Operation Kanzler: Selbst die ARD ist plötzlich Fan von Friedrich Merz
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Da fehlt nur noch der „Kanzler Merz“, fragt der Reporter unsichtbar aus dem Off und zitiert einen CDU-Anhänger auf einer der zahllosen Veranstaltungen, die CDU-Chef Friedrich Merz seit seiner Wahl absolviert. „Der Befund ist richtig“, sagt Merz in Großaufnahme in die Kamera und lächelt schelmisch. „Die Merz-Strategie. Wohin steuert die CDU?“ heißt eine einstündige ARD-Dokumentation (NDR) über die Union, die am Montagabend ausgestrahlt wurde und in der Mediathek zu sehen ist.
„Ich habe eine ganz einfache Vorstellung davon, was die CDU wieder sein muss“, sagt Merz gleich zu Beginn. „Sie muss die größte und stärkste Volkspartei in Deutschland wieder sein.“ Über gut anderthalb Jahre hat das Team vom NDR den CDU-Vorsitzenden begleitet und ein erstaunlich faires und gerade in Zwischenlichtpunkten interessantes Porträt herausgearbeitet. Das Protokoll des Trittfassens.

Friedrich Merz
Ein nicht öffentliches Strategietreffen in der alten Adenauer-Villa am Comer See in Candenabbia, einer Schulungsstätte der Konrad-Adenauer-Stiftung, bildet mit eindrucksvollen und gleichwohl entspannten Bildern eine Art Rahmenhandlung der Doku. Den vier Autoren (Ben, Bolz, Philipp Grüll, Johannes Lenz, Lucas Stratmann) ist es über die Strecke des Films gelungen, unaufdringliche und doch treffsichere Einblicke in die Methode Merz zu sammeln. Das Zerstören möglicher Rest-Mythen über die Wahlniederlage von 2021 am Anfang seiner Reden, das lange zum Standardprogramm gehörte, um die Härte des Wiederaufbauprojekts zu zeigen. Erst jetzt, mit den Konturen des neuen Grundsatzprogramms, geht Merz langsam in die nächste Phase über, den Ausblick auf das Ziel der Bundestagswahl und Regierungswechsel.
Dass der Weg dabei holperig war, spart die Doku nicht aus. Sie zeigt den inzwischen geschassten CDU-Generalsekretär Mario Czaja ebenso, wie die Interview-Affären um Merz' Kritik am „Sozialtourismus“ ukrainischer, mit dem er zwar Recht hatte, sich aber unter internem Druck entschuldigte. Die „kleinen Paschas“ bei Markus Lanz kommen vor und die Verwirrung über sein Sommerinterview mit einer Passage über die Kooperation mit der AfD auf kommunaler Ebene. Die internen Grabenkämpfe um Kurs und Tonlage der Union werden ausgespart. Dafür verzichten die Autoren auf polemische Kommentare und ordnen die Vorgänge als das ein, was sie waren und im Rückblick sind: kleine Windchen im Wasserglas der Blase von Berlin-Mitte.

Mario Czaja
Wirklich gelungen ist die Aufarbeitung jener für Merz heiklen Wegstrecke um den kleinen Parteitag der CDU im Juni 2023, als NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) mit einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine kleine Test-Attacke auf den Vorsitzenden zündete. Manche hätten geschrieben, „der Merz sei angefasst“, zitiert Merz selbst im Film die Kommentare in beeindruckender Offenheit. „War er auch“, fügt er hinzu. Beide, Merz und Wüst, zeigen ein feines Lächeln im rückblickenden Gespräch mit den Reportern. Die Sache ist ausgeräumt und doch ahnt der Zuschauer, dass im politischen Geschäft das Lauern zum Handwerk gehört und aus dem Rennen ist, wer nicht mehr an die Spitze will.

Hendrik Wüst
Es sind diese Feinheiten des politischen Geschäfts, die der Film sehr präzise herausarbeitet und doch leicht und nachvollziehbar erzählt. Wenn Wüst Kanzlerin a.D. Angela Merkel den höchsten Orden Nordrhein-Wesfalens verleiht und sie dabei überschwänglich lobt, kommentiert Merz: „Es wären nicht meine Worte gewesen“ und umschreibt elegant den unterschiedlichen Kosmos von Wüst und ihm. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien, kommt zu Wort, die sich selbst „Merkelianer“ nennt, und CSU-Chef Markus Söder erklärt verschmitzt sein vertrauensvolles Verhältnis zu Merz („normalerweise“ ist der CDU-Chef der Favorit...), und jeder kann sich seinen Teil denken.

Markus Söder (CSU)
Eines wird aber am Ende auch deutlich: Mit seinem neuen Generalsekretär Carsten Linnemann hat Merz von anfänglichen Unsicherheiten gelöst, als er glaubte, in Parteiproporzen denken zu müssen. Das Duo Merz/Linnemann hat erkennbar Tritt gefasst. Linnemann, der für die neue Programmatik der Union tatsächlich brennt, bis zur Erschöpfung telefoniert und in der Partei unterwegs ist, teilt sich inzwischen die Termine mit dem Chef. Ein Tandem, das der 2021 geschlagenen und entkernten Partei nach und nach wieder Mut eingehaucht und erreicht hat, dass derzeit an Merz als Kanzlerkandidat der Union kein Weg vorbeiführt. Und die Entspanntheit, mit der er am Schluss in die Kamera blickt, scheint das zu bestätigen.
Aber eines ist auch klar: In der Politik herrscht täglich Stolpergefahr.
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