Wie Linke und Rechte den Holocaust für ihre bizarren Scharmützel instrumentalisieren
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Die Deutschen haben wieder Gelegenheit, sich selbst zu versichern, dass sie die besten im Töten sind. Wenn die deutschen Züge auch nicht mehr die pünktlichsten und die deutschen Panzer nicht mehr die tauglichsten und die deutschen Autos nicht mehr die schnellsten sind, dann sind wir immer noch die einzigen auf der Welt, die einen industriellen Massenmord hinbekommen haben
Leidenschaftlich flammt in diesen Tagen der „deutsche Sündenstolz“ auf, von dem der Philosoph Hermann Lübbe einst sprach.
Auslöser ist ein Politico-Interview mit dem chancenreichen Spitzenkandidaten der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund. Er war im Podcast von Gordon Repinski zu Gast, der ihn zu seiner Haltung zum Nationalsozialismus befragte – oder treffender ausgedrückt: verhörte. Ob der Holocaust das „schlimmste Verbrechen der Menschheit“ gewesen sei, wollte Repinski wissen. Siegmund darauf: „Das maße ich mir nicht an zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann.“

AfD-Politiker Ulrich Siegmund
Die erwartbare Empörung folgte auf dem Fuße. Von links bis in die sogenannte Mitte sieht man sich bestätigt in der Gewissheit, dass die AfD eine Nazi-Partei sei; die AfD und ihr Vorfeld wiederum erkennen an Siegmunds Aussage nichts Verwerfliches und werfen den Deutschen ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Geschichte vor.
Man wollte gar keine Debatte auslösen, nur Empörung
Und damit liegen sie richtig. Natürlich ist das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Vergangenheit neurotisch. Wie sollte es auch anders sein? Zu einem monströsen Verbrechen kann eine Gesellschaft kein „normales“ Verhältnis entwickeln. Die geplante, industrielle Vernichtung von Menschenleben bleibt unbegreiflich. Wir können uns an dieser Vergangenheit abarbeiten, die „Aufarbeitung“ aber muss ein Mythos bleiben, denn sie verspricht zugleich Reinigung von der Schuld, Wiedergutmachung und Verhinderung zukünftigen Übels, und all das kann kein Gedenken leisten. Das Ziel kann also nicht sein, den Umgang mit unserer Geschichte zu normalisieren, sondern höchstens, ihn so vernünftig wie möglich zu gestalten.

Politico-Podcaster Gordon Repinski
An Vernunft jedoch ist Repinski nicht gelegen. Dies erkennt man schon daran, dass er das Gespräch mit Siegmund über den Nationalsozialismus ausgerechnet an der Stelle beendet, als es gerade anfängt, interessant zu werden. Nachdem die beiden einige Minuten lang eher fruchtlos diskutiert haben, ob es legitim ist, den Satz „Alles für Deutschland“ zu verbieten, fragt Repinski, was Siegmund die Zeit zwischen 1933 und 1945 bedeute und ob er sich der Bewertung anschließe, der Holocaust sei „das schlimmste Menschheitsverbrechen“. Siegmund liefert darauf die erwähnte Antwort, auf die Repinski anscheinend gehofft hat. Der Journalist sagt „Hmm, okay“, saugt kurz genüsslich die Luft ein und wechselt dann das Thema. Warum fragt er Siegmund nicht, welche Menschheitsverbrechen er für vergleichbar „schlimm“ hält? Warum befragt er ihn nicht zu der verbreiteten Behauptung, dass der Kommunismus ebenso gefährlich gewesen sei wie der Nationalsozialismus? Die Antwort ist offensichtlich: Repinski interessiert sich nicht für die Geschichte.
Holocaust als Vehikel zur Diskreditierung
Mit der Befriedigung eines Jägers wirft er sich seinen Interviewgast über die Schulter und präsentiert die Beute dem eigenen Milieu: Schaut her, zu Tisch, ich habe einen Feind erlegt, den ich „Unserer Demokratie“ zum Fraß vorsetzen kann. Sein historisches Bewusstsein ist reine Simulation, die „Auseinandersetzung“ dieses Milieus mit dem Nationalsozialismus dient einzig der Besitzstandswahrung: Wir haben die Juden getötet, wir haben „aufgearbeitet“, jetzt dürfen wir auch entscheiden, wofür wir das „Nie wieder“ benutzen. Und wenn wir es missbrauchen, um Millionen von Antisemiten ins Land zu holen und die Kritiker dieser Migrationspolitik als Faschisten abzustempeln, dann ist auch das unser Recht. Repinski sind die historischen Einordnungen erkennbar einerlei, der Holocaust ist ihm bloß ein probates Mittel, um die Opposition zu diskreditieren und der Regierung so den Rücken zu stärken.
Kann sich der größte Schrecken wiederholen?
Den zentralen Punkt touchiert das Gespräch nur: die Frage, ob wir als Gesellschaft an der These festhalten, dass es sich beim Holocaust um ein singuläres Verbrechen handelt. Sie wird derzeit vor allem von der Linken klar verneint. Keine Gruppierung greift die „Singularität“ des Holocaust derzeit stärker an als die Palituch-behängten Intifada-Fans, die Israels Krieg in Gaza mit dem Holocaust gleichsetzen und in ihren Postkolonialismus-Seminaren gelernt haben, dass auch die kolonialen Verbrechen des Westens mindestens so schlimm wie die Vernichtung der Juden waren. Zugleich kratzt die Parole „Nie wieder ist jetzt“ und das ständige Geraune von „Weimar“ an der Singularitäts-These, weil es nahelegt, dass die Nazizeit eben gar nicht so einmalig war, sondern sofort wiederaufleben könnte, sollte die AfD an die Macht gelangen. Sich nicht anmaßen zu wollen, ob der Holocaust das „schlimmste Menschheitsverbrechen“ war, ist also im Milieu der linken Dauerempörten verbreiteter, als es seit Freitag erscheint.

