Sie haben die SPD zu Grabe getragen – Deutschlands Arbeiter wollen keine Sozis mehr sein
Ein Beitrag von
Am Wahlabend sind im Willy-Brandt-Haus in Berlin lange Zeit nur Journalisten da. „Es gibt keine Menschen in roten Kleidern, wie sonst hier bei Wahlen, keine Getränke, nicht mal Wasser, keine Musik, gar nichts“, berichtet Wiebke Hollersen in der Berliner Zeitung. Warum hat die SPD überhaupt in ihre Zentrale geladen, fragt sie sich. Weil man das so macht als Kanzlerpartei. Es sind die alten Rituale, die zu den neuen Zeiten nicht passen.
Der einst stolzen Arbeiterpartei sind die Arbeiter abhanden gekommen
Die neuen Zeiten – welch ein Debakel für die einst stolze Arbeiterpartei, ich gestatte mir, das Wort „stolz“ hier zu benutzen, obwohl es wie ein Klischee klingt. An der SPD ist nichts mehr stolz. Schon gar nicht für die Wähler, die diese Partei einst gewählt haben. Denn: Nur 3 Prozent der Arbeiter in Sachsen wählten die SPD, in Thüringen waren es 4 Prozent. Es gibt keinen größeren Absturz in der Parteiengeschichte. Keiner war krachender – und irgendwie auch tragischer. Der große Abräumer bei den Arbeitern war die AfD – in Thüringen wurde die Partei von 49 Prozent der Arbeiter gewählt.
Noch mal: 4 Prozent der Arbeiter in Thüringen wählten die einstige Arbeiterpartei SPD, 49 Prozent wählten AfD. In Sachsen waren es 45 Prozent.

Die SPD und die Arbeiter: Als erste Vorläufer der SPD gelten der 1863 in Leipzig gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die 1869 gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Ihren heutigen Namen gab sich die Partei 1890. Somit ist die SPD mit ihrer über 150-jährigen Geschichte die älteste noch bestehende Partei Deutschlands. Sie war eine Milieu- und Klassenpartei der Arbeiterschaft. Von 1890 bis 1930 wurde die SPD bei allen Reichstagswahlen die stimmenstärkste Partei und stellte mit Friedrich Ebert das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt der deutschen Geschichte und neben Ebert auch mit Philip Scheidemann, Gustav Bauer und Hermann Müller vier Regierungschefs.

SPD-Parteitag in Magdeburg (1910)
Große Stunden der Sozialdemokratie
Die größte Stunde für die Sozialdemokratie kam am 24. März 1933. An diesem Tag stimmte die SPD gegen das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten. Der Abgeordnete Otto Wels rief unter Lebensgefahr: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Das Ermächtigungsgesetz wurde trotzdem verabschiedet. Von den 94 Sozialdemokraten, die geschlossen und als einzige Partei gegen das Gesetz gestimmt hatten, bezahlten 24 mit ihrem Leben. Am 22. Juni 1933 wurde die SPD verboten.

Otto Wels bei einer Rede im Berliner Lustgarten (circa 1930)
Die großen Sozialdemokraten nach 1945 – der im Krieg schwer verwundete Kurt Schumacher zum Beispiel, er wurde 1946 der erste Parteivorsitzende der SPD, er unterlag in der Bundestagswahl 1949 knapp dem späteren Bundeskanzler Adenauer. Er war ein Sozi der alten Schule, ein Freund der Arbeiter. Ein Jahr zuvor hatte der Sozialdemokrat Ernst Reuter, Regierender Bürgermeister Berlins, vor dem Reichstag eine Rede gehalten, die Jahrzehnte überdauert hat. Er rief: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen ist …“

Ernst Reuter fordert Beistand für das blockierte Berlin (1948)
Der Kampf gegen die sowjetische Berlin-Blockade wurde gewonnen, weil die Alliierten Berlin aus der Luft versorgten. Und sie wurde auch gewonnen, weil ein Sozialdemokrat mit einer Rede Millionen Menschen aufrüttelte und bewegte – undenkbar in unserer heutigen Zeit.
Die großen Kanzler der Sozialdemokratie: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder. Alle prägten ihre Zeit oder sie waren ihrer Zeit voraus. Man musste sie nicht mögen, aber sie waren Persönlichkeiten, an denen die Deutschen sich rieben – und sie oft trotzdem wählten. Brandt stand für die Ostpolitik, Schmidt für die Stationierung amerikanischer Mittelstrecken-Raketen und Schröder für die Agenda 2010.
Man konnte diese Dinge großartig finden – oder sie aber wütend ablehnen. Es waren heftigste politische Auseinandersetzungen. Wer es erlebt hat, weiß: Es prallten Welten aufeinander, oft unversöhnlich. Aber dahinter standen sozialdemokratische Ideen, die Substanz und Leidenschaft in sich trugen.
Was Jahrzehnte anhielt und unveränderlich schien, war die Treue der Arbeiterschaft zu ihrer SPD. Das ist seit gestern schlagartig anders. Deutschlands Arbeiter wollen keine Sozis mehr sein. Sie haben ihre SPD zu Grabe getragen.
Mehr NIUS:
Mord an Henry Nowak: Diese Tat steht für staatlich unterstützten Hass auf Weiße
Zwischen Tränen und Schuldgefühlen: Das seltsame Frauenbild der Grünen
Bewiesen: Zu wenig Schlaf macht alt – zu viel aber auch!
Fettig, deftig, ehrlich: Der Taxiteller ist zurück!
Wolfgang Kubicki muss das Strack-Zimmermann-Lager aus der FDP vertreiben
Robert und der Wolf: Habeck jetzt offiziell Märchenerzähler
Abgewählt und trotzdem gefeiert: Plant Robert Habeck ein Politik-Comeback?
Ex-Ferrari-Boss Montezemolo entlarvt das traurige Schicksal europäischer Automobilkunst
Mehr NIUS:
Fettig, deftig, ehrlich: Der Taxiteller ist zurück!
Wolfgang Kubicki muss das Strack-Zimmermann-Lager aus der FDP vertreiben
Robert und der Wolf: Habeck jetzt offiziell Märchenerzähler
Abgewählt und trotzdem gefeiert: Plant Robert Habeck ein Politik-Comeback?
Ex-Ferrari-Boss Montezemolo entlarvt das traurige Schicksal europäischer Automobilkunst
„Was ist schlimmer – Bärbel Bas oder die Tagesschau?“: Heiko Wasser, der Unerschrockene
Warum die AfD jetzt über 30 Prozent geht
Bärbel Bas und das „Einheitsbraun“: Wie eine „rechte Verschwörungstheorie“ zur offiziellen Regierungslinie wurde
Louis Hagen
Artikel teilen
Kommentare