Wie Xavier Naidoo erst Popstar war, dann Schwurbel-Meister wurde, aber stets Deutschlands Dauer-Reizfigur blieb
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Es gibt vermutlich ebenso viele Menschen, die eine Meinung über Xavier Naidoo haben, wie Menschen, die seine Hits wie „Dieser Weg“ mitsingen können. Ein paar Jahre war es um den Söhne-Mannheims-Sänger still geworden.
Am Dienstag meldete sich der 54-Jährige mit einem Knall zurück, verlangte vor dem Bundeskanzleramt nach Friedrich Merz und schimpfte auf Menschenfresser. Und das, wo er gerade ein Comeback mit ausverkaufter Deutschlandtour hingelegt hat, wo er im Zuge des Epstein-Skandals Zuspruch und so manche Entschuldigung bekam. Man hätte meinen können, der Mann, der ein paarmal falsch abgebogen war, sei jetzt endlich wieder in der Spur – nur, um das Auto dann in die Leitplanke zu lenken.

Xavier Naidoo nach rund sieben Jahren wieder auf der Bühne – live auf der „Bei meiner Seele“-Tour in der Berliner Uber Arena im vergangenen Januar.
Aber nochmal von Anfang an ...
Xavier Kurt Naidoo wird am 2. Oktober 1971 in Mannheim geboren. Sein Vater kommt aus Sri Lanka, die Mutter hat arabisch-südafrikanische Wurzeln. Als Kind erlebt er als einer der wenigen Dunkelhäutigen in der Klasse das, was sich wie ein Muster durch sein Leben ziehen soll: Ablehnung und Bewunderung. Wegen seiner Hautfarbe wird er gemobbt, wegen seiner schönen Stimme wird er im Kirchen- sowie im Schulchor aufgenommen.
Er macht den Realschulabschluss, eine Kochlehre, jobbt als Türsteher und Männermodel, singt in Musicals und wird Backgroundsänger beim „Rödelheim Hartreim Projekt“. Er schwimmt sich frei und feiert mit seiner Band „Söhne Mannheims“ und dann als Solokünstler Erfolge. Er ist 2011 und 2012 Jurymitglied bei „The Voice of Germany“. Der Autonarr gerät aufgrund von Drogenkonsum und wiederholtem Fahren ohne Führerschein immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, heiratet eine Ukrainerin und bekommt in den 2010er-Jahren mit ihr einen Sohn.
Aber er singt nicht nur von Liebe und Widerständen, Xavier Naidoo teilt seine Meinung zu fast allem mit fast allen. Er outet sich als Klimawandel- und Schulmedizinskeptiker und wettert gegen Merkels Migrationspolitik: 2016 soll er eigentlich für Deutschland beim ESC antreten, doch Kritiker laufen Sturm. Prominente wie Tatort-Star Jan-Josef Liefers stellen sich in einem offenen Brief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an Naidoos Seite.

Xavier Naidoo im Jahr 1998
Dann kommt Corona
Als die Welt in Virus-Schockstarre verfällt, legt Naidoo nach: Er outet sich als Impfgegner, tritt unter anderem mit Reichsbürgern auf und liebäugelt mit der QAnon-Bewegung und teilte Beiträge, in denen unter anderem der Holocaust als Fiktion bezeichnet wird, auf Telegram. Er ruft Anti-Maßnahmen-Demonstranten dazu auf, ihr Handy in Alufolie zu wickeln. Er verliert in dieser Zeit Millionen Fans – und gewinnt Millionen dazu. Denn im Dickicht zwischen legitimer Impfskepsis und Geschichtsrevisionismus wird der Pop-Poet als Held gefeiert. Als einer, der sagt, wie es ist, der sich unerschrocken den Mächtigen der Welt und dem Impfdruck entgegenstellt. Der dafür sogar das eigene Canceln in Kauf nimmt. Der Spiegel nennt ihn und Menschen wie Attila Hildmann „Paranoia-Promis“.
Doch sein Solo-Trip wird dieses Mal zum Karrierekiller: Als nämlich ein selbst gedrehtes Video in den Sozialen Netzwerken auftaucht, in dem Xavier Naidoo Gefahren benennt, die von Migranten ausgehen. Der Text: „Ich habe fast alle Menschen lieb, aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt?“ Fernsehsender, Kollegen, Freunde wenden sich entsetzt ab, RTL wirft ihn aus der DSDS-Jury. Komiker Oliver Kalkofe reimt auf Twitter (heute X): „So nehmen Tragödien ihren Lauf. Schaut euch das Schauspiel an, das eine Karriere beenden kann. Weit & breit ist hier kein Mann, der dieses kranke Hirn noch retten kann. Da muss ich harte Worte wählen, denn keiner darf uns mit so einer Scheiße quälen. Du bist verloren!“ Der Sender ProSieben twittert: „Lieber Xavier Naidoo, mit Hass, Hetze und alternativen Fakten hat noch niemand eine Gesellschaft besser gemacht. Sie auch nicht.“
Das eine oder andere Promi-Like für seine Posts gibt’s in dieser Zeit nur von einzelnen Kollegen wie Til Schweiger oder Fitness-Influencer Dominic Harrison.
