Systemkonform und antipluralistisch: Warum „Faktenchecker“ nicht einfach nach Wahrheit suchen
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Was machen eigentlich die „Faktenchecker“, die nun auch eine unionsgeführte Bundesregierung mit Staatsgeld weiter fördern will, wie die SPD-geführte vor ihr? Ganz einfach, so möchte man meinen: Fakten sind Wahrheiten über die Sachverhalte dieser Welt. Der Faktenchecker prüft also, ob die Behauptungen eines Menschen wahr oder falsch sind – ob sie Fakten oder Irrtümer beziehungsweise sogar Erfindungen sind. Wie gut, dass jemand das macht und Manipulatoren der öffentlichen Meinung bloßstellt
Das klingt plausibel. Die meisten würden dem wohl zustimmen. Aber alles, was ich hier zum Einstieg sagte, ist falsch. Das tatsächliche Gewerbe der „Faktenchecker“ erschließt sich, sobald wir den Begriff des Faktums unter die Lupe nehmen.

Auch die neue Bundesregierung will gegen „Desinformation“ vorgehen.
Was Fakten sind – und was nicht
Fakten werden nicht einfach aufgefunden, sie sind im Sinne des lateinischen facere (tun, herstellen) etwas Getanes, etwas Hergestelltes (facta). Sie bestehen aus zwei Zutaten:
- Erstens bezieht sich ein Faktum auf Umstände, Gegenstände oder Geschehnisse. Diese existieren für jemanden, der sie nicht direkt wahrnimmt, zunächst nicht. Eine Erfindung zum Beispiel oder der Artilleriebeschuss einer Stadt sind uns erst dann zugänglich, wenn jemand diese Geschehnisse öffentlich anspricht und sie etwa unter die Begriffe „Krebstherapie“ oder „Krieg“ einordnet – sie also als genau dies und nichts anderes beurteilt.
- Beurteilung ist die zweite, leicht zu übersehende Zutat jedes Faktums: Erst der Erfahrungsinhalt, über den geurteilt wurde, dass er dies oder das ist, ergibt ein Faktum, das diskursiv ins Rennen um die Deutungshoheit gehen kann.
Ein neues Mittel, das Krebs heilt, als „Krebstherapie“ zu beurteilen, ist trivial. Zu beurteilen, ob der Artilleriebeschuss einer Stadt bereits einen Krieg bedeutet oder noch einen Terroranschlag darstellt, mag hingegen mit guten Gründen umstritten sein.

Fakten werden nicht einfach aufgefunden, sie sind im Sinne des lateinischen facere (tun, herstellen) etwas Getanes, etwas Hergestelltes (facta).
Die im Faktum enthaltene Beurteilung ist außerdem bei kontrovers diskutierten Themen besonders einer näheren Betrachtung wert: Bemüht sich ein Autor um Objektivität, oder urteilt er erkennbar tendenziös? Mancher will gern genehme Fakten für seine Freunde oder Sponsoren schaffen, ein Idealist mag aus unabhängiger Position einfach aufklären wollen.
Es liegt folglich in der Natur eines Faktums, prinzipiell bezweifelbar und sogar bestreitbar zu sein: Die beurteilten Umstände, Gegenstände oder Geschehnisse oder ihre Beurteilung als gerade dies (und eben nicht jenes) können problematisiert werden. Bei manchen Fakten ist das kaum plausibel, und niemand würde sie bestreiten, aber bei sehr vielen ist das ohne Weiteres sinnvoll möglich.
Diese Aussage irritiert in Deutschland zunächst viele, weil wir gewohnt sind, gewisse Fakten als absolut zu betrachten. Das Faktum des Holocaust zu bestreiten, ist sogar unter Strafe gestellt. Das tut aber hier philosophisch nichts zur Sache. Das Faktum des Holocaust ist ein Faktum wie jedes andere im Diskurs, und es hat überwältigende Evidenz für sich. Nach dem Urteil einer über viele Jahrzehnte tiefgehenden, internationalen Geschichtswissenschaft behebt diese Evidenz jeden Zweifel daran, dass er sich tatsächlich zugetragen hat.

