Zwei Meldungen, die betroffen machen: Das deutsche Streben nach Mittelmaß
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Wann haben wir eigentlich akzeptiert, bestenfalls Mittelmaß zu sein? Wann hat Deutschland sich damit abgefunden, es einfach nicht mehr zu können?
Zwei Meldungen zum Wochenstart haben mich nachdenklich gemacht – weil sie das Versagen an zwei ganz unterschiedlichen Stellschrauben unserer Gesellschaft offen legen.
Talfahrt der deutschen Sprache in Schulen
Erstens: Unsere Schüler beherrschen immer schlechter die deutsche Sprache. 32,5 Prozent der Neuntklässler erreichen nach einer Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) nicht den geforderten Mindeststandard. 44 Prozent der Schüler sagen, dass sie sich nicht für Deutsch interessieren.
Und was ist die Reaktion der Schulen auf diese Entwicklung? Nicht etwa eine große Deutsch-Offensive, nein: Wir schrauben die Ansprüche herunter!
Josef Kraus, langjähriger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sagte meinem Kollegen Ralf Schuler: „Noch vor rund drei Jahrzehnten verlangten die Bundesländer von den zehnjährigen Schülern einen aktiven und orthographisch beherrschten Grundwortschatz von 1100 bis 1300 Wörtern. Heute sind es nur noch gut 500 Wörter (in Bayern, Rheinland-Pfalz, NRW) bis 700/800 Wörter (in Brandenburg und Baden-Württemberg).“

• Die deutsche Leseschwäche ist in Bremen übrigens am heftigsten ausgeprägt: Dort verfehlen 46,8 Prozent der Schüler den Mindeststandard
Die Bahn wurde aufgegeben
Die zweite Meldung: Die Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn sind so UNpünktlich wie seit acht Jahren nicht mehr. Nur 52 Prozent der ICE- und IC-Flotte erreicht ihr Ziel planmäßig. Zu Jahresbeginn lag die Quote noch bei 73 Prozent. Und in dieser Statistik gilt alles als pünktlich, was „nur“ fünf Minuten zu spät ist. Dass in Deutschland ein Zug mit fünf Minuten Verspätung als pünktlich gilt, hätte einem vor zehn Jahren jenseits der Grenze auch niemand geglaubt. Ausgefallene Züge tauchen in der Zu-spät-Statistik gar nicht erst auf.
Die Antwort der Politik auf dieses Debakel: Bis 2070 soll alles wie am Schnürchen laufen! Zweitausendsiebzig. Dann soll der Deutschlandtakt für zuverlässige Züge sorgen. Wer solche Ziele ausgibt, will gar keine Ziele mehr erreichen. Die Bahn ist verloren. Das spüren nicht nur die Kunden, das leben die Verantwortlichen mit der Zahl 2070 vor. Kein aktiver Politiker oder Manager glaubt daran, dass er eine pünktliche Bahn organisieren kann, geschweige denn erleben wird. Soll doch die nächste Generation einfach weiter versagen.

Aktuell und dennoch ein Symbolbild: Normalerweise braucht die Bahn keinen Schnee, um nicht zu rollen …
Es sind nur zwei Beispiele, die viel über die neue deutsche Ambitionslosigkeit sagen: Unsere Schüler können schlechter Deutsch, also überfordern wir sie bitte nicht, sondern legen die Latte immer niedriger an – bis irgendwann ein „Isch geh Aldi“ als grammatikalisch korrekter Hauptsatz durchgeht. Und unsere Bahn hat jetzt nicht nur Frühling, Sommer, Herbst und Winter als natürliche Feinde, sondern die eigene Anspruchslosigkeit zum großen Organisations-Ziel erhoben.
Wir entwickeln uns nicht mehr schleichend, sondern sehr rasant vom Land der besessenen Besserwisser und Alles-Ist-Möglich-Macher zu einer Nation, die ihr eigenes Versagen schulterzuckend akzeptiert.
Normalerweise würden jetzt die Hoffnungen auf der nächsten Generation ruhen. Aber siehe oben. Woher soll das Streben nach Mehr kommen, wenn ein Weniger vorgelebt wird?
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