Vom Anruf bei Reichelt bis „Wir haben nicht über NIUS gesprochen“: Wie kam es zum Sinneswandel von Lanz?
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Warum behauptet Markus Lanz jetzt, mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther über die Kontrolle „sozialer Medien“, nicht aber über NIUS gesprochen zu haben? Wer hat Druck auf den Moderator ausgeübt? Die Antwort ist irgendwo an der Spitze des politmedialen Komplexes zu suchen.
Nur Tage nach der Sendung, in der Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther einen Skandal um die Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland entfachte, ruderte der ursprünglich selbst kritische Lanz zurück. Er behauptete, Günther habe „keine Regulierung, Zensur oder Verbot von kritischen Medien gefordert“ („Nein, nein, nein, das hat er alles nicht gesagt“), und sprach von „falscher Berichterstattung“ durch Portale wie NIUS und Bild. Lanz zeigte sogar manipulativ geschnittene Clips, um Günthers Aussagen zu entschärfen, und griff Gäste wie Beatrix von Storch (AfD) aggressiv an, die die Originalzitate zitierten.
Dass er selbst leugnet, was jeder sehen und hören konnte, wirft Fragen auf. Lanz’ anfängliche Kritik wird echt gewesen sein, ein Moment journalistischer Integrität – und im Telefongespräch mit Julian Reichelt äußerte er sich ebenfalls entsprechend –, aber der Rückzieher riecht stark nach externem Druck. Es fragt sich, wer diesen ausgeübt haben könnte. Und hauptsächlich kommen zwei Personen infrage: eine aus der Medienwelt und eine aus der Politik.

Angst vor der eigenen Courage oder Druck von oben? Der Rückzieher von Markus Lanz gibt Rätsel auf.
Himmler steht selbst unter Druck
Die redaktionelle Linie beim ZDF gibt Norbert Himmler vor. Er möchte am 13. März vom Fernsehrat wiedergewählt werden. Allerdings war es schon beim ersten Mal, 2021, sehr knapp. Kurz vor Anmeldeschluss meldete sich mit Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, eine Gegenkandidatin, die viele Stimmen holte und sich nach dem zweiten Wahlgang zurückzog. Erst dann wurde Himmler gewählt.
In seiner Amtszeit gab es immer wieder Grund zur Kritik. Michael Hanfeld nannte das kürzlich in der FAZ „eklatante Schwächen im Programm“. „Denken wir an die inhaltlichen Patzer von Dunja Hayali und Elmar Theveßen bei der Berichterstattung über den Mord an Charlie Kirk; das Fiasko mit dem von der israelischen Armee getöteten Mitarbeiter einer für das ZDF arbeitenden Produktionsfirma in Gaza, der sich als Hamas-Offizier entpuppte, oder die dauernden Eskapaden des von Himmler über die Jahre protegierten Moderators Jan Böhmermann.“ Womit Hanfeld wohl unter anderem die Sendung mit Kinderporno-Straftäter Mario Olszinski alias „Jurassica Parka“ und Böhmermann meinte.
Himmlers Wiederwahl scheint im Fernsehrat daher durchaus nicht sicher zu sein. In einer Zeit, in der der öffentlich-rechtliche Rundfunk wegen qualitativer Mängel und einseitiger politischer Ausrichtung in der Kritik steht, könnten die zahlreichen Skandale ein paar zu viel gewesen sein. Da kann Himmler keinen weiteren gebrauchen. Hat er Markus Lanz „zurückgepfiffen“, weil er Angst hatte, Günthers Steilvorlage könnte sonst Wasser auf die Mühlen des ÖRR-kritischen „rechten“ Lagers leiten?
Die rote Malu und der schwarze Günther sind beide grün
Schließlich waren Günthers Äußerungen eine Bestätigung für die meinungsfreiheitsfeindlichen Tendenzen in den etablierten Parteien. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk, finanziert durch Zwangsgebühren, sollte unabhängig sein und als Wächter der Demokratie fungieren – stattdessen wirkt er oft wie ein Schutzschild für etablierte Politiker, insbesondere aus dem linken Spektrum – inklusive der Merkelianer in der CDU.
Himmler hätte allerdings auch nicht unbedingt aus freien Stücken den Talk-Moderator Lanz „auf den Topf setzen“ müssen. Und damit kommen wir zu Marie-Luise „Malu“ Dreyer. Die SPD-Politikerin war von 2013 bis 2024 Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, zunächst stand sie einer rot-grünen, dann einer Ampel-Koalition vor. Zwischen Malu Dreyers und Daniel Günthers Positionen passt gewissermaßen kein Blatt. Auch Günther regiert mit den Grünen und unterscheidet sich inhaltlich kaum von diesen.

