Soll der Staat gegen Einsamkeit kämpfen? Bloß nicht!
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„Einsam, zweisam, dreisam – und am Ende dann allein“, sang Herman van Veen schon Anfang der 80er Jahre. Heute wäre er ein Fall für die Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne), die dieser Tage einen „Einsamkeitsatlas“ vorgelegt hat und sich des Problems mit höchster Dringlichkeit annehmen will.
Ausgerechnet!
Es gibt offenbar keinen Lebensbereich mehr, der vor der Politik noch sicher ist. Das Irre: Corona und die im Zuge der Pandemie erlassenen Beschränkungen haben massive Auswirkungen auf das Einsamkeitsempfinden, heißt es in dem Bericht, den das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) im Auftrag des Paus-Ministeriums erstellt hat. Mit anderen Worten: Ein Problem, das die Politik maßgeblich befeuert hat, will sie nun auch noch beheben. Die Politik, die damals nicht begriffen und schon gar nicht akzeptiert hat, dass sie im Privatleben der Bürger nichts verloren hat, zieht aus dem übergriffigen Tabubruch den (fälschlichen) Schluss, sich nun vermeintlich segensreich ins Privatleben der Menschen einmischen zu müssen.

Während der Pandemie litten viele Menschen unter Einsamkeit.
Einsamkeit auch in postpandemischer Phase dauerpräsent
Der Datenauswertung zufolge nahm das Einsamkeitsempfinden der Erwachsenen in Deutschland in den Jahren 1992 bis 2017 tendenziell eher ab, berichtet die „Tagesschau“, mit Corona gab es dann einen sprunghaften Anstieg. So lagen die in der Studie definierten „Einsamkeitsbelastungen“ bei der Gesamtbevölkerung 2017 bei 7,6 Prozent. 2020 – im ersten Jahr der Corona-Pandemie – stiegen sie auf 28,2 Prozent. 2021 gingen sie auf 11,3 Prozent zurück, lagen aber weiter über den Werten aus der Zeit vor der Pandemie.

Ein Plakat mit der Aufschrift „Bleibt zu Hause“ hängt im Schaufenster eines geschlossenen Spielzeuggschäfts.
Nun hätte man für die Erkenntnis, dass Lockdowns, Besuchssperren und Begegnungsregeln („zwei Familien aus zwei Haushalten ...“) zu Vereinsamung führen, keine teure Studie gebraucht, interessant ist aber doch die Erkenntnis des BiB, dass der Wegfall der Kontaktbeschränkungen nur begrenzt zu einer „sozialen Erholung“ geführt hat. „In der postpandemischen Phase besteht die Einsamkeit auf hohem Niveau fort – es zeigt sich eine Tendenz zur Chronifizierung“, so Sabine Diabaté, wissenschaftliche Mitarbeiterin am BiB.
Paus will „Augen vor dem sozialen Long Covid“ nicht verschließen
Demnach empfinden Frauen in größerem Maß Einsamkeit als Männer und bei jüngeren Altersgruppen war der Anstieg stärker als bei älteren: Vor Ausbruch der Corona-Pandemie war das Einsamkeitsempfinden vor allem in der Gruppe der Über-75-Jährigen überproportional hoch, danach bei den Unter-30-Jährigen. Überdurchschnittlich stark von Einsamkeit betroffen sind der Studie zufolge Alleinerziehende, Arbeitslose, gering Qualifizierte, chronisch Kranke sowie Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung. Kaum Unterschiede gibt es demnach zwischen Menschen auf dem Land oder in der Stadt sowie zwischen den ost- und westdeutschen Bundesländern.

Lisa Paus und ein „Gem-Einsam“-Schriftzug im Hintergrund.
Einsamkeit sei eine „Herausforderung für die gesamte Gesellschaft“, so Paus und verstieg sich zu dem Vergleich, man dürfe „die Augen vor 'sozialem Long Covid' nicht verschließen“. Und wie zu erwarten, wittern bereits verschiedene Lobby-Verbände die Gelegenheit, Geld für eigene Ideen herauszuholen: Der Sozialverband Deutschland (SoVD) fordert mehr Investitionen in Personal und Strukturen öffentlicher Begegnungsorte wie Bibliotheken, Schwimmbäder, Ärztehäuser, Quartiersläden, inklusive Schulen und Kitas sowie ein lückenloses Breitbandnetz. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz brachte die Idee ins Gespräch, mehr Seniorenämter in Städten und Gemeinden einzurichten. Und Paus selbst will eine „Aktionswoche gegen Einsamkeit“ vom 17. bis 21. Juni abhalten, „Kaffee-Talks“ und „Singen gegen Einsamkeit“.
Na, danke!
Selbstverantwortung als Schlüsselprinzip
Es mag ja sein, dass Einsamkeit so gesundheitsschädlich wie Rauchen ist, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meint. Der Staat ist allerdings der Letzte, der sich ungefragt in die private Lebensführung einmischen sollte. Staatlich organisierte Geselligkeit braucht niemand, und wer „öffentliche Begegnungsorte wie Bibliotheken, Schwimmbäder, Ärztehäuser, Quartiersläden“ sucht, findet diese schon jetzt. Auch wenn man daran zweifeln darf, ob ein Wartezimmer oder eine Bücherei auf der Suche nach Gemeinsamkeit weiterhilft.
Der erste Schritt zur Ehrlichkeit wäre, dass wir uns als Gesellschaft eingestehen, dass es unsere eigene, präferierte Lebensweise ist, die (und an etlichen anderen Stellen) an ihre Grenzen stößt. Wer in jungen Jahren das Single-Leben (völlig ok!) vorzieht, kann sich später nicht wundern, dass er keine Familie hat. Eine mehr und mehr kinderlose Gesellschaft hat zwangsläufig weniger Generationen-Bindungen. Und wer glaubt, dass die Lebensertüchtigung von Kindern durch die Ganztagsschule erbracht wird, dass im Alter die Pflegeversicherung die Betreuung übernimmt und dazwischen das Erwerbsleben das Wichtigste ist, der wird am Ende in der Tat den Staat gegen Einsamkeit zu Hilfe rufen müssen, wenn im Ruhestand die Kollegen von einst nicht mehr zur Verfügung stehen.
Die Wahrheit ist: Die Menschen sind für ihr Leben selbst verantwortlich. Das mag für manche Zeitgenossen und Betreuungspolitiker bedrohlich klingen. Für die meisten anderen sollte es verlockend sein. Man nennt es Freiheit. Singe-Nachmittage mit Kaffee, Kuchen und Lisa Paus sind das Gegenteil.
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Ralf Schuler
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