26.100 statt 13.800: Doppelt so viele Messerangriffe wie in Faesers offizieller Statistik
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Angriffe mit Messern und anderen Stichwaffen sind zum traurigen Alltag in Deutschland geworden – und zu einem echten Politikum. Wie groß ist dieses Phänomen? Welche Tatverdächtigen sind dafür zumeist verantwortlich? Werden die Messerangriffe immer mehr?
NIUS-Recherchen zeigen, dass den zuständigen Bundesbehörden, also dem Bundesinnenministerium und dem nachgeordneten Bundeskriminalamt (BKA) keine belastbaren Zahlen zu Messerangriffen vorliegen. Während in der bundesweiten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 13.844 Angriffe mit dem Tatmittel Messer berichtet werden, ergab eine NIUS-Abfrage in den Bundesländern, dass die wahre Zahl der Messerangriffe beinahe doppelt so hoch ist.
Die wahre Zahl der Messerangriffe liegt bei 26.113. Das sind 72 pro Tag – und Angriffe mit anderen Stich- und Hiebwaffen wie Macheten oder einer Spitzhacke, wie zuletzt auf St. Pauli, sind dabei noch gar nicht mitgezählt, weil diese nicht gesondert gezählt werden.
Das heißt: Die von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) geführten Bundesbehörden kennen das genaue Ausmaß der Messer-Gewalt in Deutschland.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser kennt das Ausmaß der Messergewalt in Deutschland nicht.
BKA gibt zu: Zahlen nicht vollständig
CDU-Innenpolitiker Christoph de Vries nennt das „inakzeptabel“. Er sagt zu NIUS: „Diese Gefahr ist Millionen Menschen in unserem Land angesichts der mörderischen Tat des afghanischen Islamisten in Mannheim erneut vor Augen geführt worden. Wir haben bei Messerdelikten eine eklatante Abweichung zwischen der Kriminalstatistik des Bundes und den Angaben der Länder. Es stellt sich die Frage, warum das Bundesinnenministerium auf die mangelnde Validität der Daten bei der Veröffentlichung der Zahlen nicht explizit hingewiesen hat. Die deutlich geringeren Zahlen in der PKS des Bundes geben die Wirklichkeit offensichtlich nicht wieder und liefern ein falsches Bild über die reale Gefahr durch Einsatz von Messern bei Körperverletzungen und Raubdelikten.“

CDU-Innenexperte Christoph de Vries
Auf NIUS-Nachfrage verwies Faesers Ministerium auf das Bundeskriminalamt. Das teilte mit, dass die Zahl der Messerangriffe in der Polizeilichen Kriminalstatistik noch nicht vollständig abgebildet sei – die wahre Zahl der Messerangriffe muss also deutlich höher sein, wie die NIUS-Abfrage in den Bundesländern belegt.
Denn, so die Erklärung des BKA: Messerangriffe werden erst seit 2020 bundeseinheitlich statistisch erfasst. Das hatte die Innenministerkonferenz vor dem Hintergrund des Anstiegs von Straftaten unter Verwendung des Tatmittels „Messer“ 2018 entschieden. Und erste Überprüfungen der Zahlen durch das BKA haben gezeigt, dass die Daten noch nicht vollumfänglich erfasst sind. Wörtlich heißt es: „Hierbei wurde weiterer Harmonisierungsbedarf hinsichtlich der Erfassungsmodalitäten festgestellt, sodass die Daten zu Messerangriffen aufgrund mangelnder Validität bisher nicht vollumfänglich veröffentlicht werden können.“
Erst im kommenden Jahr, so die Ankündigung der Behörde, sollen die Daten dann valide sein.
Dass die Zahlen in diesem weit von der Realität entfernt sind, machte die Behörde nicht selbst öffentlich. Es gab in der PKS keinen Hinweis auf die Unvollständigkeit und fehlende Validität der Daten. Die Öffentlichkeit wurden so im Unklaren über das wahre Ausmaß der Messergewalt gelassen.
Angriffe mit Macheten & Co. werden gar nicht gezählt
CDU-Politiker de Vries ist das nicht genug: „Die erheblichen Diskrepanzen sind fünf Jahre nach Beschluss der IMK über die Erfassung des Tatmittels Messer in der amtlichen Statistik inakzeptabel und müssen umgehend behoben werden. Im Zuge der Harmonisierung sollten neben Messern auch andere Hieb- und Stichwaffen wie Äxte und Macheten in Statistik erfasst werden.“
Hintergrund: Angriffe mit anderen Stichwaffen – etwa Macheten, Schwertern oder einer Spitzhacke wie zuletzt in St. Pauli – werden derzeit meist nicht gesondert dokumentiert, viele Bundesländer konnten dazu keine Daten vorweisen.
Einige Länder dokumentieren diesen Phänomen-Bereich allerdings – und die Zahlen haben es in sich: In Schleswig-Holstein etwa kommen zu den 1057 Messerangriffen weitere 402 Angriffe mit anderen Stichwaffen hinzu. In Nordrhein-Westfalen sind es 117 Vorfälle zusätzlich. In Sachsen-Anhalt zählt die Polizei neben 1069 Messerangriffen 224 weitere Vorfälle mit Hieb- und Stichwaffen.
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Julius Böhm
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