Filmkritik zu „Bis es blutet“: Ein Propagandafilm gegen jeden Journalisten-Ethos
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Mit „Bis es blutet“ liefert Arte einen Film, der beispiellos enthüllt, wie man sich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern den Beruf des Journalisten vorstellt – vor allem, wenn dieser für ein privat-finanziertes und eher konservatives Medienhaus schreibt. Aber es ist auch ein Rundumschlag gegen eine ganze Berufsgruppe, der hohe Klickzahlen und schnelle Veröffentlichung angeblich wichtiger sind als die Suche nach der Wahrheit.
Die junge Journalistin Aga Novak arbeitet als Sportreporterin bei einem Nachrichtenportal – wobei der Titel etwas hochgegriffen ist, weil sie hauptsächlich Fußballspieler und andere Athleten zu ihren Entgleisungen befragt. Sie liegt also näher an Marie Waldburg als an Waldi Hartmann – und träumt davon, relevantere Geschichten erzählen zu dürfen.
Die Chance ergibt sich, als Chefredakteur Andreas Meixner eine junge Reporterin sucht, die er nach Hessen schicken kann, wo die Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmannes als vermisst gemeldet wurde. Ihr Job wäre das sogenannte „Witwenschütteln“, also das Führen von möglichst rücksichtslosen Interviews mit den Angehörigen. Voraussetzung: Die Reporterin muss das erste „Casting“ bestehen, bei dem sie sich mit zwei weiteren attraktiven Kolleginnen präsentabel hinstellen soll, sodass Meixner ihr Aussehen bewerten kann. Dass die leicht fülligere Frau mit Migrationshintergrund als erste aussortiert wird, versteht sich von selbst. Und so bekommt sie den Job.

Chef Meixner (r) wird als übergriffiger Machotyp inszeniert
Ein rauchender Chef sortiert nach Aussehen die Frauen aus
„Vor zehn Jahren hättest Du ihr nachts SMS geschickt“, sagt ein Adlatus zu Meixner. Mit diesem Fabelcharakter ziehen die Filmemacher erstaunlich viele Parallelen zum ehemaligen Chefredakteur der Bild-Zeitung, Julian Reichelt (heute Chef von NIUS). Er musste damals seinen Posten wegen anonymer Vorwürfe räumen.
Auch optisch versucht man Reichelt nahezukommen. Zwar ist der Darsteller, der Meixner verkörpert, etwas älter und deutlich fülliger – aber er trägt unüblicherweise seine Armbanduhr rechts, kleidet sich ähnlich und raucht während der Redaktionssitzungen, was man wohl der Prime-Doku „BILD.Macht.Deutschland?“ entnommen hat.

Für „True Newz“ ist Aga als Reporterin unterwegs
Dass das Portal „True Newz“ heißt und gegen Ende eine Show gezeigt wird, die vom Layout und Aufbau an „Achtung Reichelt!“ erinnert? Geschenkt. Die wenig subtile Anspielung ist angekommen.

Das Kommentarformat „Klartext mit Meixner“
Nun geht es in die anstößige Welt des unabhängigen Journalismus
Aga (gespielt von Elisa Schlott), die man mit dem erfahreneren Kameramann und Fotografen Thorsten Meier von Hagen gepaart hat, stößt auf ein scheinbar unüberwindliches Hindernis: die Eltern, die sich partout nicht äußern wollen. Dies würde die Nachrichtenstory eigentlich im Keim ersticken, da sich auch sonst niemand in der Kleinstadt über das Verschwinden des Mädchens sonderlich aufregt, was Meier von Hagen süffisant mit: „Hat nicht funktioniert, weil niemand Angst hatte.“

Der von Aga ermittelte Tatverdächtige wird nach der Berichterstattung von der Polizei mitgenommen
Mit dem Rücken zur Wand versucht Aga es noch einmal nur bei der Mutter des Mädchens – und findet einen Zugang, weil sie beide polnischen Migrationshintergrund haben. Als diese aber vor der Kamera versucht, stark zu sein und die für die Story notwendigen Tränen einfach nicht fließen wollen, muss die pure Manipulation her. Aga suggeriert ihr, dass ihre Tochter entführt und vergewaltigt worden sein könnte – und schon kullern sie.
Jetzt fällt die ganze Pressemeute ein
Plötzlich füllt sich das Hotel mit einem ganzen Rudel von Journalisten, unter denen natürlich zumindest ein „Guter“ sein muss, der mal an ihrer Journalistenschule unterrichtete und unverhohlen die Wahl ihres Arbeitgebers kritisiert, den er in einer späteren Szene als „das Böse in Person“ bezeichnet.
Die anderen Kollegen gehören aber eher zur Gattung der „Journalisten ohne moralische Grenzen“, sodass nun ein Wettbewerb über den nächsten Aspekt der Story beginnt. Meier von Hagen hat sich aber glücklicherweise die Akte über den ehemaligen Freund des Mädchens durchstechen lassen. Und siehe da, er kommt aus Uganda. Als die beiden dann noch in dessen Hausmüll einen Damenslip mit Blutspuren finden, geben sie den Hinweis natürlich an die Polizei weiter – aber erst, nachdem ihre Story darüber erschienen ist.

