Ganz Israel hält zwei Minuten inne: Wie schön es ist, EIN Volk zu sein
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Es ist ein einmaliger Vorgang auf der ganzen Welt: An einem bestimmten Morgen im April – dieses Jahr fiel der Tag auf den Dienstag – heulen um Punkt zehn Uhr in ganz Israel Sirenen auf – und jede Bewegung erstirbt. Fußgänger bleiben auf der Stelle stehen, Bauarbeiter stellen ihre Maschinen ab, Kräne hängen reglos in der Luft. Autofahrer lenken ihre Fahrzeuge an den Straßenrand, steigen aus und verharren schweigend neben ihren Wagen. Niemand telefoniert, niemand geht weiter – das ganze Land steht still. Für zwei Minuten halten alle Menschen in diesem Land inne und bewegen sich nicht mehr.
Das Sirenenritual am Jom haScho’a (bei uns bekannt als Holocaust-Gedenktag) ist die ungewöhnlichste Erinnerungskultur der Welt. Die Knesset (israelisches Parlament) hat die Gedenkminuten 1959 durch ein Gesetz verankert. Ursprünglich hieß er „Tag des Gedenkens an die Schoah und das Heldentum“. Der Gedenktag verknüpft die Katastrophe mit der Wiedergeburt des jüdischen Staates. So, wie dieses Gedenken einst konzipiert war, wird es heute noch gelebt.
Wir können uns diese zwei Minuten auf YouTube ansehen. Was sieht man? Herumstehende Menschen auf der Straße, dazu zwei Minuten ohrenbetäubendes Sirenengeheul. Ist das alles? Nein!

Das ganze Land steht still.
Das Volk Israel lebt
Was man sieht, ist eine Sensation, man kann es nicht anders sagen. Eine Gesellschaft – Nachkommen aus über hundert Ländern – schließt sich in diesem Moment an diesem Tag zusammen. Es sind unter anderem Aschkenasim, Äthiopier, Mizrachim (Juden aus Asien und Afrika), Russen. Sie alle haben eine gemeinsame Grundlage – den Holocaust. Er ist der zentrale Grund für die Existenz Israels als jüdischer Staat. Aus dieser Katastrophe erwuchs das Weiterleben – das „Am Israel Chai“. Übersetzt bedeutet das: „Das Volk Israel lebt“. Aus diesem Grund beteiligen sich nahezu alle Israelis an dem zweiminütigen Gedenken.
Wenn Sie sich einmal die Zeit für diese zwei Minuten auf YouTube nehmen, werden Sie vielleicht empfinden, was ich fühle. Da stehen Menschen auf der Straße, die einander meist nicht kennen: arm neben reich (man sieht es an der Kleidung); Frauen neben Männern, Alte neben Jungen, Kinder.
Mag es ein bisschen sentimental, vielleicht sogar pathetisch klingen: Ich beneide das Land Israel mit seinen intelligenten, leidgeprüften, oft streitfreudigen Menschen um dieses eine Gefühl an diesem einen Vormittag ihres nationalen Gedenkens.
Wie schön es ist, EIN Volk zu sein.
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