Eine Gruppe von Kindern im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau am Tag der Befreiung im Januar 1945.
Siegmund formuliert bewusst passiv
Zugleich aber arbeitet auch die AfD an einer solchen historischen Relativierung mit. Entlarvender als der Satz über die Menschheitsverbrechen ist Siegmunds Antwort auf die Frage, was die Zeit des Nationalsozialismus für ihn bedeutet: „Es ist, denke ich mal, bekannt, dass das über die ganze AfD hinweg gleichsam als Tiefpunkt unserer Geschichte natürlich betrachtet werden muss, der auch in dem historischen Kontext so gelehrt werden muss.“ Das Desinteresse springt nur so aus jedem einzelnen Wort. Das Wort „Tiefpunkt“ klingt ebenso deplatziert wie Repinskis Vokabel „schlimm“. Siegmund verzichtet auf ein „ich“, wählt stattdessen eine Passivkonstruktion („betrachtet werden muss“), die das Gedenken als lästige Pflicht ausweist. Er schließt seine Antwort mit dem Satz: „Vielmehr gibt’s dazu nicht zu sagen.“
Dieser Satz ist eine Bankrotterklärung. Wer zum Holocaust nicht mehr zu sagen hat, als dass dieser als „Tiefpunkt betrachtet werden muss“, sollte lieber schweigen.

Das Grauen von Auschwitz wurde von der SS organisiert und exekutiert.
Siegmunds Satz verrät, dass die rechte Klage über den neurotischen Umgang der Linken mit der deutschen Geschichte als ein willkommener Vorwand dient, um sich einfach gar nicht mehr mit der Nazizeit beschäftigen zu müssen. Auch der Umgang vieler Rechter mit der Geschichte ist also verlogen: Vom „Schlussstrich“ darf man heute nicht mehr offen sprechen, darum versteckt man diesen im Gejammer über die verrückten Linken und ihre Nazi-Obsession.
Leid gegeneinander aufzurechnen, wird immer scheitern
Statt Verbrechen in der Kategorie „schlimm“ zu messen, haben Historiker den Begriff „singulär“ gewählt, um die Einzigartigkeit der deutschen Konzentrationslager zu erfassen. Wer gesehen hat, wie sich der Friseur Abraham Bomba in Claude Lanzmanns Dokumentation „Shoah“ an seine Monate in Treblinka erinnert, wie ihm die Stimme versagt, als er erzählen soll, wie er den Frauen aus seinem Dorf den Kopf scheren musste, bevor sie ins Gas geschickt wurden, wie er sich weigert weiterzusprechen und schließlich, als ihn Lanzmann zum Sprechen nötigt, alles Gefühl aus seiner Stimme weicht, weil das Grauen zu groß ist, um es zu ertragen. Wer sich also ein einziges Mal mit einem einzigen Schicksal eines Deportierten ernsthaft beschäftigt, der wird keinen Drang verspüren, an der Singularität dieses Verbrechens zu zweifeln.
Und ihm wird alle Lust vergehen, dieses Verbrechen für die politischen Grabenkämpfe der Gegenwart zu instrumentalisieren.
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