Wirtschaft vor Azubi-Katastrophe: Will denn keiner mehr Lehrling werden?
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Fast jeder zweite Betrieb in Deutschland findet nicht genügend Lehrlinge – ein Allzeittief. Der Azubi-Mangel von heute ist der Fachkräftemangel von morgen. Und der ist jetzt schon eines der größten Probleme der deutschen Wirtschaft.
Bei mehr als 30.000 Betrieben kam noch nicht einmal eine Bewerbung an, Betonung auf „eine“. Vor einer „Katastrophe“ warnt Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung, in diesem Zusammenhang. Er fragt: „Müssen junge Leute heutzutage wirklich drei Jahre lang zum Gebäudereiniger, Fachverkäufer oder Systemgastronomen ausgebildet werden? Können Lehrinhalte nicht weggelassen oder später bei Bedarf im Betrieb angelernt werden?“

„Wer will heute noch Gebäudereiniger werden?“, fragt Hubert Esser vom Bundesinstitut für Berufsbildung.
Ein Berufsstand, der besonders schwer Lehrlinge findet, sind die Metzger. Nach 29 Jahren musste die Fleischerei-Filiale an der Berliner Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg geschlossen werden. Junior-Chef Maik Mischke musste im Juni die Notbremse ziehen: „Zum Schluss ging es nicht mehr, die Dienstpläne zu schreiben, ohne dass Überstunden zur Regel wurden“, sagte er der BZ. Doch für den Familienbetrieb hat „die Gesundheit unserer Mitarbeiter höchste Priorität“. Dass er kein Personal findet, wundert den Junior-Chef nicht. „In einer Welt, in der alle Influencer werden wollen, ist es schwer, junge Leute für den Beruf des Metzgers zu gewinnen.“ Weil es zu wenig Fachpersonal im Fleischer-Handwerk gibt, mussten in den Supermärkten schon viele Frischfleisch-Theken zugemacht werden.
„Nach 8 Stunden Handsemmel flechten, fallen dir die Finger ab“
Ein anderer Lehrberuf, wo die Meister keine Lehrlinge finden, ist der Bäcker. Es ist ein harter Beruf, bei dem man früh aufstehen muss – wirklich früh. Ein Bäckermeister, der anonym bleiben will, berichtet:

Die Ausbildung zum Bäcker gilt als hart und beschwerlich.
„Als Bäcker arbeitet man sechs Tage die Woche, von Montag bis Samstag. Selbst den freien Sonntag hat man nicht völlig für sich, denn um 23 Uhr muss man wieder in die Schicht. Im ersten Lehrjahr habe ich täglich um 4 Uhr früh begonnen, auch samstags. Im zweiten Lehrjahr hat meine Schicht um 2 Uhr früh begonnen, im dritten dann um 23 Uhr. Heim gehen konntest du im letzten Lehrjahr erst, wenn die Arbeit fertig war. Überstunden wurden Lehrlingen schlicht nicht bezahlt. Die wurden einfach nicht aufgeschrieben, das ist so üblich in dieser Branche. Die Schicht ist körperlich harte Arbeit, du stehst viele Stunden an einem Tisch und bereitest mit den Händen Brötchen, Semmeln und Brote zu. Nach 8 Stunden Handsemmel flechten, fallen dir die Finger ab. Und in der Backstube sind knapp 40 Grad, die Fenster darf man aus Hygienegründen nicht öffnen, Klimaanlagen gibt es nur in größeren Betrieben.“
Soweit der authentische Bericht eines Bäckermeisters aus Süddeutschland, der heute Probleme mit der Wirbelsäule hat, weil er viele Nächte lang Mehl und Zucker in 25 Kilosäcken geschleppt hat.
Hat Handwerk noch goldenen Boden?
Trotzdem: Wer ein Handwerk erlernt hat, kann viel Geld verdienen, wenn er sich selbstständig macht. Bis dahin ist es ein harter, langer Weg. „Wer eine Lehrstelle sucht, findet immer eine“, sagt Dominique Huth, der zusammen mit seinem Bruder eine Bäckerei in Limburg betreibt. Aber er weiß: „Der Beruf des Bäckers stirbt aus. Es gibt ja kaum noch welche.“
Von den 32 Innungsbetrieben im Landkreis sind nur noch 24 Betriebe aktiv. Davon bilden nur noch acht Betriebe aus. Im derzeit laufenden Ausbildungsjahr gibt es im gesamten Landkreis gerade einmal noch zehn Bäckergesellen. „Davon sind vier in unserer Bäckerei Huth beschäftigt.“
Ein bisschen ahnt man, warum keiner mehr Metzger oder Bäcker werden will.
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