Mario Basler im Woke-Podcast: „Einfach mal die Fresse halten?“ Bitte nicht!
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Melanie GrünWarum kann man keinen Podcast über Kultfußballer Mario Basler machen, ohne ihn „einzuordnen“? Das hat jetzt Autorin Katharina Reckers für den SWR versucht (auf der Homepage wird sie HostIN genannt): Drei Tage lang hat die junge Frau mit dem 57-Jährigen in einem Vereinsheim in seiner Pfälzer Heimat gesprochen und daraus vier durchaus hörenswerte Folgen gestrickt, in denen man drei Dinge lernen kann:
Erstens: Mario Basler ist ein guter Typ.
Zweitens: Die Autorin ist gut vorbereitet.
Drittens: Die Zeit, in der wir leben, ist noch irrer, als angenommen.
Generation Triggerwarnung trifft Fußball-Rentner
„Letzter Typ“ heißt die Reihe. Und ein bisschen scheint da die Hoffnung mitzuschwingen, dass Berufsgroßmaul Basler wirklich der letzte seiner Art sein möge. Basler macht trotzdem mit. Für so viel PR bei den Öffentlich-Rechtlichen muss er sich wohl von Menschen bewerten lassen, die ganz besoffen von ihrer eigenen moralischen Überlegenheit zu sein scheinen. Damit sich nur ja niemand getriggert fühlt, gibt’s vorab, eine sogenannte „Content Note“ für die Zartbesaiteten: In dieser Folge gehe es um Sucht und Tod.

Mario Basler, aufgenommen bei der MDR-Talkshow Riverboat am 9.5.2025 in Leipzig
Schon vor dem Start fragt sich Reckers bang, ob ihr Gesprächspartner ihr überhaupt zuhören wird, oder, ob er sie mit seinen Macho-Sprüchen abblitzen lässt. Im Vorgespräch sagt Basler, dass er nie auf Fleisch verzichten würde und vom Gendern nichts hält. Seine Karriere fasst Basler zusammen: „Ich hab außergewöhnlich viel geraucht, ich hab’ außergewöhnlich viel gefeiert, ich hab’ außergewöhnlich wenig geschlafen, ich hab’ außergewöhnlich wenig trainiert und zu 90 Prozent meine Leistung abgerufen.“ Starker Tobak für die junge Generation, die sich immer mehr daran gewöhnt, mit Empörung jedes Gegenüber in die Knie zu zwingen.
Die Autorin fragt, ob Basler sein Rüpel-Image nicht nervt. Er: „Ne. Ich finde das sogar geil.“ Im Trailer sagt Reckers: „Ich wollte wissen, wie man ständig so draufhauen kann, und, ob es ihm wirklich so egal ist, ob er Menschen vor den Kopf stößt.“ Reckers ist gut informiert, humorvoll und schlagfertig – warum also der ständige Wunsch, Basler den „schwierig-und-sexistisch“-Stempel aufzudrücken?
Der woke Versuch, sich einem zu nähern, der sich nichts sagen lässt
Basler ballert gern mal einen raus und hat sich damit eine Spätkarriere als Reality-Star aufgebaut. Das ist vielleicht Zweitliga-Fernsehen, aber er weiß: Auch in der Zweiten Liga verdient man noch gut. Und seinen Ruf als Fußball-Gott kann ihm ohnehin niemand nehmen. Der basiert auf seinen Erfolgen, aber auch seinen Eskapaden: Ob er beim Pokalspiel aus Wut über seine Auswechslung in Latschen zur Siegerehrung schlurft, ob er Moderator Günther Jauch im „Aktuellen Sportstudio“ anmault oder sich am Vorabend seines wichtigsten Spiels an der Hotelbar volllaufen lässt, das Netz ist voll von Basler-Szenen.
Und immer wieder taucht im Podcast die Frage auf, warum er Rauchen und Alkohol feiert, obwohl sein Bruder an den Folgen des einen, sein Vater an den Folgen des anderen starb. Immer wieder kommt von Basler die Replik: „Mich interessiert nicht, was die Leute draußen sagen.“ Basler selbst war Werbegesicht für Bier und ließ sich, nachdem er mit dem FC Bayern Meister wurde, zwei Lkw-Ladungen Bier ins Stadion liefern.

