wurden. Was auch immer das bedeuten mag.

Ein eher verzweifelter Blick von Carsten Linnemann. (Quelle: Screenshot)
Von „Aufbruch, Erneuerung, Modernität“ war in Berlin also wenig zu spüren. Kein Wunder: Die in den Raum geworfenen Phrasen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem technokratischen und schwerfälligen Parteiapparat vor allem an Inhalten mangelt. Das neue Grundsatzprogramm der Partei soll bekanntlich erst 2024 feststehen.
Merkel muss auch noch schnell rein
Selbst intern scheint man mit dem Ergebnis des Image-Films bis kurz vor der Veröffentlichung unzufrieden gewesen zu sein. Doch nicht aufgrund des uneingelösten Versprechens der Neuausrichtung. Ganz im Gegenteil, den CDU-Bundesvorstand traf am Dienstag ein Gedankenblitz: Erneuerung der Partei? Die Merkel muss noch mit rein! Denn offenbar war die Kanzlerin der Grenzöffnung in einer ersten Version des Videos, das am Montag während der internen Gremiensitzung gezeigt wurde, nicht zu sehen. Auf dem Podium der Pressekonferenz entspann sich durch die Nachfrage einer Journalistin ein Dialog, wie ihn Loriot nicht schöner hätte schreiben können. In dessen Verlauf gab Linnemann schließlich zu, dass Merkel erst kurz vor der Präsentation in den Film geschnitten wurde.
Mittlerweile ging eine neue Version online
Vergiftete Glückwünsche für die misslungene Premiere kamen immerhin aus Österreich. Der ehemalige ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz ließ es sich angesichts des türkisen Blaus der modernisierten CDU nicht nehmen, einen ironischen Tweet abzusetzen: „Lieber Friedrich Merz, mit deinen Inhalten und Themen ist dir der Weg ins Kanzleramt gewiss! Ich finde, die Farbauswahl ist sehr gelungen.“ Zwinkersmiley.
Zwar ging mittlerweile eine neue Version mit echtem Reichstag online, doch den wirklich grundlegenden Fehler der Inhalts-Leere will sich im Konrad-Adenauer-Haus offenbar niemand eingestehen.
Am Mittwoch reagierte man auf das Tiflis-Desaster zunächst mit dem hilflosen Versuch eines Memes, auf dem verschiedene Kuppeln abgebildet waren. „Hey Community“ säuselte das Social-Media-Team im feinsten So-reden-wahrscheinlich-junge-Leute-Deutsch. „Wir hatten echt viele Kuppeln zur Auswahl und haben uns jetzt für die einzig richtige entschieden.“ Der Lachsmiley durfte natürlich nicht fehlen. Der ein oder andere dürfte sich denken: Nehmt der CDU endlich das Internet weg!
Insofern macht die kurzfristige Aufnahme von Angela Merkel ins Video vielleicht doch noch Sinn. Schließlich war es die ehemalige Kanzlerin höchstselbst, die einst verlautbarte: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Ein wohl prägendes Motto für die nach vorne blickende, modernisierte und erneuerte (diesmal aber wirklich!) Partei namens CDU.
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