Mit Bluse und kurzem Rock berichtet Reporterin Aga Novak direkt von der Mülltonne
Hetzjagd von Rechten gegen den Verdächtigen
Wie bestellt, so gerufen: jetzt kommen die „Nazis“ aus ihren Schlupflöchern. Ja, ein rechtspolitischer Aufmarsch sowie eine spätere Hetzjagd dürfen natürlich nicht fehlen – und selbst als Aga Indizien findet und versucht, ihre journalistische Missetat wieder medial einzufangen, scheitert dies an der Weigerung Meixners, die dazugehörige Story zu veröffentlichen. Sind einfach keine Klicks... das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Vielleicht hätte Aga halt sauberer recherchieren oder den migrantischen Hintergrund des Freundes nicht erwähnen sollen? Oder vielleicht gar nicht berichterstattend in dieser Sache tätig werden? Aber dafür ist es nun zu spät.
Wer aber wirklich keine Ahnung von Journalismus zu haben scheint, sind die Filmemacher, dabei hätte Regisseur Daniel Andreas Sager, der 2021 die durchaus bemerkenswerte Dokumentation „Hinter den Schlagzeilen“ über den Fall Claas Relotius verantwortete, ein wenig seines bei dessen Recherche erworbenen Wissens in seinen Spielfilm übernehmen können.

Der Tatverdächtige steht unter Druck. Aga bietet ihre Hilfe an, aber nur für ein Exklusiv-Interview
Die Filmemacher haben keine Ahnung von Journalismus – noch nicht einmal schlechtem Journalismus
In diesem Film kommen Dinge vor, die es – zumindest in Deutschland – so nicht gibt. Man gibt vor, dass man mit einer interviewten Person einen schriftlichen Vertrag für die Nutzung des Interviews haben müsse. Dem ist aber nicht so. Ein Abhörgerät, im Volksmund Wanze genannt, in der Wohnung einer anderen Person anzubringen, ist strafbar – wie auch das Durchwühlen des Hausmülls, wenn er nicht im öffentlichen Raum abgelegt wurde. Was im Film nicht der Fall zu sein scheint, da der Müllcontainer augenscheinlich auf dem Gelände des Apartmentgebäudes steht.

„True Newz“-Chef Andreas Meixner (gespielt von Thomas Loibl) versammelt gerne junge Reporterinnen um sich
Klar, dies könnte theoretisch passieren, aber die strafrechtlichen Konsequenzen wären so horrend, dass kein Journalist das Risiko eingehen würde, egal, wie groß und mächtig der Konzern hinter ihm ist.
Gerade konservative, unabhängige Plattformen müssen besondere Sorgfaltspflicht beachten. Dies ist auch der Grund, warum wir das Wort „Lügenpresse“ im Zusammenhang mit ihnen zwar häufig hören, aber so gut wie nie von konkret beweisbaren Fällen, bei denen nicht journalistisch korrekt gearbeitet wurde. Dass der zwangsgebührenfinanzierte Film zu dem Fazit kommt, dass die privaten, die „rechten“ Medien eine Schuld mittragen, überrascht nicht.
Man findet auf Arte viele gute Filme. Dieser gehört nicht dazu
„Bis es blutet“ ist ein Propagandafilm. Gut gespielt, oberflächlich spannend – aber gerade deshalb so verwerflich. Die Message ist simpel: Wer auf „Klicks“, also genaugenommen Werbekunden, angewiesen ist, recherchiert schlecht, veröffentlicht, bevor die Story steht und nimmt keine Rücksicht darauf, dass dies Menschenleben kosten kann.
Guter Journalismus kann also nur aus den Massagesesseln der öffentlich-rechtlichen Sender kommen – oder in Ausnahmefällen von etablierten, regierungstreuen Bestandsmedien. Wer’s glaubt, wird selig.
„Bis es blutet“ läuft am Samstag, dem 13. Dezember ab 15 Uhr auf Arte.
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Karsten Kastelan
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