Grönland-Frage: Wir können uns keinen Großkonflikt mit den USA leisten!
Ein Beitrag von
Ben BrechtkenDonald Trump ist ein größenwahnsinniger Irrer. Grönland gehört zu Dänemark, Grönland gehört zur NATO, Grönland gehört zu Europa. Im Jahr 2026 können wir es nicht zulassen, dass Grenzen von einem Zoll-Mobber verschoben werden. Wir dürfen uns nicht erpressen lassen. Die EU muss auf die amerikanischen Zöllen mit Gegenzöllen reagieren, auch eine Digitalsteuer zur Sanktion von US-Unternehmen darf nicht ausgeschlossen werden. Ja, ein Handelskrieg mit dem wichtigsten Handelspartner und dem historischen Militärpartner schlechthin wird erhebliche Wohlstandseinbußen mit sich bringen. Das Völkerrecht und die regelbasierte Ordnung sind aber wichtiger als Bruttoinlandsprodukte und Wachstumszahlen. Es ist höchste Zeit, dass die Europäer zeigen, was in ihnen steckt und sich nicht länger herumschubsen lassen.
Hach, das klingt doch wunderbar. Nach Vernunft, nach Stärke, nach regelbasierter Ordnung und nach der richtigen Seite der Geschichte. Das lässt sich auch einfach schreiben, wer könnte da nicht mitgehen? Es gibt denkbare Realitäten, in denen der erste Absatz dieser Kolumne die Einleitung zum Gesamttext wäre, der den Grundton weiterspinnen könnte. Leider leben wir nicht in einer dieser potentiellen Realitäten. Leider ist der restliche Text demnach ein Bruch mit der Einleitung und wird nicht so moralisch angenehm klingen.

Vor der Küste Grönlands zeigt das dänische Militär weiter Präsenz
Drei Probleme verunmöglichen es, einen Text zu schreiben, der nahtlos an den ersten Widerstandsreaktionen europäischer Regierungen gegen den Grönland-Plan Donald Trumps ansetzt.
Die Kolonialmacht Dänemark hat sich nicht mit Ruhm bekleckert
Das erste Problem sind die Konfliktparteien selbst. Es sind schlicht und ergreifend keine Sympathieträger involviert. Donald Trump ist charakterlich nicht gerade liebenswürdig, seine brutale Machtpolitik gegen alle Konventionen ist verurteilungswürdig. Die europäischen Regierungen und die Brüssel-Bürokraten treten außenpolitisch umgekehrt proportional selbstbewusst zur politischen Leistung in ihren jeweiligen Ländern auf. Sie haben den Kontinent politisch sabotiert und spielen sich zeitgleich als große Staatsmänner auf. Und die Kolonialmacht Dänemark höchstpersönlich hat bis in die jüngere Vergangenheit Zwangssterilisationen und Zwangsadoptionen in Grönland zu verantworten. Da liegt die Verweigerung, sich auf eine bestimmte Seite zu schlagen, tendenziell nahe.

Kaja Kallas spricht als Außenbeauftragte der EU auch im Namen Deutschlands oft scharfe Töne
Grönland unter US-Kontrolle ergäbe keine Änderungen
Das zweite Problem ist das fehlende Schreckensszenario. Ein beliebtes Argument für eine scharfe EU-Reaktion ist die Ableitung, dass man im Falle eines Eingehens auf Donald Trump in eine Logik geriete, die dazu führe, als nächstes die Ukraine und Taiwan aufzugeben. Eine These, die Äpfel mit Birnen vergleicht und enorme Unterschiede ignoriert. Gewänne Russland in der Ukraine, hätte das zweifellos historisch katastrophale Auswirkungen auf die europäische Sicherheitsarchitektur. Würde Taiwan China überlassen werden, hätte das zweifellos dramatisch negative Auswirkungen auf die von taiwanesischen Unternehmen abhängige Weltwirtschaft. Wehte auf Grönland die amerikanische Flagge, passierte, ja eben, was passierte dann wirklich Schlimmes?
Zweifelhaft, dass diese zweifellos unschöne Einverleibung spürbare, negative Auswirkungen auf unser aller Leben hätte. Keine wirtschaftlichen Folgen sind zu erwarten. Zu vermuten ist, dass es nur wenige Jahre dauern würde, bis kein Hahn mehr die grönländische Zugehörigkeit zu Amerika bekrähen würde. So, wie heute auch niemand mehr ernsthaft glaubt, dass die Krim in unserer Lebenszeit jemals wieder Bestandteil der Ukraine sein wird. Menschen sind häufig erstaunlich gut darin, erstaunlich schnell veränderte Grenzen zu akzeptieren, von Palästinensern mal abgesehen.

