Migration, Rezession, Frustration: Die CDU tanzt sich durch die Deutschland-Krise
Die Union tanzt sich durch die Deutschland-Krise
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„Wir schmunzeln gern einmal, wenn’s passt“, sagt die peinliche Verwandtschaft in Loriots Meisterwerk „Papa ante Portas“. Politiker der Union tanzen gern einmal. Auch wenn's nicht passt.
Es gibt seit einiger Zeit das Phänomen, dass vor allem bürgerliche Politiker öffentlich ihre Lockerheit unter Beweis stellen wollen und sich dabei filmen lassen. Am Tag der Deutschen Einheit etwa, an dem in diesem Jahr so recht keine Feierlaune aufkommen wollte, tanzten NRW-Regierungschef Hendrik Wüst, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (alle CDU) besonders ausgelassen im NRW-Pavillon auf dem Einheitsfest in Hamburg, was man ihnen am gesetzlichen Feiertag selbstverständlich gönnen sollte.
Die Krawatte war abgelegt und die Party-Sau rausgelassen.
Nach „Einigkeit und Recht und Freiheit“ nun „mach Hub, Hub, Hub, mach den Schrauber, Schrauber, Schrauber...“ (Tobee „Helikopter 117“). Günther hatte unlängst schon als Ballermann-Gröler („Layla“) vorgelegt, da wollten sich die Kollegen aus Düsseldorf und Berlin offenbar nicht nachsagen lassen, Langweiler zu sein.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst im normalen Leben und fernab jeder Partystimmung.
Wie es dazu kommt, dass bei öffentlichen und Parteiveranstaltungen offenbar besonders schlichtes Liedgut für volkstümlich und imagefördernd gehalten wird, wäre an anderer Stelle zu klären. Auch soll hier nicht missmutigen Politikern das Wort geredet werden. Missmut macht keinen Mut und gewinnt für sich genommen keine Wahlen.
Was allerdings etwas unangenehm berührt, ist der zur Schau gestellte Unernst der beklemmend mit der politischen Realität kontrastiert. Migration, Rezession, Frustration, die ganze Nation gefangen in der Deutschland-Krise – egal, „ein bisschen Spaß muss sein, dann ist die Welt voll Sonnenschein“. Der Propeller, peller, peller, immer schneller, schneller, schneller...

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner Ende September in Berlin.
„Wir amüsieren uns zu Tode“, schrieb Neil Postman schon in den 80er Jahren, und während CSU-Chef Markus Söder davon spricht, dass „ein Hauch von Weimar“ über dem Land liege, tauchen vor dem geistigen Auge die expressionistischen „Großstadt“-Bilder von Otto Dix wieder auf, deren grelle Farben und verbogene Figuren die heraufziehende Düsternis ahnen ließen.

Steht offenbar auf einfach gestrickte Party-Kracher: Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.
Geht’s nicht eine Nummer kleiner? Alles übertrieben und dramatisiert? Dürfen Politiker nicht auch mal menschlich sein? Tanzen nicht auch Grüne wie Emilia Fester oder Emily Vontz (SPD) infantil ihre politische Mission durch die Weltgeschichte? Klar. Allerdings ändert das nichts daran, dass die AfD derzeit Wähler sammelt, die dem gesamten restlichen Politikbetrieb nichts mehr abgewinnen können. Es ändert auch nichts an den wirtschaftlichen Frühindikatoren, die für Deutschland derzeit sämtlich nach unten weisen. Und es ändert auch nichts an der seltsamen Stimmung in einem Land, dass am Nationalfeiertag seine Nationalflagge verbirgt, die auf besten republikanischen Wurzeln von 1848 hinweist.
Also Stock in den Hintern und Ernsthaftigkeit schieben? Nö. Aber vielleicht einfach so benehmen, dass man Politikern die Lösung der Probleme zumindest zutraut. Aber wir wollen die Latte auch nicht zu hoch legen. Politiker sind schließlich auch nur Menschen...
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Ralf Schuler
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