Mario Basler war schon früh Publikumsliebling.
Selbst die Autorin findet: Heute fehlen Skandale, die Spaß machen, und fragt sich dennoch, warum er die Schlagzeilen braucht. Basler wird gefeiert, weil so viele Menschen eine nostalgische Sehnsucht nach dem Fußball von damals haben. Als die Spieler noch eine Packung Kippen im Stutzen hatten, statt einen Fitness-Ring am Finger.
Baslers Kindheit ist einfach, aber glücklich: Arbeiterfamilie, Vater Maschinenschlosser, Mutter bei der Post, Urlaube auf dem Campingplatz, idyllische Kindheit. Die Familie lebt in der 57.000 Einwohner-Stadt Neustadt an der Weinstraße, Pfälzer Gemütlichkeit, Fachwerk, ein Eisenbahnmuseum, eine Schwester, drei Brüder, Fußball. Sein Jugendtrainer sagt zum SWR: „Fleißig war er nie. Aber genial.“
Bis heute bedeutet Familie ihm extrem viel. Jetzt hat er selbst drei Kinder und Enkel und tut alles für sie: Als Basler zum zweiten Mal Vater wird und es Komplikationen gibt, da fliegt er kurzerhand von der WM in den USA nach Hause. Vielleicht sind es diese Wurzeln, die ihn halten. Basler hat schon für einige Stürme in seinem Leben selbst gesorgt. Mit der Wucht von Shitstorms 2026 hat er sicher nicht gerechnet.
„Einfach mal die Fresse halten!“
Das Podcast-Interview wird hitzig, und der folgende Dialog wird in der Presse zitiert. Es geht um Baslers Kolumne in der BILD-Zeitung 2011, in der er schrieb: „Ich bin ehrlich, Fußball ist nichts für Frauen. Wenn Mädels auf dem Rasen rumtoben wollen, sollen sie ein Netz aufstellen und Tennis spielen, so wie in Wimbledon. Das ist sexy. Aber Frauenfußball. Nö.“
Reckers hakt nach, gönnerhaft sagt sie, sie wolle wissen, ob er sich weiterentwickelt habe. Und Basta-Basler?
„Bin ich nach wie vor dafür. Hat sich nichts geändert (…) Frauen können Dir kein Abseits erklären.“
Aber die Welt will diese Frau ihm vielleicht erklären. Reckers lässt dem Erfolgsfußballer Basler seine Meinung nicht durchgehen: „Du siehst es als Ehrlichkeit? Dann wäre der richtige Moment, dann vielleicht auch mal die Fresse zu halten.“ Reckers spricht weiter: „Genau durch solche penetranten, veralteten, diskriminierenden, Aussagen macht sich Mario Basler klein, genau durch solche Aussagen verliert man den Anschluss zur echten Welt…“ Wer so rede, schließe sich auf Dauer gesellschaftlich aus. Puh.

Basler im Gespräch mit der SWR-Journalistin Katharina Reckers
Braucht ein Mario Basler diese Belehrungen?
Er ist der König von Weltklasse-Zitaten wie „Jede Seite hat zwei Medaillen“, „Ich grüße meine Mama, meinen Papa und ganz besonders meine Eltern.“ Oder: „Ich habe immer gesagt, mich interessiert nicht, wer spielt, Hauptsache ich spiele.“
1987 startet Mario Basler beim 1. FC Kaiserslautern, kickt dann in Essen. 1991 wechselt er zu Hertha BSC, dann spielt er in der ersten Liga für Werder Bremen. Er holt den DFB-Pokal, zieht mit seinen Jungs nächtelang durch die Bars, pöbelt Kameraleute an. Von 1994 bis 1998 spielt Basler für die Nationalmannschaft – 30-mal, das reicht, um für Fußballfans unsterblich zu sein. 1996 wird Deutschland Europameister.
