Wie ich mich glücklich koche: Krieg der Küchen
Ein Beitrag von
Louis HagenWer eine Wohnung sucht, sucht auch eine schöne Küche – na klar. Bloß: Was ist eine schöne Küche? Die mit den hohen Wänden aus der Gründerzeit, die man mit viel Glück manchmal noch angeboten bekommt? Vorne zur Straße zwei repräsentative Zimmer, viel Luft, viel Licht. Nach oben endlos, Stuck, manchmal schöne Holzdielen. Man nennt es Berliner Zimmer. Dahinter aber, o je, verbaute Zimmerchen, zum Schlafen, für Gäste und – leider – auch zum Kochen.
Viele dieser klassischen Wohnungen sind heute bis zur Unkenntlichkeit zerlegt, konstatiert die Welt. Vier, fünf oder mehr Zimmer wurden zu drei Einheiten. Was bleibt, sind deformierte Grundrisse: fensterlose Schlauchbäder, ambitionslose Notküchen, „Berliner-Zimmer“-Appartements, in denen das ganze Leben in einem einzigen, unproportionierten Raum stattfindet.

Bei Küchen reicht die Spanne von prunkvoll bis weniger prunkvoll.
Verkorkste, skurrile Küchenzeilen
Jeder, der öfter umgezogen ist, kennt diese verkorksten, skurrilen Wohnungen. Schmaler Flur, davon abgehend, kleine Zimmer, das kleinste wird als Kinderzimmer verkauft. Das noch kleine für das zweite Kind, „wenn noch eins kommt“, zwinkerte der Vermieter.
Was aber nicht mehr schön zu zwinkern war – die Küche. Sie nannte es Küchenzeile, Zelle wäre vielleicht angebrachter gewesen. Ja, man konnte kochen. Aber eigentlich nur allein. Ein Partner, der Zwiebeln schneiden wollte, musste raus auf den Flur. Die Elektrogeräte, die vom Vermieter gestellt wurden, stammten oft noch aus den Gründerjahren der Republik. Manch einer verliebte sich in schicke Ikea-Küchen – nicht eingedenk, dass er die Elektrogeräte noch zusätzlich zahlen musste.

Die Durchreiche ist inzwischen außer Mode.
Dann gab es die Durchreiche-Phase. In der verdeckten Küche wurde gekocht – das Ergebnis wurde eben durchgereicht. Eine Klappe zwischen Küche und Wohnzimmer machte es möglich.
Die offene Küche sollte der Durchbruch sein
Der Durchbruch war dann in den letzten Jahrzehnten die offene Küche. Das heißt, die Küche wurde zum Mittelpunkt der Wohnung. Nichttragende Wände raus (das muss der Vermieter genehmigen). Dann zur Bank, das Ersparte und noch mehr für die zentrale, schicke Kücheninsel ausgeben. Und schließlich: jeden Tag Party.
Historisch betrachtet ist die offene Küche kein modischer Fehlgriff, sondern der Normalfall. Über Jahrhunderte war die Küche dort, wo das Feuer brannte. Der Herd war Heizung, sozialer Mittelpunkt, das Zentrum des Hauses. In den 1990er-Jahren wurde die offene Küche zum gelobten Land im Neubau – und entsprechend vermarktet. Küchenhersteller sprechen von einer „Bühne der kommunikativen Lebensweise“. Kaum ein Musterhaus kommt ohne die „Kücheninsel“ aus: der freistehende Block aus Herd und Arbeitsfläche mit Tresen und Barhockern.

Die offene Küche ist das neue Ding - dabei ist es eigentlich alt.
Das alles hat ein guter Freund auch gedacht, als er die Küche in seiner Wohnung umgestaltete. „Jetzt kann das Leben losgehen“, sagte er zu seinen Freunden und Familienmitgliedern. Sie kamen, sie guckten, sie ließen es sich schmecken. Und dann war alles wie zuvor. Keiner kommt, weil du eine Mittelinsel als Küche hast. Sie kommen, weil sie dich mögen und nicht deine Mittelinsel.
Küchen im neuen, alten Trend
Und siehe: Seit einiger Zeit beobachten Innenarchitekten einen neuen alten Trend – im Krieg der Küchen gewinnt die Schachtelküche. Nicht zu klein. Ein Tisch darf schon reinpassen. Aber man mag nicht mehr im Freien sitzen, man mag wieder eine Wand hinter sich, an die man sich lehnen kann. Und man möchte ganz dicht beieinanderhocken. So, wie es früher war. Da kann man auch mal alleine kochen, in dieser neuen, alten Insel der Glückseligkeit. Und auch Fertiggerichte sind erlaubt. Die Küche verzeiht auch billig. Mein Freund sagte neulich: „Ich habe wieder umgebaut. Jetzt koche ich mich glücklich.“
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