Der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen (l) und die grönländische Außenministerin Vivian Motzfeld waren vergangene Woche für Gespräche in Washington
Das dritte und größte Problem ist die schlechte Verhandlungsposition der EU-Länder. Wenn davon ausgegangen wird, dass Donald Trump bei seiner Forderung bleibt und weder vom amerikanischen Verfassungsgericht noch von seiner eigenen Partei gestoppt wird, muss die EU sich entscheiden. Wird der Konflikt gesucht oder kommt man Washington entgegen?
Unser größter Militärpartner sollte besser keinen Schaden nehmen
Die USA sind der wichtigste Handelspartner des Kontinents. Die amerikanischen Digitalunternehmen sind im Alltag unverzichtbar und vergünstigen das Leben der ganz normalen Menschen. Europa selbst hinkt bei entscheidenden Zukunftsthemen wie KI und Robotik sträflich hinterher. Sicher, hinreichend wirtschaftliche Substanz und Verflechtungen mit der US-Wirtschaft wären dennoch vorhanden, um den Vereinigten Staaten einen empfindlichen volkswirtschaftlichen Schaden zuzufügen. Der Schaden auf unserer Seite wäre allerdings größer. Zudem kann es niemals im europäischem Interesse sein, dem Militärpartner schlechthin ernsthaften Schaden gleich welcher Art zuzufügen.

Egal ob Mittelmeer oder Nordsee: Es ist oft die US-Marine, die Europa gegen Bedrohungen schützt
Die Realität in Europa ist leider nicht Wirtschaftskraft
Lebten wir in einer anderen Realität, in der Brüssel, Berlin und Paris dafür gesorgt hätten, dass Europa der Wirtschaftsmotor der Welt und das innovative Herz der freien Welt ist, sähe die Lage anders aus. Unsere einzige Realität ist leider ein von Bürokratie, hohen Stromkosten, endloser Steuer-Kreativität und irren Verbotsfantasien strangulierter Wirtschaftsraum, der von ernsthaftem Wachstum nur träumen kann.
Beunruhigend ist, dass fast alle Politiker, von ganz links über die Mitte bis ganz rechts, fest entschlossen zu sein scheinen, den Großkonflikt mit den USA anzunehmen. Die einen aus altbewährtem Antiamerikanismus, die anderen aus einer ehrlichen Überzeugung heraus, eine rote Linie verteidigen zu wollen. Sie würden den fünften Schritt vor dem ersten Schritt gehen. Sinnvoller wäre es, die EU zu einer Sonderwirtschaftszone zu machen. Unternehmen aus den USA hierhin zu locken. Mit unwiderstehlich niedrigen Steuersätzen, Strompreisen und bürokratischen Auflagen.
Lieber ein Vasall Washingtons als ein Untertan Brüssels?
Vor allem: Endlich eine freiheitliche, vernünftige Politik fahren, die verhindert, dass der ein oder andere Bürger insgeheim nicht doch denkt, lieber ein Vasall Washingtons als ein Untertan Brüssels zu sein.
Grönland in den Händen der USA wäre kein Weltuntergang, die europäischen Länder können sich nicht ernsthaft einen Handelskrieg mit Washington leisten und aufrechtes Mitleid ist bei der verbrecherischen Kolonialmacht Dänemark nicht angebracht. Hinter dem großen Verteidigungs-Pathos ist wenig langfristig Mobilisierendes zu entdecken.

US-Präsident Donald Trump bestellt zur Problemlösung allzu gerne die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, zu seinem Golfplatz.
Wenn Moral auf den Geldbeutel trifft, gewinnt meistens der Geldbeutel
Demokratietheoretisch ist zudem schwer vorstellbar, dass sich ein Handelskrieg mit gemeinsamer Linie lange durchziehen ließe. Zölle schaden sofort allen Wählern, der Grundbucheintrag bezüglich Grönland spielt keine Rolle im Leben der Wähler. Wenn Moral auf den Geldbeutel trifft, gewinnt meistens der Geldbeutel.
Macht Trump also keinen eigenen oder innenpolitisch erzwungenen Rückzieher, bleiben zwei Optionen für die Europäer: Das tun, was edel klingt, aber miserable Konsequenzen mit sich bringt oder das tun, was unschön klingt, aber dafür nur mit einem blauen Auge einhergeht.
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