Verbot von „Muslim Interaktiv“: Das Ende des TikTok-Kalifats
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Das Verbot der Gruppierung „Muslim Interaktiv“ gleicht einem Schlag gegen eine islamistische Szene, die sich nicht in Hinterhofmoscheen, sondern in den Algorithmen sozialer Medien eingenistet hat. Auf die Verbotsverfügung durch das Innenministerium von Alexander Dobrindt (CSU) folgten Durchsuchungen in mehreren Bundesländern – und parallele Razzien gegen die verwandten Vereine „Generation Islam“ und „Realität Islam“. Dobrindt sprach von einer „klaren Bedrohung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Es ist ein Moment der Erleichterung, doch auch der Mahnung: Warum hat es so lange gedauert?
Das Verbot ist nicht nur richtig, sondern überfällig. Es symbolisiert den Akt der staatlichen Wehrhaftigkeit gegen eine Ideologie, die unter dem Deckmantel jugendlicher Rebellion die Grundfesten unserer Gesellschaft untergräbt. „Muslim Interaktiv“, gegründet vor gerade mal zwei Jahren, hat sich mit martialischen Demos und viralen Videos zu einem Symptom der neuen Islamisten-Szene entwickelt: viral, identitär, gnadenlos auf junge Muslime zugeschnitten.
Schauen Sie hier die Doku: „Die TikTok-Hassprediger“:
Besonders in Erinnerung bleiben die Kalifatsdemonstrationen auf dem Hamburger Steindamm, wo Tausende skandierten: „Die Zukunft gehört dem Islam“, „die Zukunft gehört dem Koran.“ Die Proteste gerieten zu Machtdemonstrationen, auf denen auch islamistische Fahnen mit der Schahāda, also dem Glaubensbekenntnis, zu sehen waren, die man es sonst von Terrorgruppierungen wie der Al-Nusra-Front, den Taliban oder al-Qaida kennt. Solche Aufmärsche, getarnt als Protest gegen eine angeblich repressive Politik gegen Muslime hierzulande, wirken spektakulär. „Ein normaler Bürger ist durch einen solchen Aufmarsch erschreckt. Die Wirkung ist die einer Einschüchterung und eines Erschreckens. Und ich befürchte, dass das auch beabsichtigt ist“, sagte einst Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann.
Provokation als Mittel zum Zweck
Überfällig ist das Verbot aber auch, weil „Muslim Interaktiv“ nahtlos in Strukturen der Hizb ut-Tahrir-Netzwerke eingebettet ist – jener Bewegung, die seit 2003 in Deutschland als verfassungsfeindlich gilt und ein globales Kalifat propagiert, in dem die Scharia herrscht und Israel als „Grundübel“ verteufelt wird. Der Verfassungsschutzbericht, der die Gruppierung als „provokative Aktionen“ entlarvt, die „eine hohe Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und den sozialen Netzwerken“ erzeugen, um junge Muslime zu radikalisieren, unterstreicht dies eindringlich. Und nun, in Zeiten des Nahostkonflikts, wird diese Israel-Feindlichkeit, ein Kernelement der Hizb ut-Tahrir-Ideologie, zu einem einseitigen Opfer-Narrativ aufgeblasen, das Muslime als ewige Opfer des „pervertierten Westens“ stilisiert.

Bei den Demos auf dem Steindamm herrschte Geschlechtertrennung – und es wurden islamistische Flaggen geschwenkt.
Besonders gefährlich an „Muslim Interaktiv“ war die gezielte Ansprache junger Muslime. Dafür bediente man sich einer TikTok-Hochglanz-Ästhetik, um zehntausenden Followern Inhalte zu servieren, die eine einseitige muslimische Opferrolle kultivieren. Den Islamisten ging es dabei stets um Spaltung und Abkehr von einer Leitkultur hin zu einer radikalen Orthodoxie. Junge Influencer wie der Anführer Joe „Raheem“ Boateng, ein deutsch-ghanaischer Konvertit und Ex-Fußballer aus Hamburg, verkörpern diesen Widerspruch: gebildet, eloquent, oft mit deutscher Staatsbürgerschaft, doch besessen von einer fremden Kultur.
Dieses Verbot darf aber kein Schlussstrich sein, sondern müsste Auftakt zu einer größeren Auseinandersetzung bedeuten. Zu erwarten ist etwa, dass zahlreiche der Akteure und Interessenten sich in neuen Gruppierungen organisieren und Nachfolgeorganisationen gründen. Ebenfalls erscheint es logisch, dass jenes Verbot zu Solidarisierungseffekten und neuem Zulauf führen dürfte, weil man sich zum Betroffenen staatlicher Repressionen stilisieren dürfte.
Im Sinne einer politisch-normativen Definition, was der deutsche Staat erlauben und was nicht erlauben will, ist das Verbot dennoch richtig. Was darauf folgen müsste, ist eine smarte Gegenstrategie, die Bildung und Inklusion stärkt und radikalislamischen Gruppierungen in der Gänze den Kampf ansagt. In diesem Sinne hat der Staat ein erstes Mal zugeschlagen, nun muss aber die Gesellschaft aufholen.
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