Krise, Krieg & Klassenzimmer: DAS muss jetzt in unseren Schulen passieren
Ein Beitrag von
Stehen wir vor einer Militarisierung der Gesellschaft, gar der Schulen?
Ein Satz von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat sich diesbezüglich eingeprägt. Pistorius hatte am 10. November 2023 vor der Bundeswehrtagung gesagt: „Wir müssen kriegstüchtig werden.“ Klar, ein markantes Wort! Pistorius hatte gemeint, Deutschland müsse zumal wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine gesellschaftlich und vor allem qua Bundeswehr wieder verteidigungsbereit und verteidigungsfähig werden.
„Schüler müssen auf den Kriegsfall vorbereitet werden“
Seine Kabinettskollegin, Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP), setzt sich bewusst oder unbewusst auf dieses Ziel und meinte am 17. März 2024: Die Schüler müssten auf den Kriegsfall und auf Katastrophenschutz vorbereitet werden, und sie müssten ein unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr gewinnen.
Lassen wir einmal außen vor, dass die Bundesbildungsministerin qua Amt nichts mit Schule zu tun hat. Schule ist Zuständigkeit der 16 deutschen Länder. Aber vielleicht brauchte die qua Amt sonst unscheinbare Bundesbildungsministerin einmal eine Schlagzeile. Durchdacht ist ihr Vorstoß jedenfalls nicht so recht.

Bettina Stark-Watzinger (FDP), Bundesministerin für Bildung und Forschung
Vor diesem Hintergrund kann es nicht schaden zurückzublicken.
Erste Rückblende: In der DDR gab es im Zuge der Erziehung gegen den „faschistisch-kapitalistischen Klassenfeind“ von 1978 bis 1989 den „Wehrunterricht.“ Das war eine Pflichtveranstaltung für Schüler der 9. und 10. Klassen. Und zwar pro Jahr mit 8 Doppelstunden. Die jungen Männer übten den Handgranatenwurf und das Anlegen von zum Teil selbstgebastelten Gasmasken. Die jungen Frauen wurden in Erster Hilfe und Zivilschutz ausgebildet. DDR-Friedensgruppen liefen Sturm dagegen. Die 1968 in Frankfurt geborene und in Hessen aufgewachsene Bundesbildungsministerin wird daran keine eigene Erinnerung haben.
Zweite Rückblende: Zu Beginn der von 1979 bis 1983 währenden heftigen Debatten um die Nato-Nachrüstung regte der damalige Bundesverteidigungsminister Hans Apel (SPD) bei der – westdeutschen – Kultusministerkonferenz (KMK) an, einen Beschluss zum Thema „Friedenssicherung, Verteidigung und Bundeswehr im Unterricht“ zu erarbeiten. Allerdings konnten sich CDU/CSU-Kultusminister einerseits und SPD-Kultusminister andererseits nicht einigen. Der Union ging es um Verteidigungsaspekte, der SPD um Friedensaspekte. So dass die damals 11 Bundesländer am Ende unterschiedlich verfuhren. Immerhin gelang es ab 2008 den meisten deutschen Ländern ganz offiziell, Jugendoffiziere in den Unterricht, aber auch in die Aus- und Fortbildung von Lehrern einzubinden. Pro Jahr erreichten die Jugendoffiziere rund 100.000 Schüler. Allerdings gab es auch dagegen Widerstände. Im Jahr 2013 zum Beispiel wurden zwei Schulen aus Berlin und Offenbach mit dem von linken und kirchlichen Gruppen getragenen „Aachener Friedenspreis“ ausgezeichnet. Warum? Weil sie Jugendoffizieren den Zutritt in diese Schule verwehrt hatten. Ansonsten sollte die KMK die Papiere der 1980er Jahre hervorholen, aktualisieren und zu einem Konsens vereinen.
Zurück zum Vorstoß von Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger. Da kneift einiges:
- Auf den Kriegsfall vorbereiten möchte die Ministerin die Schüler. Was heißt das? Es kann nur heißen, dass die Lehrerschaft ehrlich, solide, ideologiefrei, ausgewogen, rational und möglichst angstfrei über die uns nahen Kriege in der Ukraine und in Nahost aufklärt. Solider Unterricht in Geschichte kann das am besten leisten. Indem er zum Beispiel die letzten hundert Jahre des Verhältnisses von Russland und Ukraine darlegt: von dem millionenfachen, von Stalin inszenierten, in die historische ukrainische DNA eingegangenen Hungertod (Holodomor) der Jahre 1931/32 in der Ukraine, über die Verträge zwischen Russland und der Ukraine in den 1990er Jahren bis hin zu Putins neuem Imperialismus ab 2008. Und indem dieser Unterricht die Gründung des Staates Israel, dessen seit Jahrzehnten währende Bedrohungen sowie „Israel“ als deutsche Staatsräson thematisiert.
