Tote Geiseln, Hunderttausende auf den Straßen: So verzweifelt ist die Lage in Israel
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Sechs Särge, gehüllt in israelische Flaggen, waren auf einer Bühne mitten in Tel Aviv aufgebaut. 200.000 Menschen versammelten sich zu einer Demonstration, die es in dieser Größe seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober nicht mehr gegeben hatte.
Die Menschen kamen, um ihren Regierungschef Netanjahu zu einem Abkommen mit der Hamas über eine Waffenruhe und die Freilassung der in Gaza verbliebenen Geiseln zu bewegen. Aber auch, um ihre Wut auf die Regierung zum Ausdruck zu bringen. Die FAZ zitiert Ilana Gritzewsky, die sich im vergangenen November selbst in Geiselhaft der Hamas in Gaza befunden hatte. Sie rief jetzt: „Netanjahu ist derjenige, der die Geiseln umbringt. Und jeder Tag in Gefangenschaft kommt einem weiteren Todesurteil gleich.“

Benjamin Netanjahu, Premierminister von Israel.
„Wer Geiseln ermordet, will keinen Deal“
Israel in diesen Stunden – ein Land ist verzweifelt und ratlos. Wer Bilder aus Tel Aviv sieht, denkt, das ganze Land wäre auf der Straße. Die Stimmung ist aufgeheizt, wie sie wohl lange nicht mehr war. Der Grund ist eine perfide, menschenverachtende Tat der Hamas-Terroristen. Sie ermordeten sechs Geiseln, kurz bevor diese von der israelischen Armee befreit werden konnten. Netanjahu sagte in einer Video-Botschaft: „Ich wiederhole es in Richtung der Hamas-Terroristen und ihren Anführern, die unsere Entführten ermordet haben: Ihr habt euer Leben verwirkt. Wir werden euch verfolgen, wir werden euch finden, und wir werden abrechnen.“ Israel erlebe einen schweren Tag, der dem ganzen Volk das Herz zerreißt. Die Hamas habe abermals bewiesen: „Wer Geiseln ermordet, will keinen Deal.“
Das sehen die Geiselfamilien anders. In einer Mitteilung schrieben sie: „Sie waren am Leben, aber Netanjahu und sein Kabinett des Todes haben beschlossen, sie nicht zu retten. Wir können nicht weiter zuschauen.“ Der Vorsitzende des Gewerkschafts-Dachverbandes Bar-David schrieb: „Dass Juden in den Tunneln von Gaza ermordet werden, ist inakzeptabel. Wir müssen einen Deal abschließen, ein Deal ist wichtiger als alles andere.“
Die Verhandlungen über ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas bewegen sich seit Monaten nicht. Wie die Washington Post am Montag berichtete, planen die USA nächste Woche ein letztes Mal einen Vorschlag für ein Abkommen vorzulegen. Falls beide Seiten nicht akzeptieren, könnte das Ende der Verhandlungen bedeuten.

Der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant.
In einem der zentralen Streitpunkte eines möglichen Deals zwischen der Hamas und Israel war es zu einem heftigen Streit zwischen Netanjahu und seinem Verteidigungsminister Yoav Gallant gekommen. Es geht um ein kleines Landstück zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten, den sogenannten Philadelphi-Korridor. Netanjahu will den Korridor unter israelischer Kontrolle behalten, die Opposition nicht. Vor allem die rechtsextremen Minister aus der Netanjahu-Regierung wandten sich gegen den Verteidigungsminister. Viele der wütenden Israelis scheinen ihm dagegen recht zu geben. Netanjahu werde Russisch Roulette mit den Geiseln spielen, „bis sie alle tot sind“, sagte die Mutter eines nach Gaza Entführten auf der Demonstration in Tel Aviv. Die sechs ermordeten Geiseln seien „auf dem Altar des Philadelphi-Korridors“ gestorben.
Verhandelt man mit Terroristen?
Kann man durch Verhandlungen und Zugeständnisse Geiseln retten oder nicht? Das ist die Grundsatzfrage, die immer wieder auftaucht, seit es Terror und Geiseln gibt. Das Prinzip der Bundesregierung unter Helmut Schmidt gegenüber dem Terror der Rote Armee Fraktion in den 70er Jahren war: Mit Terroristen verhandelt man nicht. Schmidt musste das Entsetzen von Angehörigen von RAF-Geiseln und Teilen der Bevölkerung der Bundesrepublik hinnehmen, als er etwa bei der Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer nicht bereit war, über die Forderungen der Linksterroristen zu verhandeln. Schleyer wurde ermordet.
Hat die Geschichte Helmut Schmidt recht gegeben, weil er nicht verhandelt hat? Wird die Geschichte Benjamin Netanjahu recht geben, wenn er weiter hart bleibt? Wer soll das beantworten.
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