Daniel Günther wird vom ZDF wider besseres Wissen in Schutz genommen.
Füreinander finden die beiden nur warme Worte. Bei ihrem Rücktritt 2024 nannte Günther sie eine „große Politikerin“ und „Vorbild für Generationen“, die „empathisch und führungsstark“ sei. Er hob ihre Fähigkeit hervor, „ohne innere Parteifeinde“ zu regieren. Dreyer lobte Günther 2025 wiederum als „geschätzten Kollegen über Parteigrenzen hinweg“, der „erfolgreich mit Grünen arbeitet“ und „ein Dorn im Auge für Populisten“ sei. In MPK-Kontexten betonte sie seine „pragmatische Haltung“, schließlich vertraten sie dieselbe Einstellung zu den drakonischen Corona-Maßnahmen.
Politiker im Fernseh- und Verwaltungsrat – aber „staatsfern“
Auch im „Kampf gegen Rechts“ sind die beiden auf einer Linie und betonen den „Schutz der Demokratie“ als oberste Priorität. Dreyer hat in ihrer Abschiedsrede im Juli 2024 den Kampf gegen Demokratiefeinde als die „größte Herausforderung“ beschrieben, was Günthers Positionen zu Pressefreiheit und Zensurdebatten widerspiegelt. 2018 unterstützten beide den „Spurwechsel“ in der Migrationspolitik.
Malu Dreyer ist zwar nicht mehr in der Politik aktiv, allerdings ist sie immer noch Vorsitzende des zwölfköpfigen Verwaltungsrats des ZDF, dem auch die amtierenden Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (Sachsen-Anhalt), Winfried Kretschmann (Baden-Württemberg) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) angehören. So viel zur behaupteten „Staatsferne“ des Senders, denn die zentrale Aufgabe des Verwaltungsrats ist die Überwachung der Finanzen und Investitionen des ZDF.

Man kennt und mag sich: Malu Dreyer mit ZDF-Moderatorin Dunja Hayali und Intendant Norbert Himmler bei den Nibelungen-Festspielen in Worms.
Dreyer und Norbert Himmler verbindet also eine professionelle Beziehung, die durch den Medienstandort Mainz (Sitz des ZDF) und gemeinsame Engagements in Medien- und Kulturpolitik geprägt ist. Als Landesregierungschefin von Rheinland-Pfalz (RLP) hat Dreyer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) gefördert und Himmler als „profilierten Medienmanager“ gepriesen. Bei der Content Convention 2022 (#CONCON22) in Mainz diskutierten sie etwa über die „Freiheit der Medien in Europa“, einschließlich angeblicher Bedrohungen durch Desinformation und Populismus. Dreyer plädierte für einen starken, unabhängigen ÖRR als Bollwerk gegen Fake News, Himmler ergänzte mit Fokus auf Qualitätsjournalismus und Plattformregulierung.
In Mainz wäscht eine Hand die andere
Verzahnung und gegenseitige Gefälligkeiten von Politik und ZDF sind in Mainz gang und gäbe. Die Genossin Dreyer hat den ZDF-Standort in Rheinland-Pfalz gestärkt, Himmler profitiert davon durch enge Kooperationen. Die von der Staatskanzlei veranstaltete „Content Convention“ (ConCon), ein Medienkongress, der im November schon zum siebten Mal stattfand, wurde bis 2022 direkt vom ZDF über das Subunternehmen ZDF-Digital organisiert und bezahlt. Dreyer griff also auf ÖRR-Ressourcen zu, die sie eigentlich kontrollieren soll. Und beide, Dreyer und Himmler, unterstützen Projekte wie die „Digitale Kunsthalle“ des ZDF, die kulturelle Inhalte online zugänglich macht. Insgesamt ist die institutionelle Nähe auffällig, derentwegen Kritiker eine zu enge Verflechtung von Politik und öffentlich-rechtlichem Rundfunk monieren.
Hat Malu Dreyer auf Himmler eingewirkt, um ihren politischen Freund Daniel Günther aus der Grube zu hieven, die er sich selbst ausgehoben hatte? Eine Affäre, die doch nur dem „rechten“, vermeintlich „demokratiefeindlichen“ Oppositionslager in die Hände spielt, kann sich das politmediale Establishment, dessen Zukunft ganz und gar nicht mehr sicher ist, seit über die Zwangsgebühren und umfassende Reformen, Zusammenlegung von ARD und ZDF und sogar Abschaffung debattiert wird, besonders in dieser Zeit nicht leisten.