Holocaust-Leugnung ist in Deutschland ein Straftatbestand.
Bei vielen Fakten ist Streit jedoch sehr angebracht. Im Streit um die Fakten besteht die Arbeit der Aufklärung, aber auch der Machtausübung. Fakten sind im Diskurs als wahr akzeptierte Aussagen, und wer diese mit seiner Beurteilung von Geschehnissen etablieren kann, hat Diskurshoheit – er macht die lauteste Ansage, welche Erfahrungen für die Allgemeinheit was bedeuten. Das Urteilsgeschehen, aus dem Fakten hervorgehen, ist der entscheidende Kampfplatz um Erkenntnis, Macht und Einfluss unter Menschen.
Ein politisch folgenreicher Mythos
„Faktenchecker“ arbeiten mit dem eingangs dargestellten Verständnis von Fakten als „eindeutigen Gegebenheiten“ – als Wahrheiten, die manche korrekt zitieren und andere verfehlen oder verfälschen. Diese irrige, philosophisch naive Auffassung hat zwei negative Konsequenzen für unsere politische Kultur.
Zunächst lässt sie es folgerichtig erscheinen, Diskutanten in Gute (die sich an „die Fakten“ halten) und Schlechte (die sich nicht an „die Fakten“ halten) einzuteilen. Die Guten lassen sich dann loben, die Schlechten tadeln: Denn wer Wahrheiten ungesagt lässt oder verfälscht, begeht eine moralische Verfehlung im politischen Raum. Er ist in diesem Sinne „böse“ und schädigt die Gesellschaft – eine spalterische Logik, mit der eine „Faktenchecker“-Organisation sich in ihrem Slogan („Recherchen für die Gesellschaft“) voll identifiziert.
Der Mythos von den eindeutigen, von subjektiven Urteilsanteilen freien Fakten trägt also zu genau der moralinsauren Polarisierung der Diskussion bei, die wir bei Finanz-, Flüchtlings-, Pandemiepolitik und Ukrainekrise beobachten. Die zweite negative Konsequenz dieses Märchens ist der falsche Anschein von Legitimität, den es „Faktenchecker“-Unternehmen verschafft: Sie können sich einer gutgläubigen Öffentlichkeit als noble Wahrheitswächter präsentieren und gar Gemeinnützigkeit für sich reklamieren.

Auch die Deutsche Presse-Agentur checkt Fakten.
Das ist bloße Fassade. Die Urteile, die aus Begebenheiten bestimmte Fakten machen, unterliegen immer leitenden Interessen. Welche sind das bei den mittlerweile mehr als 30 Faktenchecker-Organisationen in Europa? Nun, schauen Sie auf deren Websites einfach nach, wer sie jeweils finanziert.
Bezahlte Konformitätsprüfung
Das Handwerk aller „Faktenchecker“-Organisationen ist die Konformitätsprüfung öffentlicher Redebeiträge im Sinne ihrer Finanziers. Sie „checken“, ob ein Text deren Interessen und Weltsicht stärkt oder schwächt: „Beschreibt und beurteilt der Autor sein Thema so, wie meine Sponsoren es gerne hätten? Setzt er die richtigen Schwerpunkte (und lässt er das Richtige außen vor)?“, so fragen sich die oftmals frisch von der Universität rekrutierten Angestellten. Erfüllt ein Autor diese Kriterien nicht, wird er getadelt, was seinen Ruf schädigen und andere Autoren von Äußerungen abschrecken kann, die den „Faktencheckern“ mutmaßlich missfallen würden.
Hier arbeiten selbsternannte Wahrheitswächter daran, den Diskurs auf den von organisierten Gruppen gewünschten Meinungs- und Faktenkorridor einzuengen. Sie betreiben Sabotage des Pluralismus und der angstfreien öffentlichen Debatte. Das liegt unabhängig von der Motivation der einzelnen Beteiligten in der Natur ihres Handwerks und seiner falschen theoretischen Grundannahmen. Deshalb haben „Faktenchecker“-Organisationen in einer Gesellschaft mit verfassungsmäßig sehr sparsam begrenzter, allgemein garantierter Meinungsfreiheit keinen Platz.
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Michael Andrick ist Philosoph, Kolumnist der Berliner Zeitung und Bestseller-Autor. Sein Essay- und Aphorismenband „Ich bin nicht dabei – Denk-Zettel für einen freien Geist“ erscheint im Mai im Verlag Karl Alber.
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