„Wicked 2“: Die düstere Vorgeschichte des „Zauberers von Oz”
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Als „Wicked“ vor gut einem Jahr weltweit in die Kinos kam, sah sich die Verfilmung des erfolgreichen Broadway-Musicals einem veritablen Shitstorm ausgesetzt, weil die beiden Hauptdarstellerinnen Ariana Grande und Cynthia Erivo sie im Vorfeld als linkspolitischer verkauften als das, was man nachher auf der Leinwand zu sehen bekam: ein verdammt gutes Musical.
Nun ist der zweite Teil in unseren Kinos, aber es ist – wie bei einem Theaterstück so üblich – eher ein zweiter Akt, da der Film in einem Rutsch gedreht wurde, was (Vorproduktion eingeschlossen) ganze fünf Jahre in Anspruch nahm und zu einer kumulativen Spielzeit von ebenso vielen Stunden führte.

Das Filmplakat zum zweiten Teil von „Wicked“
Und wie ist er jetzt?
Mit Sicherheit ganz anders, als seine erste Hälfte, was Kenner der Theaterversion nicht überraschen dürfte. Was mit vielen Musicalnummern, schmissigen Songs und einem Highschool-Musical bzw. Hogwarts-Atmosphäre begann, nimmt hier fix einen Dreh in die düsteren Teile dieser Vorgeschichte des „Zauberers von Oz“.
Die angeblich so böse Hexe Elphaba versteckt sich inzwischen in den Wäldern – und dies aus gutem Grunde, da eine hetzerische Plakatkampagne gegen sie läuft, in der sie so dämonisiert wird, als habe sie gerade die Brandmauer eingerissen.

Der zweite Teil von „Wicked“ ist deutlich düsterer.
Sie terrorisiert Infrastrukturmaßnahmen
Zugegeben: dass sie das Prestigeprojekt der Regierung, die legendäre „Yellow Brick Road“, immer wieder torpediert, als gelte es einen Autobahnzubringer zu verhindern, ist jetzt nicht zu 100 Prozent sympathisch, aber sie tut dies auch, um die dort zwangsangestellten Tiere zu befreien, die hier ihren ganztägigen Bürgerdienst ableisten müssen.
Der Prinzessin Glinda hat man stattdessen – man will es kaum glauben – eine magische Blase geschenkt, mit der sie das Land bereisen und unangenehme Dinge einfach ausblenden kann. Genau, eine „Bubble“, ihren eigenen Regierungsflieger, sozusagen. Angeblich, damit das Volk nicht merkt, dass sie nicht im Geringsten zaubern kann. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Und was ist mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung?
Na ja, für die Tiere ist das so ziemlich futsch, weil man ihnen die menschliche Sprache (der sie zuvor noch mächtig waren) abtrainiert hat. Eine besonders perfide Art, die tierischen Mitbürger zu kontrollieren, da sie nun nicht nur das Gefühl haben, ihre Meinung nicht frei äußern zu dürfen. Die meisten von ihnen KÖNNEN sie nicht mehr äußern, sodass man hier glauben muss, jemand habe Orwells „1984“ noch ein wenig weitergedacht. Und inständig hofft, dass dieser Film an gewissen deutschen Politikern vorbeigeht, da sie sonst noch auf dumme Ideen kämen.
Und was ist mit den Musical-Aspekten?
Keine Sorge, die gibt es noch – ebenso wie zwei extra für den Film komponierte Songs. Es wird ein wenig getanzt, es wird ein wenig gesungen und die Bilder und Spezialeffekte sind immer noch von erster Güte, genauso wie die darstellerischen Leistungen, angefangen bei Grande, Erivo und Jonathan Bailey (der fast zu gutaussehende Prinz des ersten Aktes) – bis hin zu Jeff Goldblum und Michelle Yeoh, die hier das „B“ in „Böse“ (wahlweise das wirkliche „W“ in „Wicked“) setzen.

Wicked 2: Ein Märchen mit Star-Besetzung
Und obendrauf noch eine „Republikflucht“
Ja, auch diese gibt es, weil viele der Tiere sich entmündigt fühlen und einen geheimen Tunnel gegraben haben, der sie aus dem Zauberreich von Oz führen soll. Was sie da draußen erwartet, wissen sie nicht, angeblich eine einzige Einöde, aber Diktaturen warnen ja sehr gern vor den Ländern, die sie nicht regieren.
Generell gilt hier, wie auch schon bei der ersten Hälfte, dass man „Wicked 2“ sowohl von links nach rechts als auch von rechts nach links lesen kann.
Zwar fiel das Wort „Faschismus“ bei dem intimen Empfang am Vortag zur London-Premiere durchaus – insbesondere von Cynthia Erivo, die sich aber ansonsten zuckersüß gab und nicht auf einer möglichen politischen Message herumritt, während sich Ariana Grande mit dem Autor dieser Zeilen lieber über Musicals unterhielt.

NIUS-Reporter Karsten Kastelan mit Ariana Grande bei der Filmpremiere in London.
Klar, Oz ist inzwischen zu einem faschistischen Staat geworden – aber jedes zweite Märchen scheint so einen zu enthalten und das muss man nicht überbewerten.
Soll man sich den Film nun ansehen – oder gar seinen Kindern zeigen?
Ja, das kann und sollte man durchaus. Die düsteren Aspekte sind eher Subtext, der über Ihre Köpfe hinweggehen könnte und höchstens im Unterbewusstsein parkt. Der Film ist durchgängig spannend, humorvoll und mit enormer Liebe zu Detail gemacht.
Außerdem erfahren wir gegen Ende auch endlich, was das alles mit Dorothy als dem „Zauberer von Oz“ zu tun hat – und dies auf eine originelle und dramatisch sehr befriedigende Art und Weise.
Wer ein Problem damit hat, dass dieser zweite Akt düsterer als der erste ist, sollte sich mal an „Titanic“ erinnern. Da lief bis zu Eisberg nämlich auch alles glänzend.
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