Selbsthass und moderner Ablasshandel: Dieses SOS-Video ist das beste Argument gegen Seenotrettung
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Stell dir vor, nach acht Jahren Kontrollverlust und Versagen in der Flüchtlingskrise, deren Konsequenzen tagtäglich sichtbar werden und deren ganzes Ausmaß noch nicht begreifbar ist, erscheint ein Video, das dir dennoch ein schlechtes Gewissen einreden will – und dir mit denselben debilen Argumenten wie immer erklären möchte, weshalb du Menschen in Seenot dringend retten solltest.
Und damit Vorhang auf für das neue SOS Humanity-Video:
„Es erschüttert mich, wie Menschenleben mit zweierlei Maß gemessen werden“, sagt eine weibliche Stimme zu Beginn des Clips. Was mich hingegen erschüttert ist dieses ganze Video und dessen Aufmachung. Darin inszeniert sich die Berliner Bourgeois-Bohème, namentlich: Heike Makatsch, Bjarne Maedel, Tarik Tesfu, Hadnet Tesfai, Daniel Straesser und Pheline Roggan, als Abziehbild eines, man muss es leider sagen, Gutmenschentums übelster Sorte.
Diese Schauspieler, Moderatoren, Influencer (ja was eigentlich sonst noch alles?), deren Lebensrealität sich zwischen urbanem Altbaustyling, Vier-Tage-Yuccitum und Skinny-Bitch-Gesaufe auf roten Teppichen bewegt, und deren engster Bezugspunkt zu migrantischem Leben der Ausflug zum Falafelmann auf der Kastanienallee darstellt, formuliert hier einen moralischen Imperativ als 70-Sekunden-Video für die Seenotretterlinie SOS Humanity.
Die Mission modernen Priestertums
In Schwarz-Weiß-Optik zu fürchterlichem Klaviergeklimper wird ein Mission Statement dekliniert, das vor Selbsthass trieft. Es ist eine Blaupause für modernes Priestertum, das Menschen retten will, wobei die eigentliche Botschaft relativ schnell klar wird: Retten reicht nicht. Wir wollen mehr Flüchtlinge, wir haben Platz. Wer und wie Platz hat, bleibt unklar. Man ist versucht, sich vorzustellen, wie Bjaerne Maedel hinter jeden Satz des Videos „Der Youssuf, der macht wirklich das beste Baba Ghanoush“ flüstert, um seine Weltoffenheit zu demonstrieren, doch das wäre vielleicht zu subversiv. Es folgt ein Forderungskatalog, und ja, Junge, das sind Statements, um Bushido zu zitieren.
„Niemand, der nicht in Not ist, flieht.“ – Doch, Bjarne, die meisten fliehen wegen Pullfaktoren und wirtschaftlicher Not, sie sagen es selbst. – „Das ist, was wir den Menschen, die zum Teil flüchten, weil wir so leben, wie wir es tun, schuldig sind.“ – Wir sind gar nichts schuldig und diese Art moralischer aufgeladenen Imperativs zeugt eigentlich von der Selbstaufgabe des Westens. – „Ich finde es wahnsinnig, andere Menschen ertrinken zu lassen.“ – Ja genau, Bjarne, deshalb sollte man dieses völlig kaputte Anreiz- und Seenotretter-System für Massenmigration nach Europa trockenlegen, zumal das Beispiel Australien zeigt, dass Tote im Mittelmeer durch restriktive Einwanderungspolitik zurückgehen und nicht steigen.

Lampedusa im Herbst 2023
Schuldig, bedröppelt, von der Realität entkoppelt
Das Video samt Protagonisten ist vor allem eins: völlig entkoppelt von der Lebensrealität der Menschen im Land, die jeden Tag aufs Neue von den Verwerfungen dieser Migrationspolitik lesen, und die in Kommunen leben, die keinen Platz und keine Kapazitäten mehr haben – mehr noch: in denen sie immer mehr zur Minderheit werden. Doch das ist den Gesichtern dieser Kampagne egal, man fragt sich nach der Materialbeschaffenheit dieser luftdichten Illusionsglocke, unter der die Jünger des Guten in den letzten Jahren gelebt haben.
„Dies ist eine Möglichkeit von mir zurückzugeben“, sagt Pheline Reggan bedröppelt. Man will der Schauspielerin, die einst mit Soul Kitchen bekannt wurde und später einen 13 Punkte-Plan für nachhaltiges „Grünes Drehen“ als Beitrag gegen die Klimakrise formulierte, regelrecht zurufen: Wenn du „zurückgeben“ willst, liebe Pheline, dann solltest du Sozialarbeiterin, Patentante oder Behindertenbetreuerin werden. Aber bitte keine politischen Forderungen formulieren, die dich nicht betreffen.
Apropos zurückgeben. Im Video wird formuliert, „wir“ (wer ist das eigentlich?) verursachten die Krisen, „die andere Menschen zu spüren bekommen“. Dafür sollte Verantwortung übernommen werden. Wobei Verantwortung offensichtlich gleichbedeutend mit der Aufnahme junger Männer aus den dysfunktionalsten Gesellschaften des globalen Südens ist. Die Moderatorin Tesfai sagt sogar: „Das ist, was wir den Menschen, die zum Teil flüchten, weil wir so leben, wie wir es tun, schuldig sind.“ Das ist Paternalismus pur, aber wen juckt’s?

Bjarne Maedel, Schauspieler und Gutmensch
Moralische Reinwaschung
Am Ende gibt’s ein T-Shirt von Armed Angels fürs gute Gewissen zu kaufen, von den Verkäufen wird wieder eine Humanity 1 finanziert, die neue Goldstücke nach Europa bringt.
Und spätestens in diesem Augenblick ist klar: Dieses Video ist ein moderner Ablasshandel, bei dem sich eine gutbürgerliche Elite moralisch reinwaschen möchte. Wer aber dermaßen überheblich wie abstoßend argumentiert – und diese Art von Politik fordert –, der sollte die Flüchtlinge aus Gambia und Somalia doch selbst aufnehmen, am besten bei sich zu Hause. Dafür würde ich Spenden sammeln, lieber Bjarne und liebe Pheline.
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