Einmal mehr beweist die Staatsministerin ihre kulturelle Ahnungslosigkeit: Claudia Roth will weniger Wagner und ein „bunteres“ Bayreuth
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Kulturstaatsministerin Claudia Roth mag das Publikum der Opernfestspiele von Bayreuth nicht. Da fehlt ihr die „Diversität“. Und auch der Spielplan der Wagner-Festspiele passt ihr nicht. In Bayreuth steht nämlich nur Wagner auf dem Spielplan, was nach Roth eine „Monokultur“ darstellt. Bayreuth, weiß Roth, sollte insgesamt „vielfältiger, bunter und jünger“ werden.
Und sie weiß sogar, wie das geht: „Mir schwebt da etwa Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel vor. Das ist eine Oper, die aus der Wagner-Tradition kommt. Von solchen Werken gibt es ja etliche“, so Claudia Roth. Es ist gar nicht so einfach, in drei Sätzen vier massive Fehler zu machen, aber Claudia Roth, unbeschwert von allem Wissen, kann so etwas. Diese Fehler schauen wir uns jetzt einen nach dem anderen an und stellen sie dann richtig. Denn wir bei NIUS wissen auch was. Und manchmal wissen wir es sogar besser.

Großer Auftritt auf dem Roten Teppich in Bayreuth: Kulturstaatsministerin Claudia Roth gehört zu den Stammgästen der Festspiele.
Fangen wir mit dem Spielplan des Festspielhauses in Bayreuth an. Ohne Richard Wagner hätte Bayreuth überhaupt kein Festspielhaus. Die fränkische Residenzstadt besitzt zwar seit 1748 das Markgräfliche Opernhaus, ein schönes und guterhaltenes barockes Hoftheater, aber das ist für Wagner-Opern viel zu klein. Als Wagner mit seiner Frau Cosima im April 1871 zum ersten Mal in Bayreuth war und das Hoftheater inspizierte, wurde ihm das schnell bewusst: „Allein das Theater paßt für uns gar nicht; also bauen und umso besser.“ Und es wurde gebaut. In Windeseile, von 1872 bis 1876, und erst mal ohne Pläne, die erst nachträglich vom Stadtrat genehmigt wurden. Heute undenkbar.
Einfach mal mit Wagners Vermächtnis brechen?
Wagner hat seit der Komposition des Rings der Nibelungen davon geträumt, diesen Zyklus aus vier Musikdramen in einem extra dafür gebauten Theater aufzuführen, und zwar, wie er schreibt, in einer der „minder großen Städte Deutschlands“, um die „Berührung mit dem großstädtischen eigentlichen Theaterpublikum und seinen Gewohnheiten zu vermeiden“. Deshalb lehnte Wagner die Pläne König Ludwig II., der für seinen Lieblingskomponisten ein monumentales Opernhaus am rechten Isarhochufer (zwischen Landtag und Friedensengel) erbauen wollte, vehement ab und entschied sich für die kleine fränkische Residenzstadt, die er gar nicht gekannt und angeblich in einem Lexikon entdeckt hatte.

Das Festspielhaus in Bayreuth auf dem sogenannten „Grünen Hügel“
Als das Bayreuther Festspielhaus aber gebaut und eingeweiht war, stand für Wagner fest, dass es nur der Aufführung seiner eignen Werke, mit dem Ring und Parsifal im Zentrum, dienen sollte und keiner anderen. So skrupulös war Wagner mit dieser Vorschrift, dass sogar seine eigenen Opern vor dem Fliegenden Holländer (Die Feen, Das Liebesverbot, Rienzi) nie in Bayreuth aufgeführt werden sollten.
Und mit diesem Wunsch Wagners, der ja Vermächtnis und Auftrag gleichermaßen ist, will eine grüne Politikerin, die noch nie als Kennerin von Oper und klassischer Musik aufgefallen ist, über Nacht brechen. Warum? Weil ihr die Diversität fehlt. Weil sie besser als andere weiß, wie sich das Bayreuther Publikum zusammensetzen soll.
Erfreulicherweise ist dieser Vorschlag Roths, den selbst die sonst eher ruhige Londoner Times als „moronic“ („idiotisch“) bezeichnete, in der Praxis gar nicht umsetzbar. Denn dafür müsste die Satzung im Stiftungsrat der Festspiele geändert werden. Das ist aber ohne den Freistaat Bayern, der den Stiftungsrat kontrolliert, nicht möglich. Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) hat dem bereits eine scharfe Absage erteilt: „Die Satzung ist klar, und es gibt keine Notwendigkeit für eine Änderung. Bayern würde da nicht zustimmen. Wagner ist der Stoff, von dem Bayreuth lebt.“
War Humperdinck Wagnerianer?
Jetzt kommen wir zu Roths Vorschlag, Humperdincks Hänsel und Gretel in Bayreuth aufzuführen, weil, wie Roth weiß, dieser Humperdinck ja „aus der Tradition Wagners kommt“. Richtig ist: Engelbert Humperdinck (1854-1921) ist Wagner auf einer Italienreise begegnet und hat später kurz in Bayreuth assistiert. Danach hat er Wagner schwärmerisch verehrt und, wie damals das halbe musikalische Europa, mehrere Reisen zu den Bayreuther Festspielen unternommen.

