Der Seipel-Sumpf: ARD-Chefinnen arbeiteten an Putin-Propaganda-Film mit
Ein Beitrag von
Bei Hubert Seipel lief es lange wie geschmiert. Und niemand bei der ARD hat sich gefragt, warum der „Journalist“ einen Inside-Putin-Knüller nach dem nächsten lieferte …
Jetzt kommt heraus: An Seipels Propaganda-Projekten waren mehrere Personen beteiligt, die später bis in die Spitze des ARD-Apparats aufgestiegen sind – und noch heute dort wirken. Das beweist ein Screenshot aus einem Film, den NDR & Co. aus dem Netz verschwinden lassen wollten – der NIUS aber vorliegt. Statt ehrlich auf die Fragen zu dieser Geschichte zu antworten, droht der NDR im Falle einer Veröffentlichung. Hier ist die Geschichte, die der NDR nicht lesen will.
Hubert Seipel hat über Jahre hinweg für die öffentlich-rechtlichen Medien über Russland und speziell über Wladimir Putin berichtet und parallel Geld aus dem Kremlreich kassiert. Mehr als 600.000 Euro soll Seipel aus dem Kreise der Oligarchen über eine Briefkastenfirma für seine Hofberichterstattung kassiert haben. Seipel bestreitet die Zahlungen im Rahmen eines Buchprojektes nicht – wohl aber, dass es Einfluss auf seine Unabhängigkeit gehabt habt. Ist klar …
Brisant: Im Februar 2012 wurde in der ARD die viel beachtete Dokumentation „Ich, Putin“ ausgestrahlt. Der Film wurde später für den Deutschen Fernsehpreis nominiert (Kategorie: Beste Dokumentation/Reportage). Die Bilder und die Eindrücke sind spektakulär: Seipel sitzt auf der Rückbank mit Putin, fährt mit ihm bei -37 Grad zur Jagd nach Sibirien, zeigt ihn im Schwimmbad und beim Eishockey. Die beiden plaudern auf Deutsch.

Putin hautnah: Seipel lieferte exklusive Einblicke, inszenierte den Kreml-Führer als Mann des Volkes
Distanz? Fehlanzeige. Weder räumlich noch gedanklich. Das Credo des Films: Putin, der Missverstandene. Kritische Fragen von Seipel gibt es nicht, dafür viele Stichworte, bei denen Putin liefert. Schon damals werden Zweifel laut, wie diese Nähe zustande kommt. Heute ahnen wir: Ernsthafte journalistische Absichten waren wohl kaum Teil des Deals, der Seipel reich und von einem Berichterstatter zum Propagandisten machte.
Wie war das möglich? Hat denn niemand bei der ARD aufgemerkt, als er die Kumpel-Bilder mit Putin gesehen hat? Produziert wurde die oben erwähnte Dokumentation „Ich, Putin“ im Auftrag von MDR, NDR, RBB und Servus TV.
NDR: „Durch diese Zahlungen steht die journalistische Unabhängigkeit infrage“
Mittlerweile schreibt der NDR auf seiner eigenen Homepage: „Der freie Autor Hubert Seipel, der für den NDR unter anderem ,Ich, Putin – Ein Portrait‘ (2012), sowie die Interviews mit Edward Snowden und Wladimir Putin in Moskau (2014) realisiert hat, soll über einen längeren Zeitraum Geld vom russischen Unternehmer Alexey Mordashov erhalten haben. Durch diese Zahlungen steht die journalistische Unabhängigkeit des Autors und seiner Veröffentlichungen infrage.“
Der Film wurde vom NDR aus dem Netz gelöscht. Aber NIUS liegt ein brisanter Screenshot aus dem Absprann des 74-minütigen Films, der am 27. Februar 2012 seine Premiere feierte und mehrfach in den Programmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ausgestrahlt wurde, vor. Mehrere Journalisten der ARD-Anstalten und ein Journalist von ServusTV werden dort als „Redaktion“ genannt. Darunter sind Journalisten, die in mächtige Positionen gespült wurden oder schon zu diesem Zeitpunkt auf eine beachtliche Karriere zurückblicken konnten.

