GNTM: Geht Heidis Modelshow mit Diversity baden?
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Ein Albino, ein Gehörloser, ein 57-Jähriger. Eine Buchautorin mit Gesundheitslatschen, eine Alopecia-Patientin, ein Trans-Mann namens Jill.
Nein, das ist keine Selbsthilfegruppe. Das ist Deutschlands erfolgreichste Model-Sendung: „Germany’s Next Topmodel“. Vor wenigen Tagen ist die 21. Staffel gestartet. Und viele glauben, die Sendung halte sich nur so lange, weil ihr Host Heidi Klum es versteht, immer wieder auf den sich ändernden Zeitgeist einzugehen.
Schwappt die Netflix-Empörung nach Deutschland?
Das ist wichtig fürs TV-Überleben, denn anhand der aktuellen Netflix-Doku „Reality Check: Inside America’s Next Top Model“ über das US-Vorbild kann man sehen, wie neue Befindlichkeiten alte Konzepte in Schutt und Asche stampfen können: In drei Teilen erzählen einstige Gewinnerinnen von seelischer Folter am Set. Kandidatinnen packen über Blackfacing und schmerzhafte Zahn-Korrekturen aus. Und über all dem lächelt – mit makellosen Zähnen – die Gastgeberin kühl in die Kameras: Tyra Banks. Dabei fuhr die heute 52-Jährige selbst über das Diversity-Ticket in den Karriere-Olymp: als erste schwarze Frau, die als „Victoria's Secret Angel“ über den Laufsteg lief, und das Cover der legendären Sports Illustrated Swimsuit Edition zierte. Zudem sprach Banks im Fernsehen tränenreich über ihre Schwierigkeiten, schwanger zu werden, und sammelte dafür viel Mitgefühl ein.

GNTM geht 2026 in seine 21. Staffel
Doch hinter – und auch vor – den Kulissen ging es hart zu. 2018 wurde die US-Show schließlich abgesetzt. Tyra Banks ließ per Leihmutter einen Sohn entbinden und lebt jetzt als Eiscreme-Unternehmerin in Australien. Doch vor der Aufarbeitung konnte auch sie nicht fliehen, denn vergessen wird nichts im Fernsehen. Die große Frage lautet jetzt: Passiert dasselbe auch Heidi Klum? Denn ihre Show steht seit einigen Jahren im Kritik-Dauerfeuer.
Heidi Klums Superkraft: Trends erkennen
Doch Klum ist klug genug, um zu wissen, wann der Wind sich dreht. 2023 veröffentlicht sie vor Ausstrahlung des Staffelauftakts eine rund zehnminütige Rechtfertigung an ihre Kritiker. Vorausgegangen waren turbulente Jahre, in denen unter anderem Kandidatin Lijana Kaggwa sich in schlechtes Licht gerückt wähnte. Die juristische Auseinandersetzung zog sich über Monate und ließ Gerüchten zufolge selbst Sendergrößen zittern. Denn allen war klar: Viel hat sich geändert seit den Anfängen von „Germanys Next Topmodel“ im Jahr 2006. Es war eine Ära ohne Social Media, eine Shitstorm-freie Zone. Das hat auch Klum verstanden und sofort gegengesteuert. In die Kamera sagt sie damals mit ernstem Gesicht:
„Ich komme aus einer Zeit, in der die Branche noch ganz anders funktioniert hat. (…) Wenn irgendwas am Körper nicht straff war, wurde man nicht mehr gebucht. Wer nicht in die 34 gepasst hat, konnte nach Hause gehen. Wie auch ich sehr oft in meinem Leben.“

