Fehlzeiten im Überfluss: Wie sich Deutschland die Generation Lusche erzogen hat
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Wenn man über Volkswagen spricht, spricht man über Entlassungen, Werkschließungen, Missmanagement, falsche Entscheidungen, falsche Modellpolitik, zu starke Ausrichtung auf E-Autos. Worüber man nicht so gerne spricht: über die ungewöhnlich hohen Fehlzeiten, also den hohen Krankenstand. Die Fehlzeiten der Mitarbeiter kosten den VW-Konzern 1 Milliarde Euro – pro Jahr!
Der durchschnittliche Krankenstand lässt sich präzise durch die gesetzliche Krankenversicherung ermitteln. Die letzte Jahreserhebung stammt von 2023. In einer Studie des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) heißt es: „Erhebliche Arbeitsausfälle führten zu beträchtlichen Produktionseinbußen – ohne die überdurchschnittlichen Krankentage wäre die deutsche Wirtschaft um knapp 0,5 Prozent gewachsen“. Tatsächlich: Wenn man die Grafik mit den Krankenständen der letzten zehn Jahre betrachtet: Die Kurve geht stetig nach oben.
15 Milliarden weniger Steuern
Knapp 20 Tage ist jeder Arbeitnehmer in einem Jahr krank. Claus Michelsen und Simon Junker, die Autoren der VFA-Studie schreiben: „Die wirtschaftlichen Folgen des hohen Krankenstandes sind beträchtlich und führen zu einem erheblichen Wertschöpfungsverlust. Wäre der Krankenstand nicht erneut so hoch gewesen, wären im Jahr 2023 etwa 26 Milliarden Euro zusätzlich erwirtschaftet worden. Zudem seien den Versicherungen durch den enormen Krankenstand in den vergangenen beiden Jahren fünf Milliarden Euro verloren gegangen. Darüber hinaus habe er zu Steuermindereinnahmen von 15 Milliarden geführt.

Grippale Infekte sind laut Techniker Krankenkasse der häufigste Grund für Krankschreibungen.
Was ist los in Deutschland? Warum haben wir so viele kranke Arbeiter und Angestellte? „Hauptgrund für die hohen Fehlzeiten sind Krankschreibungen aufgrund von Erkältungskrankheiten wie grippale Infekte, Bronchitis oder Grippe“, sagt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK). „Sie machen mehr als ein Viertel der Fehltage aus.“
Mein gesunder Menschenverstand sagt mir: Es muss zu mindestens den Ansatz einer Erklärung geben, warum Experten Deutschen als „kranken Mann Europas“ bezeichnen (übrigens sehr höflich, dass man bei dieser Redewendung die „kranke Frau“ weglässt)? Eine Erklärung könnte sein: Seit dem 7. Dezember 2023 können sich Patienten bei ihrem Hausarzt telefonisch krankschreiben lassen. Das macht die Krankschreibung, sagen wir mal, nicht wirklich schwieriger. Vor allem, weil Hausarzt und Patient einander kennen müssen, sonst ist eine telefonische Krankschreibung nicht erlaubt.
Auszeit, wenn man sich nicht ganz wohl fühlt
Aber es gibt noch eine andere Erklärung, und die lässt sich sogar mit einer Zahl belegen: Vor Corona waren Deutschlands Beschäftigte wegen Erkältungskrankheiten im Durchschnitt 2,37 Tage im Jahr krankgeschrieben. Nach der Coronainfektion sind es 5,11 Tage – mehr als doppelt so viel (110 Prozent plus). Ich muss kein Arzt sein, um folgende These aufzustellen: Die Menschen erkälten sich seit Corona nicht öfter, sie sind nur empfindlicher.

Menschen sind jahrelang mit Schnupfen zur Arbeit gegangen.
Der Mythos, dass die Deutschen fleißig sind, rührt auch daher, dass Menschen mit Schnupfen jahrzehntelang zur Arbeit gegangen sind. Und dass sie am Arbeitsplatz auch willkommen geheißen wurden. Heute nimmt man sich gerne eine Auszeit, wenn man sich nicht ganz wohlfühlt. Und die Kollegen sagen gerne: Bleib mal weg, sonst steckst du uns noch an! Ich rede hier von triefenden Nasen, nicht von echten Krankheiten!
Die Rücksichtnahme auf sich selbst hat in unserer Zeit offenbar den Fleiß und Arbeitswillen verdrängt. Da niemand diese rasant gestiegenen Zahlen der Krankschreibungen ernsthaft hinterfragt, bleibt der Krankenstand, wie er ist: unverhältnismäßig hoch. Ein bisschen überspitzt kann man sagen: Deutschland hat sich die Generation Lusche erzogen. Wie schade.
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Louis Hagen
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