Screenshot aus dem Abspann von „Ich, Putin“
ARD-Prominenz betreute Seipel-Film
Katja Wildermuth betreute den Film für den MDR – sie ist heute Intendantin beim Bayrischen Rundfunk (BR) und somit die mächtigste Frau im öffentlich-rechtlichen Süden. Berichterstattung über den Fall Seipel findet man auf der Website des Bayrischen Rundfunks vergeblich.
Nicht im Abspann des Films, aber in einschlägigen Filmportalen wird unter Credits auch Patricia Schlesinger als Redaktionsmitglied genannt: Schlesinger war zu dem Zeitpunkt Leiterin des Programmbereichs Dokumentation beim NDR und damit hauptverantwortlich für das Putin-Machwerk. Ausgerechnet Schlesinger! Von 2016 bis 2022 Intendantin beim RBB, zwischenzeitlich auch ARD-Chefin und musste 2022 unfreiwillig ihren Platz räumen – sie ist verantwortlich für den größten Verschwendungs- und Vetternwirtschafts-Skandal in der Geschichte der ARD. Aktuell läuft ein Rechtsstreit zwischen Schlesinger und ihrem alten Arbeitgeber, der RBB fordert 270.000 Euro zurück. Schlesinger hingegen fordert ein Ruhegeld von 18.400 Euro pro Monat.
Wer auf der Internetseite des RBB, immerhin eine Nachrichten-Website, nach dem Namen „Seipel“ sucht, findet nur über einen einzigen Treffer zum Filmemacher – und zwar den Hinweis auf die Putin-Dokumentation. Der Film wird angepriesen: „Er ist der wichtigste Mann Russlands. Jetzt kandidiert Wladimir Putin zum dritten Mal für das höchste Amt des Staates. Die Dokumentation begleitete Putin über Wochen im Wahlkampf.“ Ein Hinweis auf den 600.000-Euro-Skandal? Fehlanzeige. Aber noch mal ein bisschen Demokratie-Drama für einen Mann, der die Demokratie verachtet: „Seipel beobachtete einen der mächtigsten Politiker der Welt in seinem wohl schwierigsten Wahlkampf.“

Wer beim RBB nach dem Fall Seipel sucht, hat genau einen Treffer – Werbung für die brisante Doku …
Auch Teil der Redaktions-Crew: Kuno Haberbusch, Ex-Chef der NDR-Magazine „Zapp“, „Panorama“ und „Extra 3“. Erst am Freitag lief bei „Zapp“ ein 13-minütiger Beitrag, der das Versagen des NDR im Fall Seipel thematisierte. Brisant: Das Magazin belegt, dass in der Dokumentation „Ich, Putin“ auch Video-Sequenzen aus Kreml-Kameras verwendet wurde – ohne einen redaktionellen Hinweis. Dem ARD-Millionenpublikum wurde Putins PR-Material als journalistische Leistung verkauft. Wer nimmt so einen Film bitte ab? Auch „Zapp“ zeigt einen Screenshot aus dem Abspann: Jedoch genau die Sequenz NACH der Nennung der Redaktions-Namen …
NDR: Drohung statt Antworten
NIUS wollte von NDR, MDR, RBB und BR-Chefin Katja Wildermuth wissen: Was war die konkrete Aufgabe der Redaktionsmitglieder? Hat keiner einen Verdacht geschöpft? Lässt sich der Film mit journalistischen Standards vereinen? Wie wird der Film heute bewertet?
