Filterkaffee, Rettungsgassen und Kinder an Bord: Hier demonstrieren ganz normale Leute
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Als gegen 13:54 Uhr ein Konvoi von Lkw den Wilhelmplatz in Kiel erreichen und auf das Gelände fahren, ertönt lautes Hupen. Die Trucker begrüßen auf diesem Wege die bereits zu Hunderten versammelten Demonstranten auf dem Platz, die wiederum den frisch ankommenden Fahrern ein freundliches Willkommen zurück hupen. Drei Männer stehen vor dem offenen Kofferraum ihres Opel Astra, sie belegen mitgebrachte Brötchen und schenken sich Filterkaffee ein, sie sind extra aus dem dänischen Grenzgebiet angereist. „Geil“, sagt einer, als er aufblickt und die Lkw-Neuankömmlinge sieht.
Diese Szene steht stellvertretend für die Energie, die beim gestrigen Auftakt der Bauernproteste in ganz Deutschland zu spüren war: Die Proteste vereinen Bauern, Lkw-Fahrer, Handwerker, den deutschen Mittelstand – aber eben auch etliche andere, die sich mit ihrem Anliegen solidarisch zeigen. Sie alle sind auf verschiedene Art und Weise Stützen der Gesellschaft und genießen den Rückhalt der Bevölkerung.

Bauern blockierten am Montag auch die Stadtautobahn in Saarbrücken. Die Mehrheit der Deutschen hat vollstes Verständnis für den Protest der Landwirte.
Und sie sind – gänzlich entgegengesetzt zum Framing durch Medien als Verschwörungstheoretiker, Putin-Versteher oder Rechtsextremisten – die normale Bevölkerung: viele konservativ, einige links, sehr viele gar nicht sonderlich politisch. Aber alle im Bewusstsein vereint, dass es so nicht weitergeht.
Solidarischer, friedlicher Protest
Die Anbindung der Bauerndemos an die viel beschworene Mitte der Gesellschaft wurde auch überall am Wegesrand deutlich: Als der Konvoi Rendsburg passierte, versammelten sich Schaulustige mit Kindern am Wegesrand und winkten den Bauern, die häufig selbst ihre Kinder mit in die Traktoren zum Konvoi genommen hatten. Davon, dass sich Kinder fürchteten, wie die Grünen-Politikerin Renate Künast gestern ausgeführt hatte, war in Schleswig-Holstein nichts zu spüren. Selbstredend beschmierten die Demonstranten auch keine deutschen Wahrzeichen, zerstörten keine Infrastruktur und hinderten keine Rettungskräfte, denn niemand hier käme auf die Idee, dass dies ein angemessener oder richtiger Protest ist.

Protestzug gestern in Bargteheide
Die Proteste waren im besten Sinne homogen: Auf die Straße gingen Arbeiter, Familien, Landwirte – all diejenigen, die exemplarisch in Schulbüchern abgebildet werden, wenn gezeigt werden soll, aus wem eine Gesellschaft besteht und wer in ihr wichtige Rollen übernimmt. Insofern stellt das Aufbegehren der Bauern auch einen Gegenentwurf zum medialen Berlin dar, in der sich alles um Identitäten und ihre prominente Überbetonung dreht. Hautfarben, Nationalitäten, sexuelle Präferenzen – all diese Dinge standen eben ausnahmsweise mal nicht im Vordergrund. Oder glauben Sie, irgendein Bauer käme auf die Idee, zu erklären, dass er bedauert, wie sehr People of Colour unterrepräsentiert seien?
Kein Frust, sondern positive Energie
Und eine weitere Sache ist bemerkenswert: Während sich Demonstrationen gegen die Regierungen in der Vergangenheit – nicht immer, aber oft – aus einem Frust, einem Fatalismus speisten, der die Demonstranten wie verzweifelte und verbitterte Bürger wirken ließ, so waren die Proteste dieses Mal von einer bemerkenswert positiven Energie getragen, obwohl die Bauern und ihre Mitstreiter allen Grund haben, die Schnauze voll zu haben.
NIUS ist vor Ort und dokumentiert den Moment, in dem Deutschlands wichtigste Autobahn in Bauern-Hand war:
Auch hier erscheint es regelrecht spektakulär, wie anders das Geschehen auf den Straßen war, als uns Teile der Medien glauben lassen. In Schleswig-Holstein waren keine politischen Symbole zu sehen, es wurden wenige Parolen skandiert, und der Protest war überparteilich konstruktiv. Eine Vereinnahmung oder extremistische Tendenz waren schlicht nicht auszumachen. Sicherlich waren manche der Demonstranten politisch rechts zu verorten, aber das interessierte hier niemanden, weil man sich darauf einigen konnte, dass jede Unterstützung – egal aus welchem politischen Spektrum – begrüßenswert ist.
Was hingegen sehr deutlich zum Tragen kam, war die eher befremdete Reaktion über das, was hier gemeinhin als „Hauptstadtblase“ geschmäht wird: Unverständnis über politische und mediale Vertreter in Berlin, die sich so sehr von den Problemen und Bedürfnissen der Bauern entkoppelt haben, dass sie glauben, „die Eier kommen aus dem Supermarkt“.
Insofern war das Zusammenstehen bei Filterkaffee und Brötchen bei klirrender Kälte vielleicht auch nicht weniger als ein Zeichen für etwas, was man verloren glaubte: gesellschaftlichen Zusammenhalt.
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Jan A. Karon
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