„Der phönizische Meisterstreich“: Wes Andersons neuer Film ist so absurd, dass er schon wieder großartig ist
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- Wes Andersons „Der phönizische Meisterstreich“ ist noch skurriler, als man erwarten könnte.
- Er kommt wieder auf das Level von „The Grand Budapest Hotel“.
- Es ist ein Arthouse Film für Leute, die das Programm-Kino schon längst abgeschrieben haben.
Wes Anderson hat einen neuen Film herausgebracht. Und wer jetzt „Wes wer?“, „Wer, Wes?“ oder „Wen wunderst?“ fragt, dem sei dies erlaubt. Wes Anderson ist ein Kunstfilmregisseur, nach dem man in Babelsberg kürzlich gar eine Halle benannte. Aber – und das hebt ihn von den überkünstelten Regisseuren hierzulande deutlich ab – macht er Filme, die aufgrund ihrer absurden Genialität einfach Spaß machen. Und „Der phönizische Meisterstreich“, sein neuester Film, ist da keine Ausnahme.

Regisseur Wes Anderson während der Dreharbeiten in Babelsberg.
Wie absurd kann ein Film eigentlich sein?
Das mag sich Anderson auch gefragt haben. Der Film beginnt in den 50ern, in einem Privatflugzeug, als in selbigem plötzlich eine Rakete einschlägt und einen Mann flugs in den luftleeren Raum befördert. Der Anschlag galt Zsa-Zsa Korda (Benicio Del Toro), einem viel gehassten Milliardär, aber es ist schon der siebte oder achte Anschlag auf sein Leben – mal wieder missglückt, also geht er ins Cockpit und gibt dem Piloten präzise Anweisungen. Und als dieser sie nicht befolgen will, betätigt er dessen Schleudersitz und landet das Flugzeug kurzerhand selbst beziehungsweise bringt es zu Boden. Hätte die Schwerkraft auch für ihn getan, aber er überlebt. Länger als seine letzten sieben Ehefrauen, die irgendwie mysteriös verstarben.
Jetzt hat der gute Zsa-Zsa zwei Probleme. Einen würdigen Nachfolger zu finden und eine Finanzlücke in seinem neuen Projekt zu schließen, das aus Staudamm, Tunnel und was weiß ich noch besteht. Er hat zwar sieben Söhne, aber entscheidet sich für seine Tochter, die gerade Nonne werden möchte.

Milliardär Zsa-Zsa Korda mit seiner Tochter, die Nonne werden möchte.
Eine Nonne soll nun ein amoralisches Imperium leiten?
Ja, so ist es. Und das bedeutet, dass die beiden nun um die Welt fliegen müssen, um die Financiers zu überreden, noch ein paar Millionen mehr reinzustecken. Sie besuchen Tom Hanks und Bryan Cranston (Walter White aus „Breaking Bad“), saudische Prinzen, französische Gauner. Nebenbei findet eine erzwungene Heirat mit Scarlett Johannsen statt, um an ihr Geld zu kommen. Letzteres ist besonders irrwitzig, weil so gut wie jeder heterosexuelle Mann Haus und Hof dafür verpfänden würde, mit ihr im Ehebett oder irgendeinem Bett zu landen.
Hier kommen wir wieder zur besagten Absurdität, während die Gags im Sekundentakt auf uns einprasseln. Sechs pro Minute wäre noch untertrieben – und wir reden hier nicht von Leuten, die auf Bananenschalen ausrutschen. Es ist intelligenter Humor im Stakkato einer gut geölten Kalaschnikow. Man fragt sich ständig: „Hat er das wirklich …?“ Und bevor man bei „gesagt“ ankommt, landet schon die nächste Salve.

Das Vater-Tochter-Team auf Reisen zu saudischen Prinzen und französische Gaunern.
Hat das alles geistigen Nährwert?
Natürlich nicht! Und auch jegliche emotionale Bindung ist nicht wirklich zu erkennen oder zu erwarten. Aber auch nicht gewollt. Anderson hat nur drei Filme gemacht, in denen ihm dies gelang. Seinen Erstling, „Bottle Rocket“, seinen zweiten „Rushmore“, seit dem Bill Murray in allen seinen Filmen auftaucht und sogar unangekündigt bei der Berliner Premiere auf die Bühne sprang, und „Die Royal Tenenbaums“, der auf wundersame und unnachahmliche Art an John Irvings Meisterwerk „The New Hampshire Hotel“ erinnerte. Danach ließ man ihn von der Leine – und ein ganzes Rudel von Stars – Murray, Hanks, Johannsen – folgten ihm.

„Die Royal Tenenbaums“ ist einer von drei Filmen, in denen es Anderson gelang, so etwas wie eine emotionale Bindung aufzubauen.
Wer objektiven, vernunftbegabten Nährwert sucht, sollte das Telefonbuch auswendig lernen. Daten lügen nie, aber leider unterhalten sie niemals. Wes Anderson unterhält. Und wer sich darüber beschwert, ist möglicherweise im Kino fehl am Platze.
Durfte man den Film in Cannes ausbuhen?
Selbstverständlich. Man hat das sogar getan, Buhrufe und begeisterter Applaus hielten sich in Cannes die Waage. Es ist eine Frage der Erwartungshaltung. Wer einen meinungsschweren, bleiernen Filmzeitvertreib erwartete, hatte auf dem Buchungsportal (Normalsterbliche bekommen keine Karten) offenbar falsch geklickt.
Und wer sich darüber beschwert, dass der Film deutsche Fördergelder bekam, dem sei ganz klar eines gesagt: Jeder aus dem Ausland kommende Euro zahlt sich hier mehrfach aus – und das hoch besteuert.

„Der phönizische Meisterstreich“: Die Optik ist großartig, selbst im Bad.
Und wenn schon jemand Wahnsinn nach Deutschland bringt, dann bitte Wes Anderson. Unser eigener ist prävalent, seiner ist genüsslich komisch. „Der phönizische Meisterstreich“ ist genau das, was der Titel verspricht!
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Karsten Kastelan
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