MDR, RBB und BR verwiesen auf die Kollegen des NDR. Und die drohten vorsorglich damit, dass man auf Grundlage des Abspanns auf keinen Fall über den Fall berichten dürfe: „Da wir wegen des großen öffentlichen Interesses an den Vorgängen rund um Hubert Seipel alle an den Produktionen beteiligten Mitarbeitenden des NDR vor unzulässiger Verdachtsberichterstattung schützen möchten, erlauben Sie uns darauf hinzuweisen, dass eine Verdachtsberichterstattung allein gestützt auf die Tatsache, dass eine Person im Abspann genannt wird, unzulässig wäre.“
Eine kurios anmutende Drohkulisse angesichts eines offensichtlichen Fakts: Der Abspann eines Filmes ist wie eine Unterschrift, der Ewigkeitsnachweis für einen Journalisten, Teil des Projektes gewesen zu sein. Wo soll das Problem sein, allein über diesen Fakt zu berichten? Bei der Verleihung eines Fernsehpreises wären alle Beteiligten wohl stolz gewesen, genannt zu werden. Im Zusammenhang mit einem offenbar aus dem Kremlreicht gekauften Propaganda-Filmemacher ist man da dünnhäutiger in den ARD-Anstalten …

Lange nach dem Auffliegen des Skandals wirbt der RBB immer noch mit blumigen Worten für die Dokumentation
Dazu passt: Der Film wurde von allen ARD-Anstalten aus dem Netz genommen. Er sollte inklusive Abspann aus dem Netz verschwinden. Kein Wunder ob dieser brisanten Namen …
Auf die konkreten Fragen hat der NDR nicht geantwortet – lediglich auf die laufende Prüfung verwiesen, die in die Hände von Ex-Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann und NDR-Justiziar Michael Kühn gelegt wurde. „Dabei geht es zunächst darum, den Sachverhalt und die Abläufe mit der gebotenen Sorgfalt aufzubereiten. Hierzu werden Unterlagen gesichtet und Gespräche mit den Beteiligten geführt. Die Erkenntnisse fließen in einen unabhängigen Abschlussbericht ein.“
Wann dieser Abschlussbericht kommt? „Die Prüfung läuft noch.“ Wer weiß, welche Namen sich in dem Bericht wieder finden. Und welche nicht …
Mehr NIUS:
Karl Lauterbach teilt bei Lanz aus: „Dieser Zirkus erinnert mich an das Lügen-Gerede von Lindner“
Plötzlich gegen die Brandmauer: Hat die Bild-Zeitung ihren AfD-Kurs geändert?
Die fatale Rolle der UNRWA: ZDF will TV-Doku über das Palästinenserhilfswerk nicht zeigen
Die Empörungswelle gegen die neue NIUS-Werbekampagne
„Ausgelassen gefeiert“: So verharmlost die Tagesschau die Gewalt von Paris
Neuer „Digitale Medien-Staatsvertrag“: Greift der Staat schon diesen Sommer nach den Algorithmen?
NIUS jetzt auch auf WhatsApp
CDU-Politiker Roland Koch über Schwarz-Rot bei Lanz: „Wir sind in einer Gefangenschaft mit der SPD“
Mehr NIUS:
Die Empörungswelle gegen die neue NIUS-Werbekampagne
„Ausgelassen gefeiert“: So verharmlost die Tagesschau die Gewalt von Paris
Neuer „Digitale Medien-Staatsvertrag“: Greift der Staat schon diesen Sommer nach den Algorithmen?
NIUS jetzt auch auf WhatsApp
CDU-Politiker Roland Koch über Schwarz-Rot bei Lanz: „Wir sind in einer Gefangenschaft mit der SPD“
Hitzewelle in Frankreich: Tagesschau erklärt ertrunkene Menschen zu Hitzetoten
Gabriel widerspricht Bas: Einwanderung in Sozialsysteme? „Na klar!“
Angriff auf die Pressefreiheit? Wie der Staat durch „Public Value” bestimmen will, was wir auf Social Media sehen
Willi Haentjes
Artikel teilen
Kommentare