Warum wird alles immer hässlicher? Wer sich von der Schönheit abwendet, bekommt auch eine hässliche Politik
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Menschen in grauen Jogginghosen steigen aus grauen Autos, graue Smartphones in der Hand, auf dem Weg in graue Gebäude. Ein Wort reicht, um das Bild der Gegenwart zu zeichnen: Grau. Vor wenigen Jahrzehnten war das noch anders. Die Kultur der Hässlichkeit hat sich durchgesetzt – auch mit fatalen politischen Folgen.
„Beurteile ein Buch nie nach seinem Einband“ ist ein beliebtes, aber falsches Sprichwort. Doch, das Äußere verrät etwas über Menschen und von ihnen geschaffene Gegenstände. Wie sie selbst denken, was andere von ihnen denken sollen, wie sie zur Welt stehen. Eine Kultur besteht aus Menschen. Um eine Kultur zu verstehen, reicht es nicht, sich anzuhören, was diese Kultur über sich selbst behauptet. Wesentlich ist der Blick auf das, was diese Kultur schafft.
Die Häuser, die Autos – alles war schöner und lebendiger
Es ist fast egal, was ein Bürgermeister in einem Interview von sich gibt, relevant ist, wie von ihm genehmigte Neubauten aussehen. Es ist vernachlässigbar, was der Bundespräsident bei seiner Weihnachtsansprache über das Wesen des Landes verkündet, mehr Bedeutung hat, wie die Menschen im Alltag sich selbst und ihre Umgebung gestalten.
Früher war nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr Farbe. Auf alten Parkplatzbildern finden sich grüne, gelbe, rote, blaue, braune, weiße, schwarze und graue Autos – jeweils in verschiedenen Helligkeitsstufen und in ungefähr gleicher Verteilung. In der Gegenwart findet sich vor allem die Troika der Trostlosigkeit: Schwarz, Grau, Weiß. Klar, funktional sind diese Farben, lebensfroh eher nicht.
Auch die Häuser, vor denen die immer schlichteren Autos parken, werden stets langweiliger. Jeder hat Beispiele aus seiner eigenen Stadt im Kopf, von neu gebauten Schulen, Rathäusern, Bahnhöfen oder Mehrfamilienhäusern, die von charaktervollen Bauten zu grauweißen Schandflecken verkommen sind.

Berlin bietet ein trostloses Stadtbild durch fehlende Farben.
Bürger als Opfer und Täter
Die Entwicklung der abnehmenden Ästhetik bei steigendem Wohlstand macht selbst vor Kleinigkeiten wie Straßenlaternen und Bänken keinen Halt. Früher liebevoll und verschnörkelt, heute eher ein Ausdruck staatlicher Verachtung für die sich im öffentlichen Raum bewegenden Bürger.
Die Bürger selbst sind nicht nur Opfer von irgendwelchen zwangsfinanzierten Stadtplanern und durch das staatliche Ausbildungssystem intellektuell vertrockneten Architekten, sondern ebenfalls Täter. Hat man Glück, kommt auf zwanzig Jogginghosen in der Fußgängerzone eine Stoffhose. Im Sommer muss genauso lange nach einer Frau im schönen Sommerkleid gesucht werden wie im Winter nach einem Mann mit vernünftigem Mantel.
Selbst die Sprache verhunzt. Wenn selbst Radio-Journalisten, deren einziger Job das Wort ist, regelmäßig bei der Wiedergabe von Politikerreden am Konjunktiv scheitern, sieht es übel aus. Der Genitiv mag bereits unrettbar auf der Intensivstation liegen, aber wenigstens eine Wiedergabe von Zitaten auf mittelmäßigem Abiturientenniveau sollte für hochbezahlte Journalisten doch noch drin sein.
Ist sie aber nicht. Von unserer Infrastruktur über unsere Kleidung bis hin zu unserer Sprache erleben wir seit Jahrzehnten einen zuverlässigen Verfall. Doch warum wird alles immer hässlicher?
Ist es die Abkehr von christlichen Werten und das Suchen nach Ersatzreligionen, die als gottlose Ideologien von den Menschen keine Schönheit abverlangen? Liegt es daran, dass Menschen sich weniger als Verbindungsglieder in einer Familiengeschichte verstehen und deswegen die Kreierung lange anhaltender, bewundernswerter Bauwerke für die Nachwelt in den Hintergrund tritt?
1865 wurde in London eine Abwasser-Pumpstation fertig gebaut. Sie war elementarer Bestandteil des Londoner Abwassersystems. Sie hatte also die profanste und unschönste Aufgabe, nämlich menschlichen Abfall zu entsorgen. Sie wurde so schön und aufwendig im viktorianischen Stil gebaut, dass sie als „Kathedrale der Ingenieurskunst“ bezeichnet wurde und heute sowohl unter Denkmalschutz steht als auch ein Museum ist.