- Schüler auf Katastrophenschutz vorbereiten? Wie soll das geschehen, wo ein nennenswerter Zivilschutz in Deutschland de facto nicht existiert und nicht einmal die Alarmsysteme gut funktionieren? Die Schulen zu räumen, das haben Lehrer und Schüler seit den tödlichen Amokläufen und manchen Bombendrohungen gelernt, und sie üben es unter Anleitung von Rettungsdiensten und Polizei regelmäßig. Aber Schule im Kriegsfall nach dem Einsatz von konventionellen oder von ABC-Waffen evakuieren? Wohin bitte? In die nicht vorhandenen Schutzräume – ohne Schutzkleidung, ohne Schutzmasken? Finnland ist da um Lichtjahre weiter.

Die Bunker-Situation in Deutschland ist ernüchternd – viele Bunker stauben ein, werden umgenutzt oder stehen zum privaten Verkauf.
An drei Punkten kann man die sonst wenig zu Ende gedachten Überlegungen der Bundesbildungsministerin fortführen:
- Da die Bundeswehr mit dem Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011 kaum noch in Gesellschaft, Öffentlichkeit und Familien sichtbar ist, muss der Kontakt zwischen Schule und Bundeswehr intensiviert werden. Jugendoffiziere sind das richtige Bindeglied. Hier braucht es eine Großinitiative.
- Nicht nur für den Fall einer kriegerischen Bedrohung, sondern auch für den alltäglichen Bedarfsfall ist es sinnvoll, wenn die Schulen allen Schülern ab einem bestimmten Alter einen Erste-Hilfe-Kurs anbieten und abverlangen.
- Ein anderer, allerdings gerade der Partei der Bundesbildungsministerin, der FDP, zuwiderlaufender Gedanke ist eine allgemeine Dienstpflicht. Deutschland braucht die jungen Leute, die in Sozialdienste, Umweltdienste oder eben auch in die Bundeswehr ein Jahr investieren. Im Krisenfall eben auch für den Zivilschutz. Es wäre nicht zu viel verlangt, einer Generation, die die Segnungen der Infrastruktur dieses Landes ein Leben lang genießen darf, einen solchen Dienst abzuverlangen. Persönlichkeitsreifend wäre er allemal.
Die Schule kann in Krisen- und Wendezeiten kein Elfenbeinturm sein. Aber: Die Schule braucht keine Militarisierung, sondern soliden, ehrlichen Unterricht. Was wir vielleicht brauchen: eine allgemeine Dienstpflicht.
Mehr NIUS: Umfrage: Jeder Zweite für Wiedereinführung der Wehrpflicht
Mehr NIUS:
Merz sagt, in 30 Jahren wird alles besser – ich freu mich schon drauf
Mord an Henry Nowak: Diese Tat steht für staatlich unterstützten Hass auf Weiße
Zwischen Tränen und Schuldgefühlen: Das seltsame Frauenbild der Grünen
Bewiesen: Zu wenig Schlaf macht alt – zu viel aber auch!
Fettig, deftig, ehrlich: Der Taxiteller ist zurück!
Wolfgang Kubicki muss das Strack-Zimmermann-Lager aus der FDP vertreiben
Robert und der Wolf: Habeck jetzt offiziell Märchenerzähler
Abgewählt und trotzdem gefeiert: Plant Robert Habeck ein Politik-Comeback?
Mehr NIUS:
Bewiesen: Zu wenig Schlaf macht alt – zu viel aber auch!
Fettig, deftig, ehrlich: Der Taxiteller ist zurück!
Wolfgang Kubicki muss das Strack-Zimmermann-Lager aus der FDP vertreiben
Robert und der Wolf: Habeck jetzt offiziell Märchenerzähler
Abgewählt und trotzdem gefeiert: Plant Robert Habeck ein Politik-Comeback?
Ex-Ferrari-Boss Montezemolo entlarvt das traurige Schicksal europäischer Automobilkunst
„Was ist schlimmer – Bärbel Bas oder die Tagesschau?“: Heiko Wasser, der Unerschrockene
Warum die AfD jetzt über 30 Prozent geht
Josef Kraus
Artikel teilen
Kommentare