Zu kurvig und entertainig für Haute Couture – mit diesem Image spielt Heidi Klum oft. Legendär ist Karl Lagerfelds frühes Urteil: „Die war nie in Paris. Die kennen wir nicht.“ Dass die Blondine aus Bergisch-Gladbach ihren Weg gefunden hat und zu einer der mächtigsten Frauen der Medienbranche wurde, ist mittlerweile bewiesen.
Neue Doku zeigt Heidi hautnah
Wie sie es mit viel Energie immer noch schafft, im Gespräch zu bleiben, davon erzählt wohl die am 22. Februar und 1. März erscheinende ProSieben-Doku „On & Off the Catwalk – by Heidi Klum“. Laut Pressemitteilung begleitet die Kamera die vierfache Mutter bei ihren Foto- und Runway-Jobs in ihrer Wahlheimat Los Angeles, aber auch in Berlin und Venedig: In der zweiteiligen Doku sollen die Zuschauer Heidi, aber auch ihre Kinder Leni und Henry, hautnah erleben. Gefühlt kennt alle Welt Hobby-Nackedei-Heidi zwar bis in die Haarspitzen. Doch die Doku verspricht neue Einblicke.
Darin erzählt Heidi laut Pressemitteilung freimütig, sie habe in den Wechseljahren zugenommen, das ist sympathisch. Außerdem will natürlich jeder mehr über das Verhältnis zu ihrem 16 Jahre jüngeren Ehemann Tom Kaulitz und seinem Zwillingsbruder Bill wissen. Als Entertainment-Stars ziehen die beiden, die im Dezember auch „Wetten, dass..?“ moderieren, gerade an Heidi vorbei: erfolgreiche Doku, erfolgreicher Podcast, Erfolg überall. Doch der Fame bleibt in der Familie, und mit ihrer Patchworkfamilie aus Leni und drei Kindern von Sänger Seal, einem schwulen Schwager und ihrem offenen Bekenntnis zu Body Positivity kann niemand Heidi mehr vorwerfen, sie hänge veralteten Konventionen nach, oder?

Von der Model- zur Freakshow?
Dabei wäre es genau ein bisschen Oldschool-Schönheit, die ihrem Format guttäte. War „Germany’s Next Topmodel“ einst ein Sammelbecken für hübsche, große, schlanke Frauen, ist es jetzt eine Art „Deutschland sucht den Superstar“ mit Mode. Seit einigen Jahren öffnet man sich für Petite- und Curvy-Models, für Transsexuelle. Damit verliert man aber den Kern aus den Augen. Seit zwei Jahren sind Männer fester Bestandteil der Show, und die Zuschauerzahlen scheinen das zu honorieren – allerdings vor allem dort, wo es um gutes Aussehen geht.
Das wollen woke Teile des Publikums aber nicht wahrhaben. „Germany’s Next Topmodel“ muss den schmalen Grat schaffen, für Entertainment ohne Empörung zu sorgen. Die Welt schreibt: „Wie viele Menschen im Internet scheint auch das Format inzwischen genau zu wissen, wo es angreifbar ist, und nimmt sich lieber selbst ein wenig auf die Schippe.“
Dabei sollte auch Klum mittlerweile wissen, dass die dauerbeleidigte Bubble sich mit Drag-Ausgaben, Set-Psychologen und Entschuldigungen nicht zufriedengibt. Die Aufregung um die Netflix-Doku zeigt, warum wieder alle ins Jahr 2016 zurückwollen: Damals hat man eine Sendung abgesetzt. Heute will man Menschen vernichten, indem man ihnen vorwirft, Menschen zu vernichten.
Schön? Nicht zwingend. Heute reicht ein messbarer Puls.
Wie also reagieren? Heidi Klum, die auch Executive Producerin ihrer eigenen Show ist, scheint einen Mittelweg zwischen Tradition und Moderne zu wählen. Alle dürfen mal ran, dürfen singen, tanzen, Geschenke überreichen und weinen. Vor allem die Castingrunden gleichen in Teilen einer Talentshow. Aber reicht das, um mit einer Modelsendung zu überleben?
Nicht nur Heidi, nein, alle in der Branche wissen: Am Ende sind es nicht die Dicken, nicht die Kleinen und nicht die Alten, die Mode verkaufen – es sind die Schönen. Das ist kein Fun Fact, sondern die harte Wahrheit, die auch für GNTM immer noch gilt. Die Welt schreibt: „Trotz aller Diversitätsbekundungen landen lange Beine und klassisches Modelmaß auch in der nächsten Runde.“
Noch sind die Quoten stabil: Staffel 21 startet solide, aber schwächer als die vorherigen. Zu begehrt war das DFB-Pokal-Spiel, das parallel lief. Das Motto vieler Zuschauer war wohl: „Wenn ich nicht mal schöne Frauen sehe, schaue ich lieber gleich Fußball.“ 610.000 Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren schalteten zum Auftakt ein – das ist ein Marktanteil von 12,9 Prozent.
Die wahre Schlacht wird jedoch mittlerweile jenseits der Quote ausgetragen: in den Kommentarspalten. Viele Menschen finden, die Show habe – vor allem in den Boys-Folgen – den Fokus verloren. Die Verantwortlichen daraufhin: „Was macht einen Mann aus? Brauchen wir überhaupt noch solche Definitionen? Wollen wir nicht lieber die Vielfalt der Menschen feiern, anstatt sie in Schubladen zu stecken?“
Wollen wir – aber nicht in einer Modelshow. Gebt uns die gute, alte Schönheit zurück – normal sehen wir selbst aus!
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Melanie Grün
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