Es wird still um Xavier Naidoo – und vermutlich auch einsam
Bis 2022. Da veröffentlicht er, offenbar geläutert und aufgeräumt, ein Youtube-Video, in dem er um Entschuldigung für seine Statements bittet, mit denen er „irritiert und provoziert“ habe: „Ich habe erkannt, auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe und, dass ich in den letzten Jahren viele Fehler gemacht habe (…) Ich war von Verschwörungserzählungen geblendet und habe sie nicht genug hinterfragt.“
Naidoo sagt damals, er distanziere sich von rechten und verschwörerischen Gruppen. Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus seien mit seinen Werten nicht vereinbar. In den Medien wird wild diskutiert: Beweist das Video Einsicht – oder ist es nur Show? Soll man so jemandem noch eine Chance geben? Naidoo tut das vielleicht Klügste in solch einer Situation: Er taucht ab und erst wieder auf, als sich die Gemüter beruhigt und neue Probleme die Welt im Würgegriff haben. Seine Comeback-Tour im Winter 2025/26 ist weitestgehend ausverkauft, Ende Januar veröffentlicht er eine neue Single. Die Fan-Basis steht trotz aller Anschuldigungen stabil. Es sind Stars wie Nena und Naidoo, die in Corona-Zeiten Menschen erreicht haben, die sich nicht mehr gehört fühlen – selbst wenn das, wie bei Naidoo, mit verstörenden Aussagen einhergeht.
2026 hätte sein Comeback-Jahr werden können
Die Entschuldigungen? Gehört und von manchen angenommen. Die Musik? Immer noch gefeiert. Das Image? Gerade an der Schnittstelle zwischen alten und neuen Fans.
Und dann werden die Epstein-Akten veröffentlicht – und für Männer wie Xavier Naidoo schlägt scheinbar die große Stunde. Podcaster wie Marcus Staiger und Kollegen wie Manuellsen entschuldigen sich öffentlich bei ihm, und der gefallene Popstar zeigt Größe: Eine Entschuldigung bei ihm sei nicht nötig, erwidert Xavier Naidoo in einem mittlerweile gelöschten TikTok-Clip: „Wir alle müssen uns bei den Kindern entschuldigen. Und wir müssen alles daransetzen, die Kinder, die noch in den Klauen dieser Monster sind, zu befreien. Und das ist alles.“
Die Branche schwankt: Ist Xavier Naidoo nun ein verstummter Irrer oder ein stiller Kämpfer? „Er hatte recht“, diesen Satz liest man viel zu Jahresbeginn. Eben noch Prolet, jetzt schon Prophet? Vielleicht hat ihn der Zuspruch übermütig werden lassen, denn am Dienstag erschien Naidoo zu einer Demo vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Die Protestierenden wollen auf Opfer sexueller Gewalt aufmerksam machen.
Xavier Naidoo, der laut eigener Aussage als Kind selbst missbraucht wurde, bekommt aber seine eigenen Schlagzeilen. Denn er vermischt die Taten des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein mit seiner eigenen Agenda: „Wir reden nicht von normalem Sex-Trafficking und jungen Frauen. Die fressen unsere Babys, verdammt nochmal. Von was reden wir denn? Denken Sie ich bin hier, weil auf einmal rauskommt, es gibt Männer, die Kinder misshandeln?“
Da sind sie wieder, die hässlichen Schlagzeilen
Naidoo diskutiert mit Sicherheitsleuten, verlangt, Friedrich Merz zu sprechen. Die Handykameras laufen, und die Welt wird Zeuge, wie er sich wieder um Kopf und Kragen redet. Über die Täter im Epstein-Umfeld sagt Naidoo: „Das sind keine Menschen, bitte nenne sie nicht Menschen. Sobald du Menschenfleisch gegessen hast, bist du kein Mensch mehr – wissentlich. Ich bin mir sicher, dass wir alle schon Menschenfleisch gegessen haben.“
Wie das? In „Schwurbler“-Kreisen ist schon längst die Rede davon, dass im Fleisch von Fast-Food-Ketten menschliche DNA enthalten sei. Laut Naidoo nutzten Konzerne embryonales Würzmittel für ihre Produkte. Die „Kannibalen“ arbeiteten demnach daran, dass alle Menschen Kannibalen werden, „damit wir alle in die Hölle runterfahren“.
Naidoo sagt außerdem: „Hier sind verzweifelte Menschen. Die sind in Trauer, im Schmerz, und ich denke, ein liebender Kanzler sollte sich um diese Probleme kümmern. Hier sind Menschen, die sind in ihrer Kindheit vergewaltigt worden von Erwachsenen, die wir hätten schützen müssen.“
Eine Betroffene bedankt sich unter Tränen bei Naidoo. Merz kommt nicht. Schließlich wird die Gruppe des Platzes verwiesen.
Erst hatte er recht. Jetzt ist er rechts?
Schon viele Jahrhunderte gibt es die antisemitische Verschwörungserzählung, nach der Juden aus rituellen Gründen angeblich kleine Kinder töten. Ist dieser Auftritt Xavier Naidoos Rückfall in alte Verschwörungszeiten? Den Demonstranten hat er mit seinen Äußerungen keinen Gefallen getan. Sich selbst auch nicht. Die Veranstalter distanzieren sich in einer Stellungnahme prompt von Naidoos Auftritt. Er und andere hätten „den Platz für ihre eigenen Zwecke“ instrumentalisiert.
Am Landgericht Mannheim sind seit Juni 2024 zwei Verfahren wegen Volksverhetzung gegen Naidoo anhängig. Laut Staatsanwaltschaft geht es dabei um Inhalte mit Holocaust leugnendem und antisemitischem Charakter, die über einen Telegram-Kanal verbreitet wurden. Ob es ein Hauptverfahren gibt, ist noch offen. Wie es mit Xavier Naidoo weitergeht, auch.
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