Selbsthass als Geschäftsmodell – der seltsame Feminismus von Sophie Passmann
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Melanie GrünEin Tag im Kopf von Sophie Passmann muss sich anfühlen wie ein Christopher-Nolan-Film: Alles kreist um sich selbst, und ständig kommt eine neue Ebene dazu.
„Wie kann sie nur?“, das neue Buch der Bestseller-Autorin ist vor allem eins: anstrengend. Rund 230 Seiten (VOGUE: „ Brilliant formulierter Selbsthass“) handeln davon, wie Frauen im Netz gesehen werden. Vor allem in der linken Presse wird viel Gutes über das fünfte Buch der Podcasterin und Moderatorin geschrieben. Die Werbe-Tour führt auch in Podcasts wie „Hotel Matze“, wo sich Promis gerne mal verletzlich geben, man aber das Gefühl bekommt, einer mehrstündigen Therapiesitzung beizuwohnen.

Passmann ist seit Jahren als Moderatorin und Autorin erfolgreich.
Die Passmann-PR schnurrt. Zusammen mit einem Glow-Up (blondierte Haare, Botox, Gewichtsabnahme, schöne ELLE-Fotos), ist vor allem der 400 000-Follower starke Instagram-Account die Ausspielfläche für das, was sie im Buch beschreibt: Eine Frau wirft sich mit Karacho ins Netz und wird dort – ja, das gehört nun mal dazu – gesehen und bewertet.
Darüber ein ganzes Buch zu machen, ist eine gute Idee. Überhaupt lebt Passmanns Werk vor allem von der Idee, während man dann für mehr als 20 Euro manchmal eine Produktenttäuschung in der Hand hält. Das war schon bei „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“ so. Das Interview-Buch aus dem Jahr 2019 war natürlich alles andere als ein Schlichtungsversuch, sondern eine Kriegserklärung.

Passmann hat fünf Bücher geschrieben.
Selbsthass als Geschäftsmodell
Passmann dürfte in einigen Jahren als eine Art Alice Schwarzer gesehen werden, denn sie beobachtet gut: nie zu akademisch, immer popkulturell relatable. In der Einleitung heißt es, jede Frau könne jederzeit die schlimmste Frau im Internet werden.
„Du willst die Meinungen von anderen hören. Und du hast panische Angst vor ihnen. Du willst schlau sein, so schlau, dass Leute überrascht sind, wenn du trotzdem gut aussiehst. Du willst hübsch sein, alle im Internet sind mittlerweile hübsch, oder sie sind durchtrainiert, oder zumindest pausenlos glücklich.“
Passmann, die nach eigenem Bekunden täglich vier bis neun Stunden im Netz verbringt, schreibt, sie wolle sich nach einem harten Tag in der echten Welt in eine Decke von Content hüllen. Absurderweise holt sie mit solchen Sätzen selbst als wohlhabende Moderatorin auch Alleinerziehende mit drei Jobs ab. Das Phänomen betrifft alle. Passmann schreibt über das warme Gefühl von Girlhood, Frauen, die ihre Frauwerdung gemeinsam im Netz inszenieren, aber auch über die Uniformität von Stars:
„Du siehst keinen Unterschied mehr zwischen den Gesichtern von Lindsay Lohan und Christina Aguilera, du könntest schwören, dass das mal zwei verschiedene Frauen waren.“
Das liest sich stellenweise sehr klug, wenn auch manche Sätze schaudern lassen:
„Bevor ich es ertragen habe, mich selbst anzusehen, habe ich mich im Internet zur Schau gestellt.“
Sophie Passmann ist 32 und gehört damit zur ersten Generation, die ungebremst in den Social-Media-Schredder geraten ist. Jedes Gramm, jeder Satz, jede Falte wird bewertet. Das macht was mit einer jungen Frau. Und genau davon lebt Passmann jetzt:
„Paradoxerweise hilft mir ein Kommentar unter einem meiner Instagram-Fotos, in dem sich jemand darüber beschwert, dass ich völlig überschätzt werde, dabei, meine Miete zu bezahlen.“

Sophie Passmann hat über 400.000 Follower auf Instagram.
Ihr Freund, ein Sternekoch, zahlt ja vielleicht auch seinen Teil. Im Buch geht es viel um die (Selbst-)Bewertung von Frauen, um straffe Bauchnabel, um das harte Schicksal von Sängerin Billie Eilish, die für ihr Aussehen immer bewertet wird (aber genau damit spielt). Passmann kritisiert Trends wie " Selfcare", die Konsumschraube, die ewig angezogen wird (für Männer allerdings auch) – und strebt dennoch ganz offensichtlich selbst nach Schönheit. Und wieso zur Hölle auch nicht?
Passmann ist die Stimme einer Generation. Und das ist bitter
„Wenn ich mich dann erholen will davon, dass ich nicht weiß, wieso ich erschöpft bin, hole ich mein Handy aus meiner Tasche und schaue mir TikToks an.“
Puh. Noch nie war eine Generation so geil darauf, sich im Internet zu sehen und andere zu bewerten – und dann so erschrocken, dass sie gesehen und natürlich auch bewertet wird. Passmann ist dort am stärksten, wo sie eben nicht um sich selbst kreist, sondern um Stars wie Hailey Bieber und Taylor Swift. Internetphänomene wie die Tradwives, Frauen, die ein traditionelles Lebensmodell im Netz inszenieren, scheint sie als Feindbild ausgemacht zu haben. Aber: Sich um Kinder, Haushalt und Mann zu kümmern, ist keine Todsünde. Passmann (besitzt laut eigener Aussage nicht mal eine Pfanne) scheint in einer Lebenswelt gefangen, die vor allem großstädtische Bubbles betrifft und die Ehefrau und Mutter in der Doppelhaushälfte in Backnang nur bedingt betrifft. Sophie Passmann ist 32. Zu alt dafür, Influencerinnen ernsthaft als Referenzgröße für irgendetwas zu sehen, und zu jung, um zu überblicken, dass es im Leben wichtigeres gibt, als ständig um sich selbst zu kreisen.
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