Engelbert Humperdinck ist Opernfreunden durch sein Werk „Hänsel und Gretel“ ein Begriff.
Humperdinck war von seiner Kunstauffassung her gewiss Wagnerianer – aber das waren so unterschiedliche Komponisten wie Puccini, Debussy und Richard Strauss auch. Humperdincks einziger großer Erfolg, die Oper Hänsel und Gretel (1893), ist eine Verbindung aus Märchenoper im Volkston und religiösem Weihespiel – eine Kombination, die den Atheisten und Ex-Revolutionär Wagner entsetzt hätte. Weder würde Hänsel und Gretel auf die Bayreuther Bühne passen, noch hat das Werk, das heute ausschließlich als Kinderoper gilt und von vielen Häusern in sonntäglichen Matineevorstellungen gezeigt wird, irgendwas mit Wagner und Bayreuth zu tun. Es gibt also keinen Grund zu glauben, dass eine Aufführung von Hänsel und Gretel Bayreuth bunter, diverser und jünger machen würde.
Ebenso falsch ist Roths Behauptung, es gäbe etliche Opern aus der Wagner-Tradition, die man in Bayreuth spielen könnte. Sollte sie damit Werke gemeint haben, die spielbar sind und zu Wagner und dem Bayreuther Geist passen, dann hat sie sich getäuscht: Solche Opern gibt es kaum. Natürlich gibt es Opern im Wagner-Stil von Komponisten, die von Wagners überwältigender Orchestrationskunst, seiner für Zeit und Jahrhundert extrem modernen Harmonik (Tristan-Akkord), seiner im Ring perfektionierten Leitmotiv-Technik und seinen mythologischen Heldenstoffen so dermaßen erschlagen waren, dass sie wie der Meister selbst komponieren wollten – aber die Auswahl ist weder groß noch ersprießlich.
Den Bayreuther Spielplan rotgrün umzukrempeln, ähnelt der Staatskultur autoritärer Regimen
Der Erste, der einem einfällt, ist Richard Strauss, der zwei kaum gespielte Opern im Wagner-Stil komponiert hat (Guntram 1894 und Feuersnot 1901), der fast vergessene Puccini-Rivale Alberto Franchetti (1860-1942), der tatsächlich wie ein zweitklassiger Wagner klingt – und natürlich Puccini selbst, der Wagners Leitmotivtechnik und Harmonik übernommen hat, melodisch und von der Stoffwahl her aber ganz andere Wege geht. Keiner dieser Komponisten würde mit seinen Opern nach Bayreuth passen, ja Puccinis Musik gilt eingefleischten Wagnerianern bis heute als ein Sakrileg an großer Kunst.
Roths vierter Fehler besteht darin, anzunehmen, die Politik dürfe sich ständig in die Kultur einmischen, nur weil Oper, Theater und klassische Musik heute zu 80 Prozent vom Steuerzahler finanziert werden.

Katharina Wagner ist seit 2015 alleinige Leiterin der Bayreuther Festspiele.
Der Bundeszuschuss aus Roths Ministerium für die Bayreuther Festspiele betrug zuletzt 3,4 Millionen Euro – aber das gibt der Ministerin kein Recht, Einfluss auf Spielplan und Besetzung, Orchester, Sänger und Dirigenten zu nehmen. Aus so etwas hat die Politik sich herauszuhalten. Dafür gibt es in Bayreuth einen Stiftungsrat und Wagners Urenkelin Katharina Wagner, die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele. Roths Vorstoß, den Bayreuther Spielplan rotgrün umzukrempeln, weist Ähnlichkeiten zur Staatskultur in autoritären Regimen auf. Ein Vergleich mit Maos vierter Frau Jiang Qing, welche während der Kulturrevolution (1966-1976) die jahrhundertealte Tradition der Peking Oper (Jīngjù) von hundert Stücken und mehr auf acht „revolutionäre sozialistische Modellopern“ reduzierte, erscheint nicht vollkommen abwegig.
Claudia Roth hat wie so viele Politiker der Grünen ihr Studium abgebrochen (nach zwei Semestern), sie hat nie einen Beruf erlernt und war nie irgendwo in einer verantwortungsvollen Tätigkeit beschäftigt. Sie war ihr Leben lang immer nur Politikerin. Wenn es Menschen gibt, die Leute wie Claudia Roth als Ministerin haben wollen, dann ist das in einer Demokratie okay.
Nicht okay ist, wenn diese Ministerin sich Eingriffe in Kultur und Kulturbetrieb anmaßt, die ihr von Wissen, Kompetenz und Amt her nicht zustehen.
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Markus Brandstetter
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