Vor ihr wird eine Komödie von 2021 wiederholt: ARD versenkt Merkel im Spätprogramm
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Keine Frau hat die politische Landschaft in Deutschland so geprägt wie Angela Merkel. Zu ihrem 70. Geburtstag zeigt die ARD eine fünfteilige Doku-Serie, die mindestens so viel über unser Land wie über die Ex-Kanzlerin selbst aussagt.
Bemerkenswert ist allerdings die Sendezeit: Der Fünfteiler von Tim Evers mit einer Gesamtlänge von rund 160 Minuten ist bereits seit 8. Juli in der ARD-Mediathek zu sehen. Am kommenden Montag (15. Juli) zeigt die ARD im Analog-TV aber auch eine 90-minütige komprimierte Fassung – um 22:30 Uhr und nach der Wiederholung einer Sönke-Wortmann-Komödie („Contra“). Mit anderen Worten: Die ARD, sonst doch in jede denkbare Richtung sensibel, versenkt Altkanzlerin Merkel, die das Land 16 Jahre regierte, einfach im Spätprogramm. Da, wo alles läuft, was nicht so wahnsinnig wichtig – oder einfach stinklangweilig ist.
Immerhin: In der Doku erzählt der ehemalige Chef des Bundeskanzleramtes, Thomas de Maizière, gutgelaunt Anekdoten. Der damalige SPD-Chef Franz Müntefering habe ihm einmal gesagt, er würde in jedes Flugzeug steigen, das von Angela Merkel geflogen wird, denn sie mache das perfekt. Man wisse nur nicht, wo man ankomme.

Der ehemalige Chef des Bundeskanzleramts Thomas de Maizière ist nicht um Anekdoten und Analogien verlegen.
Ähnlich verhält es sich mit der fünfteiligen Dokumentation „Angela Merkel: Schicksalsjahre einer Kanzlerin“: Man erwartet ÖRR-typische Lobhudelei und bekommt eine überraschend objektive Analyse ihres Schaffens. Die Doku ist auch bemerkenswert, weil sie nichts Neues über Merkel verrät, aber dennoch vermeidet, Altbekanntes einfach wiederzukäuen.
Der Titel „Schicksalsjahre einer Kanzlerin“ ist eine witzige Anspielung auf den Heimatfilm von 1957 mit Romy Schneider in der Hauptrolle. Dabei könnten Angela Merkel und die Kaiserin von Österreich-Ungarn unterschiedlicher nicht sein. Die Kanzlerin war sehr machthungrig und lebte für Politik, während die Monarchin sich mehr für Reisen und Kultur interessierte. Sisi wurde 1898 von einem Anarchisten ermordet, Merkel hat sich 2015 ihr eigenes Grab geschaufelt. Das sagen zumindest ihre Kritiker.
Schneller Aufstieg
In der Auftaktfolge erleben wir Merkels Einstieg und Aufstieg in die von Männern dominierte Welt der Politik. Anstatt zu jammern, bleibt sie pragmatisch und verwandelt die Tatsache, dass sie von allen unterschätzt wird, in ihre größte Stärke. Merkel versteht es, ihre Mitstreiter und Kontrahenten in Sicherheit zu wiegen, offene Konflikte zu vermeiden und stattdessen ein Gefühl der Zuversicht zu vermitteln. Den berühmt-berüchtigten Satz „Wir schaffen das“ verkörperte sie bereits vor ihrer Zeit als Kanzlerin durch ihr Handeln und ihre stoische Haltung.
In den folgenden Episoden werden die wichtigsten Stationen ihrer Karriere beleuchtet und von ehemaligen Weggefährten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens kommentiert. Dazu gehören Samira El Ouassil, Le Floid, Tilo Jung, Marina Weisband, Carla Reemtsma und Lars Herrmann. Auch wenn der ehemalige AfD-Politiker Herrmann mehrfach zu Wort kommt, wäre eine vielfältigere Auswahl an Interviewpartnern wünschenswert gewesen. Es muss natürlich nicht gleich Alexander Gauland sein, der 2017 mit seiner Kampfansage "Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen – und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen" für Aufruhr sorgte. Aber warum nicht das merkelkritische CDU-Mitglied Andreas Rödder oder den Islam- und Integrationsexperten Ahmad Mansour?

Kritisiert Merkel mehrfach: Der Ex-AfD-Politiker Herrmann.
Der schleichende Tod
Schnell wird klar, dass Merkels größter Geniestreich, die SPD-isierung der CDU war. Die konservative Partei in Richtung der politischen Mitte zu bewegen und Themen der Sozialdemokraten zu übernehmen, war ebenso clever wie effektiv. Darauf angesprochen, erwidert Roland Koch, ehemaliger hessischer Ministerpräsident: „Angela Merkel hat sicherlich mit der Strategie, eine größere Gruppe einbinden zu wollen, und dem Angebot, die Beteiligten möglichst wenig zu stören, große Erfolge erzielt. Auch dem Land ist es ja dabei nicht schlecht gegangen. Aber in der langfristigen Wirkung gehört auch zur Wahrheit, dass damit dieser Konflikt in der Mitte der Gesellschaft abgeschwächt worden ist, dass die Eruptionen, die da kurzfristig nicht ausgehalten wurden, langfristig viel dramatischer sind.“
Mit anderen Worten: Solange es Deutschland gut ging, schien Merkels Politik des geringsten Widerstands aufzugehen. Allerdings hat sie sich zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht, die ihre Vorgänger geerntet haben. Ihr Erfolg basierte auch darauf, dass sie es geschickt vermied, zu polarisierenden Themen Stellung zu beziehen. Doch dann wurde 2015 ein Video veröffentlicht, das Merkel während eines Bürgerdialogs zeigt. Ein palästinensisches Mädchen schildert darin seine Angst vor Abschiebung. Merkel versucht, die Rechtslage zu erklären und sagt: „Politik ist manchmal hart.“
Obwohl sie anschließend versucht, das weinende Mädchen zu trösten, ist der Schaden bereits angerichtet. Die Medien stellen sie als kaltherzige Hexe dar, in den sozialen Medien tobt ein Shitstorm.

Zeitgeschichte anno 2015: Merkel und das libanesische Flüchtlingsmädchen Reem.
Alle haben mitgemacht
Gleichzeitig wirft man ihr vor, die Energiewende zu vernachlässigen und im Umgang mit Russland keine klare Kante zu zeigen. Merkel kann sich nicht mehr hinter dem Status Quo verstecken und muss Farbe bekennen. Schließlich wird sich auch von denen angefeindet, die ihr vorher immer wieder bescheinigten, einen guten Job zu machen. Merkels anschließende Kehrtwende, die Ankündigung, Atomkraftwerke abzuschalten und die Grenzen zu öffnen, macht alles nur noch schlimmer. Der Rückhalt in der Partei beginnt zu bröckeln, und viele sind überzeugt, dass Merkels Entscheidungen nicht die CDU, sondern die AfD gestärkt haben.
Wenn man das als Zuschauer der Doku-Serie in konzentrierter Form erlebt, fragt man sich unweigerlich, ob man als Bürger nicht mindestens genauso schuldig ist wie Merkel und die Ja-Sager um sie herum. Ob es die Absicht des Regisseurs Tim Evers war, nicht nur Angela Merkel, sondern auch Deutschland zu analysieren, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass „Schicksalsjahre einer Kanzlerin“ nicht nur Merkels Karriere unter die Lupe nimmt, sondern auch uns.
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