Belege für Steuerung islamistischer Anschläge durch Russland? Daten-Experte schimpft über „Verschwörungsschwurbler vom ZDF“
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Es ist ein Beitrag voller Geraune, voller Vermutungen, und: voller knallharter Desinformation.
In einer 45-Minuten-Doku im ZDF, in der das Wort „Desinformation“ inflationär verwendet wird, sinnieren Zitatgeber wie „Datenprofiler“ Steven Broschart, der Grüne Konstantin von Notz und der umstrittene Thüringer Verfassungsschutzpräsident Stefan Kramer unter anderem über eine mögliche russische Einflussnahme auf Wahlen in Deutschland und Europa.

Die mit dramatischer Musik untermalte Behauptung: Eine „Verdichtung von Anschlägen vor Wahlen“ sei „evident“ (von Notz), Spuren im Netz würden dahingehende Hinweise liefern („Datenprofiler“ Broschart). Endgültig in die Desinformation driftet der Beitrag dann ab, als man die herbeigeschwurbelte russische Steuerung der Anschläge in Deutschland mithilfe „digitaler Spuren im Netz“ belegen möchte.
„Im Mai 2024, kurz vor den Europawahlen, kommt es in Mannheim zu einem tödlichen Messerangriff. Ein aus Afghanistan geflüchteter Mann attackiert auf einer Anti-Islam-Kundgebung den Redner Michael Stürzenberger und tötet einen deutschen Polizisten“, erzählt der Sprecher des Beitrags.
Dann erklärt er, der vom ZDF engagierte Datenprofiler Steven Broschart habe „auffällige Spuren im Netz“ gefunden:
„Bereits vier Tage vor der Messerattacke erkundigt man sich offenbar auf Russisch und aus Russland heraus nach ‚Terroranschlag in Mannheim‘. Am Abend vor der Tat gibt es aus Russland anscheinend Anfragen auf Deutsch nach ‚Michael Stürzenberger Anschlag‘.“
„Sogar Suchanfragen, die sich auf den Marktplatz beziehen“
Daten-Analyst Steven Broschart beschreibt, wie man bei der Analyse vorging: „Dann finden wir auch ‚Terroranschlag Mannheim‘, es wird dann auch immer konkreter, dann gibt es sogar Suchanfragen, die sich auf den Marktplatz beziehen. Die finden wir tatsächlich auch aus Russland. Suchanfragen wie zum Beispiel die Suche nach Webcams, um ein Live-Bild zu haben. Was auch sehr, sehr auffällig ist, wir finden zum Täternamen im Vorfeld Suchanfragen aus Russland. Das ist schon sehr, sehr ungewöhnlich.“

Doch: Wie kann das sein?
Datenspezialist hält Analyse für völlig unbrauchbar
Datenspezialist Florian Gallwitz, Professor für Informatik und Mustererkennung von der Technischen Hochschule Nürnberg ist entsetzt über derartige Desinformation durch den öffentlich-rechtlichen Sender: „Es ist schon sehr traurig, was uns in Deutschland als Journalismus zwangsverkauft wird“, schreibt er auf X.

Prof. Dr.-Ing. Florian Gallwitz ist seit 2010 Professor für Medieninformatik an der Technischen Hochschule Nürnberg.
Anhand eines Beispiels erklärt er, warum die Analyse mithilfe von Google Trends völlig unbrauchbar ist: „Ich habe gerade einmal nach einem ausgedachten sinnlosen alphanumerischem String gesucht. Dann habe ich in Google Trends danach gesucht und ein paar mal auf Reload gedrückt. So sieht das Ergebnis aus. Jeder kann das selber ausprobieren, sogar die Verschwörungsschwurbler vom ZDF.“
Das Ergebnis: Bereits vor Tagen wurde laut Google Trends nach eben jener ausgedachten sinnlosen Aneinanderreihung von Buchstaben gesucht.

Heißt im Klartext: Das Analysetool liefert derart ungenaue Ergebnisse, dass es für eine Analyse wie das ZDF sie durchgeführt hat, absolut unbrauchbar ist.
In weiteren Tweets mit sarkastischem Unterton veranschaulicht Gallwitz, dass die vom ZDF durchgeführte Analyse grobe Desinformation darstellt: „Ich habe vor 2 Minuten das erste Mal und auch nur einmal nach dem Suchbegriff ‚ZDF Journalisten ahnungslose Verschwörungstheoretiker‘ gesucht. Laut Google Trend hat heute Nachmittag schon jemand danach gesucht. Waren es die Russen?“
Und: „Warum wurde nach dem genauen Text einer Eilmeldung (!) des ZDF von heute Nachmittag um 15:27 bereits heute in den frühen Morgenstunden gesucht? Terra-X, bitte übernehmen Sie!“
Professor spricht von „Propagandageschichte“
Gallwitz ist erkennbar verärgert darüber, dass der zwangsfinanzierte Sender derart unseriös arbeitet. „Sie hätten wirklich nur *irgendjemanden* fragen müssen, der sich ein wenig mit dem Thema auskennt. Aber das hätte halt die schöne Propagandageschichte kaputt gemacht“, schreibt er auf X, und stellt die Frage: „Wird das ZDF den Beitrag zurückziehen und die Terra-X-Zuschauer informieren, dass es unter Missachtung grundlegendster journalistischer Standards einem Scharlatan aufgesessen ist?“
Auf eine NIUS-Anfrage, ob man den Beitrag nach den Vorwürfen des Professors überarbeiten wolle, antwortete ein Sprecher des ZDF: „Ihre Fragen betreffen eine Recherche der Redaktion "Terra X History", über die auch das "heute journal" berichtet hat. Die Rechercheergebnisse stehen unter anderem im Zusammenhang mit dem Anschlag in Mannheim vom 31. Mai 2024. Die Recherche geht Suchanfragen im Internet aus Russland nach, die darauf hinweisen könnten, dass andere Personen bereits vorher von dem Anschlagsplan wussten – zum Beispiel Mitwisser oder eventuell auch Beteiligte. Die von der ZDF-Redaktion gefundenen Auffälligkeiten sind, wie in der Berichterstattung dargestellt, keine Beweise, sondern Hinweise, die laut verschiedener Experten Anlass dazu geben, weitere Prüfungen bzw. Ermittlungen dazu anzustellen. Die Methodenkritik wurde in der Berichterstattung thematisiert.“
Gallwitz schreibt weiter: „Für mich noch erschütternder als die Schwachsinnsberichterstattung vom ZDF ist die Tatsache, dass dessen ‚Recherche‘ von anderen Medien aufgegriffen und ernst genommen wurde, wo es doch nur eine Minute dauern würde, das Problem selber nachzuvollziehen“.
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