Der Anti-Marvel Film kommt von Marvel – „Deadpool & Wolverine“ ab sofort in den Kinos
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- Marvel und Disney haben mit „Deadpool & Wolverine“ einen Film abgeliefert, der Marvel und Disney offen kritisiert.
- Ob man die Kritik an sich selbst wirklich so ernst meint, werden wir sehen.
- Aber es ist der beste, lustigste und genüsslich härteste Film für eben jenes Kinopublikum, das Marvel zwischenzeitlich verschreckt hat.
Die Firma Marvel und das ihr (zumindest in den Köpfen von Nerds) zugehörige Universum, brachte einst frischen Wind in eine stark stagnierende Welt des Superhelden-Kinos – und übernahm diese dann in einem beispiellosen Feldzug, wie ein Messer, das durch warme Butter schneidet. Plötzlich war Marvel überall – in Filmen, Serien und die Weltübernahme schien nicht nur gesichert, sondern schien schon geschehen.
Und dann: Marvel verfiel der Dekadenz
Und was geschah dann? Wie einst das römische Reich, demontierte sich Marvel selbst, verkaufte sich 2009 für vier Milliarden Dollar an Disney und wurde gut ein Jahrzehnt später kuschelig „woke“.
Aber wie bei Asterix gab es noch ein kleines gallisches Dorf, nämlich die Marvel-Filme, deren Rechte bei der 20th Century Fox lagen – unter anderem „Wolverine“ und „Deadpool“, wobei letzterer besonders dadurch hervorstach, dass er die Klischees, Schwächen und Konventionen des eigenen Genres (und damit des laufenden Films) durch seinen Helden – einen wortwörtlich verbrannten, äußerst zynischen Misanthropen – kommentieren ließ.

„Deadpool“ (ehemals günstig produziert) wurde ein Riesenhit, Teil der Popkultur und ein Addendum von Zuschauern, die Marvel-Filme nicht mehr mochten, ihn aber immer im letzten Satz als positive Ausnahme anführten. „Wolverine“ – der Film um den Wolfsmenschen mit ausfahrbaren Klingen in den Händen à la Freddy Krueger und einer etwas rauen Attitüde, startete stark, ließ noch stärker nach – und bekam seine Ehrenrettung 2017 mit „Logan“, in dem der Held sich noch einmal validierte, aber zum Schluss krepierte.
Nun kämpfen beide wieder gegen Gott und die Welt
Nun sind beide, das Alt-Erbe des damaligen Deals der 20th Century Fox mit Marvel, wieder auferstanden und kämpfen gegen Gott und die Welt, in verschiedenen Dimensionen und – an diesem Punkt wird es interessant – gegen ihre Arbeitgeber, wenn auch mit deren ausdrücklicher Billigung.
Handlung? Nein! Spaß? Oh ja!
Aber nun zum Film, der diese beiden Reliquien des antiautoritären Hollywoods wieder zusammenbringt: „Deadpool und Wolverine“.

Das Plakat zum Film
Eine genaue Beschreibung der Handlung wäre unnötig und zeitaufreibend, also belassen wir es dabei, dass Deadpool in mehreren Dimensionen nach einem Nachfolger für den in seiner Dimension verstorbenen Wolverine suchen muss, weil sonst seine liebsten Freunde sterben werden. Ach ja, und der Rest seines Universums auch über die Klippe gestoßen wird. Und sich dann mit ihm zusammentun muss, um seine Welt zu retten.
Klingt blödsinnig? Oh ja, aber nicht blödsinniger, als jeder andere Marvel-Plot, nur dass der Blödsinn hier Programm ist. Allein schon in der Anfangssequenz tötet Deadpool mehrere Angreifer mit den Knochen des Original-Wolverines – und das in formidabler Choreographie. Reist durch fiktive Universen, um sich dann in einem anderen Universum wiederzufinden, das interessanterweise nicht das von Marvel oder Disney ist: einer „Mad Max“-Welt, gepaart mit dem „Planet der Affen“, in der statt einer Freiheitsstatue die letzten Reste des 20th Century Fox Logos aus dem Sand ragen.
Hier wird „inside baseball“ gespielt – das detaillierte Wissen, das notwendig ist, um jeden Gag zu kapieren. Wie bei so gut jedem Marvel Film, dessen „Universum“ oft eine vorgegebene Größe zu sein scheint, wird deren Kenntnis einfach vorausgesetzt.
Klar, Kenner der Szene, der Popkultur und der geschäftlichen Verhandlungen zwischen Fox und Disney (Mutterkonzern beider Studios), den persönlichen Beziehungen und Nationalitäten der Schauspieler werden ein paar Lacher mehr haben als der Rest.

Wir haben auch eine Szene, in der Deadpool einen Doppelgänger kennenlernt, der sich als Nice-Pool bezeichnet – also ein wuscheliges Habeck-Alter-Ego seiner selbst. Dummerweise hat der einen Hund, in den sich Deadpool sofort verliebt. Und wird den Rest des Films damit verbringen, das Herrchen (das eigentlich auf seiner Seite ist) zu töten.

Liebe auf den ersten Blick: Deadpool mit seinem Hündchen
Als Wolverine Deadpool bei der ersten Konfrontation angreifen möchte, fahren seine Krallen nur halb aus, was auf ein alkoholgesteuertes Erektionsproblem hinweist und von Deadpool auch genüsslich so kommentiert wird. Die Kampfszene zwischen Deadpool und Wolverine in einem alten Toyota ist fast erotischer, als alles, was wir in den 80ern in „9½ Wochen“ sehen konnten und akrobatischer als „Flashdance“.

Explosionen und herrliche Prügeleien bleiben bei „Deadpool & Wolverine“ nicht aus.
Und was bleibt für den ganz normalen Zuschauer?
Jede Menge an Spaß der unflätigen Art, da kaum ein Tabu ausgelassen wird und die wenigen ausgelassenen auch noch ausgiebig kommentiert werden. „Deadpool & Wolverine“ hat es sich nämlich scheinbar vorgenommen, alles zu demontieren, was abgetörnte Zuschauer an Marvel inzwischen hassen.

Viel Spannung darf man nicht erwarten, da die Gags so schnell kommen und so gekonnt inszeniert sind, dass sie jeden Spannungsbogen unterbrechen müssen. Lachen ist Erleichterung, Spannung dessen Gegenteil. Und bei dem Stakkato-Feuer an Witzen, die dieser Film ohne Rücksicht auf Verluste loslässt, irgendwie unentspannt zu sein, ist auch (irgendwie) unmöglich.
Es gibt durchaus renommierte Kritiker, die „Deadpool & Wolverine“ für etwas verlogen halten, da dieser Film seine Geldgeber zwar kritisieren darf, aber auch nur um deren Bankkonto zu füllen. Man kann es aber auch anders sehen: als ein „Fegefeuer der Eitelkeiten“, um den verstorbenen Autor Tom Wolfe zu zitieren: eine sehr öffentliche Läuterung, die gerade denjenigen Freude bereiten wird, die das Kino wegen „Political Correctness“ in selbigem gemieden haben.
„Deadpool & Wolverine“ ist die köstlichste Mea Culpa, die man sich denken kann. Und für diejenigen, die kein Latein in der Schule hatten: eine Entschuldigung von Marvel an ihr inzwischen schwer enttäuschtes Publikum.
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Karsten Kastelan
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