Rassismus beim Internationalen Literaturpreis in Berlin: „Du als weiße Frau hast hier nichts zu sagen!“
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Es ist selten, dass bei einer Preisverleihung nach außen dringt, wer warum für einen bestimmten Preisträger gestimmt hat. Meist ist so eine Wahl geheim. So sollte es auch beim renommierten Internationalen Literaturpreis sein, der jährlich vom Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin vergeben wird. Der Preis ist mit 35.000 Euro dotiert. Der Autor erhält 20.000 Euro, der Übersetzer 15.000 Euro.
Was sich vor der Verleihung 2023 hinter den Kulissen abspielte, berichten die beiden Jurorinnen Juliane Liebert und Ronya Othmann in der Zeit. Es ist eine Geschichte von Manipulation und – man kann es nicht anders sagen – Rassismus.

Preisträger Mohamed Mbougar Sarr aus der Republik Senegal mit Übersetzerin Sabine Müller und Übersetzer Holger Fock nach der Auszeichnung mit dem Internationalen Literaturpreis 2023.
„Wir nahmen die Einladung an, unterschrieben Verträge und trugen schwere Bücherpakete nach Hause. Außer uns gab es noch fünf andere Jurymitglieder“, berichten die beiden Jurorinnen. Seitens des HKW wurde großer Wert darauf gelegt, dass es fair zugeht. Nur der literarische Wert des Buches sollte berücksichtigt werden. Nicht aber, welche Hautfarbe der Autor oder die Autorin hat. Es sollte anders kommen. Das Buch einer „weißen Französin“ – darüber wurde ausdrücklich gesprochen – wurde nicht genommen, obwohl sie vorher als eine Favoritin galt. Sie hatte aber die falsche Hautfarbe – sie war eben weiß. Sie musste ersetzt werden.
„Sorry, ich liebe Literatur, aber Politik ist wichtiger“
Die letzte Jurorin konnte sich nicht entscheiden, welcher Autor in die sogenannte Shortlist aufgenommen werden sollte. Auf dieser Liste zu stehen, ist die Voraussetzung, um später Preisträger werden zu können. Es wurden Namen genannt, es kam zu kontroversen Einschätzungen. Plötzlich fuhr die Jurorin das Jurymitglied Juliane Liebert mit den Worten an: „Du als weiße Frau hast hier eh nichts zu sagen.“ Dann gab sie einer schwarzen Französin ihre Stimme. Ein anderer Juror sagte zu Juliane: „Sorry, ich liebe Literatur, aber Politik ist wichtiger.“
Einige Wochen später fand schließlich die finale Jurysitzung statt, bei der der Preisträger oder die Preisträgerin ermittelt werden sollte, berichten die Jurorinnen Othmann und Liebert. „Wie wir bereits befürchtet hatten, kam es wieder zu politischen Überlegungen. Diesmal betraf es den verdienten Preisträger, auf den sich schließlich alle einigen konnten: ein schwarzer, senegalesischer Autor, der von zwei Weißen übersetzt wurde, was einige für bedenklich hielten.“ Denn weiße Menschen könnten generell keine schwarzen Autoren übersetzen, irgendjemand wollte auch von einer Lesung gehört haben, bei der einer der Übersetzer wohl das N-Wort verwendet habe. Es hieß: „Ich kann nicht hinter einem Buch stehen, wo das N-Wort verwendet wird, selbst wenn es historisch korrekt ist.“ Zwar habe der schwarze Autor selbst das N-Wort verwendet, um die Diskriminierung seiner Figur zu zeigen, die weißen Übersetzer dürften es aber nicht reproduzieren. Es ging noch ein wenig hin und her, schließlich wurde, trotz N-Wort und weißer Übersetzer, Mohamed Mbougar Sarr zum Preisträger gekürt.
Soweit der Bericht der beiden Augenzeuginnen Juliane Liebert und Ronya Othmann über einen renommierten deutschen Literaturpreis. Ohne ihr Zeugnis hätten wir nie davon erfahren.
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