Tränen, Trauma und ein Exorzist: Wie ein Theaterstück den Kulturbetrieb bloßstellt
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Melanie GrünNach der Theaterinszenierung „Prozess gegen Deutschland“ liegen die Nerven vor allem bei den Linken des Kulturbetriebs blank. Weinkrämpfe, Nervenkrisen und Rufe nach einem Exorzisten – das alles gab es, seit im Februar am Hamburger Thalia Theater die dreitägige Prozess-Inszenierung zu Ende ging.
In dem Verhandlungs-Stück spielte Regisseur Milo Rau ein mögliches AfD-Verbot mit allen Seiten durch. Er lud Juristen, Wissenschaftler, Ex-AfD-Politikerinnen und einen pakistanisch-stämmigen, rechten Influencer auf die Bühne. Wohl wissend, dass da Welten aufeinanderclashen, stellte das Theater laut Zeit vorab ein Awareness-Team auf – was auch immer das bewirken sollte.

Regisseur Milo Rau
Hurra, rufen die Konservativen!
Endlich besinnt sich das Theater wieder auf das, was es sein sollte: ein Ort des Austausches. Lange Jahre waren die öffentlich finanzierten Spielstätten für konservative Menschen eine No-Go-Area: steuerfinanzierte Zeitverschwendung auf unbequemen Sesseln in zugigen Sälen. Experimenteller Bullshit für hüstelnde Abonnenten, an dessen Ende das Ensemble immer nackt und in Schweineblut überzogen dastand. Die Message immer so vorhersehbar wie die Schlange am Pausenbuffet: Trump ist doof, die Rechten sind böse, unsere Demokratie ist bedroht.
Jetzt wird Theater wieder zum Ort, an dem gesellschaftliche Debatten gespielt und gespiegelt werden. Plötzlich ist Theater wieder spannend, kein Safe Space für Wehleidige, sondern ein Ort für Begegnung. Nicht nur traut sich das Schauspielhaus in Bochum, einen provokanten Faschisten-Monolog auf die Bühne zu bringen (der Schauspieler wurde dafür von Zuschauern tätlich angegriffen). Nein, Theater lässt auch endlich wieder Diskurs zu: So wie das Hamburger Schauspielhaus, das sich weigerte, die von aggressiven Aktivistinnen angefeindete Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wieder auszuladen.
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Man rufe einen Exorzisten
Auch der „Prozess gegen Deutschland“ schien ein gutes Ende zu finden: Bild-Kolumnist Harald Martenstein ging mit seiner Rede viral, AfD-Gründungsmitglied Frauke Petry zog wieder von dannen, auch die stellvertretende NIUS-Chefredakteurin Pauline Voss kam wohlbehalten nach Berlin zurück. Fast wie ein Wunder mutete es an, dass es eben nicht den gewohnten Empörungsreflex gegeben hatte, sondern eine echte Auseinandersetzung.
Doch der Frieden währte nur kurz: Was sich in den Wochen nach dem Prozess abspielte, das ist eine hysterische Gesellschaft unterm Brennglas: Mitarbeiter des Thalia hätten, so schreibt die Zeit sinngemäß, Probleme mit der Veranstaltung gehabt. Es seien Worte wie „Verletzung“, „verbrannte Erde“, „Rassisten auf unserer Bühne“ gefallen. Es habe Krisensitzungen, Aktionsgruppen, Betroffenenkreise gegeben. Es seien Tränen geflossen, weil „Rechtspopulisten auf denselben Stühlen saßen, dieselben Garderoben benutzten und das Theater, ihr Theater, beschmutzt hätten“, so eine Mitarbeiterin. Zudem wurde NIUS zugetragen, die schiere Anwesenheit der stellvertretenden Chefredakteurin Pauline Voss habe gar den Ruf nach einem Exorzisten laut werden lassen. 2026, das ist, wenn der politische Gegner zum Teufel wird.
Die Kultur muss endlich dagegenhalten!
Intendantin Sonja Anders sagt der Zeit, man wolle sich bewusst als linke Institution rechten Stimmen aussetzen. „Ja, ich finde das richtig. Und falsch, der Politik die Schmutzarbeit zu überlassen.“
Auf der Homepage des Hauses finden sich Stiftungen sowie Partner, die „Demokratie-Projekte“ unterstützen. Wo, wenn nicht hier, kann Debatte stattfinden? Doch genau davor haben die Linken Angst.
Und noch haben sie mit ihrer Dauerempörung die Macht: Nach dem Event verschwinden viele Aufzeichnungen kurz von YouTube: Ausgerechnet das Plädoyer des NDR-Mannes gegen die AfD bleibt auf der Plattform, angeblich aus „urheberrechtlichen Gründen“. Auch die Rede der ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten Joana Cotar ist kurzzeitig weg. Dann schaltet das Theater alle Videos wieder frei. Vielleicht, weil sich endlich diejenigen empören, die sich im Kulturbetrieb überhaupt nicht mehr wahrgenommen fühlten.

Intendantin Sonja Anders
Knickt die Kultur schon wieder ein?
Und was sagt Regisseur Milo Rau? Der kritisiert gegenüber dem Cicero eine „verringerte Gesprächsbereitschaft“ in Deutschland, eine „extreme Frontenbildung“. Das Urteil im Schauprozess ging in dieser Kulturkrise übrigens völlig unter. Es lautete: Prüfung eines AfD-Verbots und Entzug der Parteienfinanzierung.
Im Spielplan des Thalia-Theaters stehen für die nächste Zeit die Gesprächsreihe „Wir müssen reden“, u. a. mit Moderator Louis Klamroth, ein Stück über das Umfeld der NSU-Frau Beate Zschäpe, „Die kleine Meerjungfrau“ als Drag-Revue und „Sankt Falstaff“ über eine sterbende Demokratie. War’s das schon wieder mit der Öffnung Richtung Mitte? Knickt das Theater vor der linken Bioblase ein?
Hoffentlich nicht. Denn auch rechte Zuschauer finanzieren mit ihren Steuern und Tickets den Kulturbetrieb. Und: Wir müssen miteinander im Austausch bleiben, ganz ohne Exorzisten.
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