Die Abbey Mills Pumping Station
Eine Milliarde Euro und kein schöner Quadratzentimeter
Das Bundeskanzleramt in Berlin wird derzeit für ungefähr eine Milliarde Euro erweitert. Eine Milliarde Euro und kein schöner Quadratzentimeter. Objektive Schönheit existiert und wir haben uns von ihr abseits von der Betrachtung der Schönheit der Vergangenheit abgewandt. 160 Jahre nach ihrer Fertigstellung wird die Pumpstation noch von Menschen bewundert. Wer wird in 160 Jahren staunend vor einem Brutalismus-Verbrechen unserer Zeit oder dem deutschen Bundeskanzleramt stehen? Wohl niemand. Der Arbeitsplatz von Friedrich Merz kann nicht mit einer Anlage zur Fäkalienbeseitigung mithalten.
Die Bequemlichkeit hat über den Aufwand gesiegt. Die Technokratie hat das Farbenfrohe verdrängt. Die Bauvorschriften haben das Verschnörkelte ermordet. Die Selbstaufgabe hat die schöne Kleidung zurückgedrängt. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Boomer-Generation, aufgewachsen in einer ansehnlicheren Kultur, sich an eben dieser satt sahen und sich in Simplizität und Grautöne flüchteten.

Das Bundeskanzleramt in Berlin: Eine Milliarde Euro und kein schöner Quadratzentimeter
Es ist doch merkwürdig. Noch nie waren so viel Geld und so viel Wissen vorhanden wie in der Gegenwart. Noch nie war die Gesellschaft so individualisiert wie heute. Alles ist möglich, dennoch sieht alles gleich aus. Gleich hässlich. Ist wirklich alles egal? Ist Grau plötzlich die Lieblingsfarbe der Mehrheit? Oder ist das nicht das Ergebnis von vernünftigen Menschen, die leise dabei zusehen, wenn eine geschmacklose Minderheit alles immer hässlicher macht?
Der große Erfolg von der Sendung „Bares für Rares“ hat auch damit etwas zu tun, dass dort schön gekleidete Menschen in schöner Umgebung mit schönen Gegenständen zu tun haben. Ein kultureller Gegensatz zum Grau des deutschen Alltags. Und das inmitten der zwangsfinanzierten Trostlosigkeit des ÖRR. Nahezu ein modernes oder eben nicht modernes Wunder. Vielleicht gibt es immer noch Nachfrage nach Schönheit. Solange auf individueller Ebene jedoch 50-Jährige wie ihre 12-jährigen Kinder rumlaufen, bestätigt die Ausnahme die Regel.
Wir leben in einer Gesellschaft mit hässlich-depressiven Neubauten, hässlich-stilloser Kleidung, hässlich-funktionalen Straßenlaternen, hässlich-trostlosen Autos, hässlich-abstoßenden Innenstädten und hässlich-anstrengungsloser Sprache. Dass eine Gesellschaft, die sich mit Hässlichkeit umgibt, politisch nichts Schönes mehr hinbekommt, kann nicht mehr verwundern.
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Ben Brechtken
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