Ehrliche Gratulation zur Wahl: Dreyer und Himmler 2021
Nun ist aber nicht der Verwaltungsrat von Malu Dreyer für die Wieder- oder Abwahl Himmlers zuständig, sondern der Fernsehrat. Das ist ein Gremium, dem 60 Mitglieder angehören. Allein ein Drittel sind aktive oder ehemalige Politiker, von bundesweit bekannten wie Gerda Hasselfeldt (Vorsitzende), Nathanael Liminski, Heiko Maas und Lisa Paus bis zu diversen Ministern, Senatoren und Staatssekretären. Der Rest wurde von „zivilgesellschaftlichen“ Gruppen entsandt, etwa Gewerkschaften wie ver.di oder dem Deutschen Journalisten-Verband, Kirchen, Umweltorganisationen wie BUND und NABU sowie großen Verbänden der freien Wohlfahrtspflege (AWO, Caritas).
Der Fernsehrat: „Anwalt des Zuschauers“ oder Schutzschild für Sender und Politik?
Der Fernsehrat wird vom Sender als „Anwalt des Zuschauers“ bezeichnet, an den man sich mit Programmbeschwerden wenden kann. Angesichts der Zusammensetzung des Gremiums überrascht es nicht, dass Beschwerden nichts an der linkslastigen politischen Ausrichtung des „Zweiten“ geändert haben, mit dem man eben nicht „besser sieht“. Insbesondere die scheinheilige Debattenkultur, das Pushen von grünen Themen und die Ausgrenzung der zweitstärksten Partei signalisieren klar, dass die sonst so vehement eingeforderte Vielfalt nicht im politischen Bereich gilt, auch wenn konservative Wähler ebenfalls ihre 18,36 Euro „Rundfunkbeitrag“ monatlich zu zahlen haben.
Lanz’ Rolle rückwärts ist kein Zufall, sondern Symptom einer systemischen Verzahnung: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht unabhängig, sondern durchsetzt mit politischen Einflüssen. Und sowohl Politik als auch ÖRR spielen sich als Hüter der Demokratie auf, deren behauptete Gefährdung zum Anlass genommen wird, um Kritiker stummzuschalten. So wie die AfD im Bundestag ausgegrenzt wird, so findet sie in den Talkshows des Landes so gut wie nicht statt – und wenn doch mal, dann unter Dauerbeschuss aus der vereinten Front von Moderatoren und den anderen Gästen.

Mainz bleibt Mainz: ZDF-Sendezentrum und Staatskanzlei trennen nur 11 Kilometer.
Der ÖRR lässt sich zum Instrument der etablierten Politik machen, die kritische Stimmen marginalisiert. Günthers Worte waren kein Ausrutscher, sondern Ausdruck eines autoritären Geistes, der „Qualitätsstandards“ für Medien fordert – de facto Zensur durch NGOs oder den Staat. Lanz’ Rückzieher zeigt, wie abhängig Moderatoren sind: Sie dienen nicht der Wahrheit, sondern dem System. Die Verzahnung mit Figuren wie Dreyer macht den Rundfunk zu einem Parteisender – linksrotgrün dominiert. Das schadet der Demokratie: Statt Debatte gibt’s Schutz für Politiker wie Günther, der Opposition und freie Medien verbieten will.
Ob er es nun war, der Lanz zwang, seine Worte zu essen, und wenn ja, ob aus Eigeninitiative oder auf Druck aus der Politik (dessen es, q.e.d., gar nicht bedarf), wird wohl nicht zu klären sein. Interessant ist jetzt nur noch, ob es Himmler ist, der weitermachen darf, wenn der Fernsehrat am 13. März zusammentritt (benötigt wird eine Drei-Fünftel-Mehrheit), oder ob sich ein Herausforderer findet, der sich berufen sieht, eine Kursänderung vorzunehmen – bis zum 30. Januar heißt es: Freiwillige vor! Auch wenn die das Zweite wohl kaum wieder aufs Gleis kriegen können, zu tief ist der Mainzer Sumpf.
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Claudio Casula
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