Wenn Rassisten die „Ode an die Freude“ umdichten – verbieten wir dann Beethoven?!
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Merken die noch was? Eine Frage, die fast zu harmlos klingt, wenn man in diesen Tagen auf „deutsche Affären“ blickt.
Die „Sylt-Affäre“ zieht ihre Kreise, und man weiß nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll: Alkoholisierte, halbstarke Partygäste grölen zu den fröhlichen Beats von „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino (eigentlich: Luigino Celestino Di Agostino) ausländerfeindliche Parolen („Deutschland den Deutschen. Ausländer raus!“), der Kanzler äußert sich, einige der depperten Deppen verlieren ihren Job, für das kommende Oktoberfest wird der zwanzig Jahre alte Party-Hit verboten (!), auf etlichen anderen Volksfesten ebenfalls, und in Magdeburg müssen Autofahrer ihre Handys abgeben, weil Denunzianten verräterische Beats aus dem Wagen gehört und die Polizei gerufen haben.
Geht’s noch!?
Ein Song, übersetzt etwa „Liebe immer und überall“, wird verfolgt, weil sich irgendwer einen dämlichen Reim darauf ausgedacht hat? Wenn demnächst jemand „Heil Hitler“ auf die „Ode an die Freude“ textet, verbieten wir dann Beethoven? Oder die Nationalhymne der Bundesrepublik, auf deren Melodie sich die Hymne der verflossenen DDR („Auferstanden aus Ruinen“) problemlos singen lässt? Oder um es mit Woody Allen zu sagen: Nur weil ich paranoid bin, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter mir her sind.
Könnte es sein, dass der inflationäre Gebrauch des Begriffes „Nazi“ die Maßstäbe inzwischen so weit verwässert hat, dass die Sylter Parolen als popkulturelle Spaß-Provokation durchgehen? Werden Autofahrer mit Sylt-Schattenriss künftig vom Verfassungsschutz beobachtet, weil das Insel-Konterfei zur Chiffre rechtsextremistischer Umtriebe geworden ist?

Oktoberfest in München: Bloß nicht „Döp-dödö-döp“ sagen, singen – denken!
Stehen jetzt deutschlandweit unauffällige Männer mit Ringel-Kabel im Ohr neben dem Kirmes-Karussell und rufen „Zugriff!“ in ihr verdecktes Manschetten-Mikrofon, wenn das Intro von „Nazi“-Gaga-Gigi aus den Boxen zu hämmern beginnt?
In der Gesellschaft verschiebt sich etwas
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Party-People von Sylt haben einen an der Waffel, sind pubertär, unreif und womöglich politisch auf unappetitlichen Abwegen. Das macht die untauglichen Versuche aber nicht weniger dämlich, hinter einem Lied mit dem Verbotsnetz herzulaufen, als wäre es ein brauner Nachtfalter, den man wieder einfangen will.
In der Gesellschaft verschiebt sich etwas. Die Kinder des deutschen Wohlstands legen ganz offensichtlich auch die lästigen Tabus ihrer Eltern ab und lassen sich die Party nicht von der Last der Geschichte verderben. War doch nur Spaß. Ein Spaß, den die Eltern und Älteren – völlig zu Recht! – nicht verstehen und die in ihrer ratlosen Not zu den autoritären Verbotskeulen ihrer eigenen Elterngeneration greifen.
Merke: Wo man singt, da lass' dich lieber nicht nieder. Auch böse Menschen haben Lieder. Dumme allerdings auch. So gesehen, sind die Lieder-Verbote Vorboten einer an sich selbst scheiternden Gesellschaft.
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Ralf Schuler
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