Der unsichtbare Feind – Bekennervideo zu antisemitischem Anschlag in München gibt Rätsel auf
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Freitagabend in London am Kensington Gardens Park, direkt neben der israelischen Botschaft in London. Polizisten riegeln die Wege ab, Beamte in Schutzausrüstung beginnen, Büsche und Bänke zu durchsuchen.
Stunden zuvor war ein Video aufgetaucht – auf dem Telegram-Kanal „Alfaqaar313“, der der pro-iranischen „Achse des Widerstands“ zugerechnet wird. In dem Video zu sehen: Zwei Männer in weißen Overalls stehen vor Drohnen. Eine Stimme spricht von „radioaktivem Material“. Das Ziel: die israelische Botschaft.

Polizisten in Schutzkleidung durchsuchen den Kensington Gardens Park in London, unweit der israelischen Botschaft, nach giftigen oder radioaktiven Gegenständen.
Die Polizei findet keine Hinweise auf einen Anschlag und bricht nach Stunden die Suche ab. Die gefundenen Gegenstände enthielten keine schädlichen Stoffe. Das Video, das die Aktionen der Londoner Polizei auslöst, trägt das Logo einer Gruppe, die bis vor wenigen Wochen noch nie in Erscheinung trat: HAYI. Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya. Diese Gruppe tritt vor allem bei Telegram und TikTok auf und ist erst seit Anfang März aktiv, kurz nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran.
Der vierte Anschlag auf jüdische Einrichtungen in London
Zwei Tage später dann der nächste Schock: Ein Fenster der Kenton United Synagoge im Nordwesten von London wird eingeworfen, Rauch entwickelt sich. Eine Flasche mit brennbarem Material wird gefunden.

Starmer ist – wie so oft – „entsetzt“ über antisemitische Anschläge in London.
Es ist der vierte Anschlag auf jüdische Einrichtungen in London innerhalb eines Monats. Nun reagiert selbst der Premierminister Keir Starmer und das Thema bestimmt die Nachrichten.
München, kurz nach Mitternacht, am 10.4.2026
Neun Tage zuvor, in der Heßstraße in der Münchner Maxvorstadt: Unbekannte werfen mehrere pyrotechnische Gegenstände in die Scheibe des israelischen Restaurants „Eclipse Grillbar“. Scheiben zerspringen. Möbel brennen. Der Schaden geht in die Tausende. Verletzt wird glücklicherweise niemand.
Die Münchner Polizei spricht von einem „mutmaßlich antisemitischen Hintergrund“. Einen Täter gibt es zunächst nicht. Dann, Tage später, taucht im selben Telegram-Channel wie bei den Londoner Fällen ein Bekennervideo von HAYI auf:
Die Generalstaatsanwaltschaft München bestätigt auf NIUS-Anfrage, das Material sei „Gegenstand laufender Ermittlungen“. Es lägen aber keine Erkenntnisse über die Täterschaft vor. Aus ermittlungstechnischen Gründen könne man keine weiteren Angaben machen.
Neue Terror-Marke ohne Gesicht?
Seit dem 9. März 2026 hat HAYI eine Vielzahl von Vorfällen in Europa für sich beansprucht – Explosionen vor Synagogen in Lüttich und Amsterdam, Brandanschläge in Rotterdam und London, den Angriff auf die Eclipse Grillbar in München oder einen Anschlag auf eine Synagoge in Skopje.
In mehreren Fällen gab es Festnahmen. Täter aus London, aus Antwerpen. Junge Männer ohne erkennbare Verbindung zueinander. Keine gemeinsamen Netzwerke, keine Hierarchien, keine Mitgliedschaften.
Experten in Israel, den Niederlanden und Deutschland beschreiben HAYI deshalb weniger als Organisation, sondern als Marke. Das Modell funktioniert so: Jemand wirbt über Telegram junge Männer an. Teils vorbestraft, teils bereits radikalisiert. Der Auftrag ist simpel – ein Restaurant angreifen, ein Video drehen, verschwinden. Die Propaganda übernimmt jemand anderes. Der Auftraggeber bleibt unbekannt. Das System erinnert an Subunternehmer, übertragen auf den Terrorismus.
Israelische Sicherheitskreise nennen das „Terrorismus als Dienstleistung“. Die Vermutung, die in Geheimdienstkreisen kursiert: Der iranische Geheimdienst nutzt bestehende kriminelle Strukturen in Europa, gibt ihnen Ziele – und klebt am Ende das HAYI-Logo drauf.

Das Logo von Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya, abgekürzt HAYI, das für viele Bekenner- und Propagandavideos genutzt wird.
Vielleicht steckt HAYI hinter den Anschlägen, vielleicht aber auch nicht
Das HAYI-Video zum Münchner Anschlag enthält kein Täterwissen. Kein Detail, das nicht auch ein Außenstehender hätte zusammensuchen können. Offen verfügbare Aufnahmen, eine Karte, ein Pressebild. Jeder hätte dieses Video zusammenschneiden können. Das heißt: Vielleicht steckt HAYI hinter den Anschlägen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist die Gruppe eine iranische Erfindung, die auf bereits erfolgte Taten springt und sie im Nachhinein für sich beansprucht. Vielleicht sind die Bekennervideos frei erfunden.
Die Jerusalem Post schreibt, HAYI sei wahrscheinlich kein echter Terrorverein, sondern eine Konstruktion – ein Name, der dem Chaos und der Angst eine scheinbare Struktur geben soll.
Israels Diaspora-Minister Amichai Chikli spricht derweil von einem „neuen Gesicht“ des iranischen Terrors in Europa. Mitglieder der jüdischen Gemeinde in London sagen der Times of Israel: „Wir sind verängstigt. Das ist nicht mehr nur Hass – das ist organisiert.“
Ermittler tappen im Dunkeln
In Deutschland läuft die Debatte ruhiger. Der Münchner Anschlag wird in vielen Medien als „antisemitischer Vorfall“ eingeordnet – was er zweifellos ist. Ob dahinter eine koordinierte, organisierte Gruppe steckt, bleibt offen. Die Ermittler tappen im Dunkeln.
Internationale Medien aus den USA, Großbritannien und Israel beobachten den Fall. Und in jüdischen Gemeinden von London bis München wächst das Unbehagen – nicht nur wegen der Anschläge selbst, sondern wegen des Gefühls, dass niemand genau weiß, wen man eigentlich fürchtet.
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