Als er 1996 zum FC Bayern wechselt, wird Basler endgültig zum Feier-Biest: Saufen, Rauchen, illegale Pokerrunden – Basler lässt nichts aus in seinen Münchner Jahren. Bis es den Bayernbossen zu bunt wird: Im Oktober 1999 kommt es in einer Regensburger Pizzeria zu Handgreiflichkeiten zwischen Basler, seinem Kollegen und einem Mann, der dann an die Presse geht. Krisengipfel, Suspendierung, Servus. Zur TV-Aufzeichnung am nächsten Tag lädt Basler trotzig seine gesamte Familie ein.
Und auch hier muss wieder eine „Einordnung“ seitens der Autorin erfolgen, die aber eher wie eine Einnordung klingt. Das sei ja wohl krass, Glücksspiel sei gefährlich, Alkohol ohnehin, das habe auch die WHO gesagt (die sich in den letzten Jahren nicht zwingend als erste Anlaufstelle für Gesundheitstipps empfohlen hat). Das mag ja alles stimmen und sollte nicht verharmlost werden. Aber wer ist unsympathischer: derjenige, der über die Stränge schlägt – oder diejenige, die ständig mahnt?
Basler droht Kollege Oliver Kahn Schläge an, wird mit den Bayern dreimal deutscher Meister und steht im Champions-League-Finale. Seine Weggefährten Mehmet Scholl und Stefan Effenberg sind ebenfalls keine Leisetreter. Nach einer Niederlagenserie sagt Basler über die Gegner: „Vielleicht sollten wir mal einen saufen gehen und uns gegenseitig auf die Fresse hauen.“ Basler geht zurück zu seinem Heimatverein Kaiserslautern, dann nach Katar, das Geld lockt. Als Fußballexperte für BILD und SAT1 sorgt er für Lacher, wird zu Super Mario. Mit Mitte 30 ist Schluss mit Profifußball. Basler probiert sich als Trainer. Heute sagt er, das sei ein Fehler gewesen. Drei Bücher veröffentlicht er, zwei Gastro-Projekte scheitern.
Aus Rasen-Rüpel wird Reality-Gold
Es ist die Zeit der Reality-Formate. Da kommt der 1,86-Meter-Mann wie gerufen. Basler ist plötzlich überall: „Stepping Out“, „Promi Big Brother“, „Grill den Henssler“, „Mein Mann kann“, „Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt“, „Deutschlands dümmster Promi“, „Das Sommerhaus der Stars“, „The 50“.

Schon 2016 war Basler bei „Promi Big Brother“.
Jetzt hat Basler eine Rolle in der Soap „Sturm der Liebe“ ergattert, wo er einen Fußballscout spielt. Er hat knapp 63.000 Instagram-Follower, das sind nur halb so viele wie zum Beispiel CDU-Mann Jens Spahn. Dafür ist Basler doppelt so lustig. Und dreimal so gut vernetzt: Unter seinen Followern finden sich TV-Schwergewichte wie Tommi Schmitt. Könnte ja immer mal ein Kalauer rumliegen. Außerdem ballert sich Basler mit einem Comedy-Programm durchs Land.
Podcast-Autorin Reckers bemerkt, dass er auf dem Werbeplakat breitbeinig dasitzt – jeder dritte Satz eine Belehrung. Und da sind Baslers politische Ansichten noch nicht mal enthalten: Er bezeichnet die Ampelpolitik als „Schrott“ und wählt Friedrich Merz. Als AfD-Chef Tino Chrupalla sagt, zwei ehemalige Bayernspieler hätten ihm zum Wahlsieg gratuliert, da muss Basler klären: „Diese Partei ist von Deutschland so weit entfernt wie die Erde vom Mond.“
Zum Abschluss der vier Podcast-Teile natürlich noch ein wokes Fazit: Männer wie Mario Baslers gäbe es ja viele da draußen. Die Autorin sagt, sie habe eine klare Meinung zu solchen Typen: „Abstand halten und Daumen runter.“
„50 Prozent der Spieler hassen mich“, sagte Basler mal. Dafür lieben ihn Millionen Deutsche. Denn trotz aller „Einordnungen“ ist der Pfälzer der Mann, der wo sich nicht verbiegen lässt.
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