So sprachen die Autobosse noch im Jahr 2015 über die E-Mobilität
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Bei Volkswagen droht der bislang größte Kahlschlag der Firmengeschichte. Die Modellpalette soll um bis zu 50 Prozent schrumpfen, die Zahl der Ausstattungsvarianten um 75 Prozent sinken, die Produktion von zwölf auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr fallen. Medienberichten zufolge stehen bis zu 120.000 Jobs weltweit und die Schließung von vier deutschen Werken in Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm im Raum.
Der Grund für die Misere: eingebrochene Gewinne, schwacher Absatz in den USA und China und eine E-Mobilität, die längst nicht so lief wie versprochen. Denn genau das hatten die Chefs der deutschen Autoindustrie einst großspurig in Aussicht gestellt. NIUS hat sich die vollmundigen Ankündigungen der letzten Jahre noch einmal angesehen.

Das Volkswagen-Stammwerk mit dem VW-Kraftwerk in Wolfsburg
„Vollgas ohne Geschwindigkeitsbegrenzung“
Besonders bildhaft wurde es bei Porsche: Uwe Hück, damals Gesamtbetriebsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche AG, verkündete am 4. Dezember 2015 zur Aufsichtsratsentscheidung über die Mission-E-Serienproduktion: „Porsche fährt mit der heutigen Entscheidung mit Vollgas ohne Geschwindigkeitsbegrenzung in die automobile und industrielle Zukunft.“

Der damalige Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück im Jahr 2015
VW versprach, die „Transformation“ anzuführen
Auch beim Wolfsburger Mutterkonzern klang es kämpferisch. Volkswagen-Vorstandschef Matthias Müller erklärte 2017 auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt: „Wir haben verstanden und wir werden liefern. Das ist keine unverbindliche Absichtserklärung, sondern eine Selbstverpflichtung, an der wir uns ab heute messen lassen. Die Transformation in unserer Industrie ist durch nichts aufzuhalten. Wir werden diese Transformation anführen.“
Zwei Jahre später legte sein Nachfolger Herbert Diess nach, 2019 verkündete er: „Volkswagen wird sich radikal verändern. Wir übernehmen bei den großen Zukunftsthemen Verantwortung – gerade auch beim Klimaschutz.“ Im selben Jahr, zum Start der Serienproduktion des vollelektrischen ID.3 im umgerüsteten Werk Zwickau, wurde Diess noch konkreter: „Der ID.3 wird einen wichtigen Beitrag zum Durchbruch der E-Mobilität leisten. Er macht saubere individuelle Mobilität für Millionen Menschen zugänglich und ist ein Meilenstein für unser Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2050.“ Ausgerechnet Zwickau – eines der Werke, deren Schließung heute im Raum steht.

Herbert Diess am Montageband für die Produktion des ID.3 in Zwickau (2019)
„Unsere Zukunft ist elektrisch“
Auch bei den Konkurrenten aus München und Stuttgart war die Zuversicht grenzenlos. BMW-Vorstandschef Harald Krüger verkündete im Dezember 2016 bei einem Strategie-Workshop in München: „Unsere Zukunft ist eindeutig elektrisch.“ Für das Jahr 2017 setzte er sich das Ziel von 100.000 weiteren elektrifizierten Fahrzeugen und erklärte: „Die BMW Group wird den technologischen Wandel anführen.“
Bei Mercedes war es der frisch angetretene Daimler-Chef Ola Källenius, der 2019 auf der IAA in Frankfurt seinen Kurs vorgab: „Die Zukunft von Mercedes wird elektrisch.“ 2022 wurde er mit seiner Strategie „Ambition 2039“ noch konkreter: „Bis zum Ende dieses Jahrzehnts werden wir bereit sein, vollkommen elektrisch zu sein.“

Ola Källenius zeigt der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrem IAA-Eröffnungsrundgang den Mercedes Vision EQS (2019).
Auch die Politik machte mit
Nicht nur die Industrie zeigte sich euphorisch, sondern auch die Politik: Schon 2019 sagte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Haushaltsdebatte im Bundestag: „Es wird eine völlig neue Mobilität geben mit autonomem Fahren, alternativen Antrieben und anderen Eigentumsverhältnissen, als wir es heute kennen.“ Ein Jahr zuvor, im ARD-Sommerinterview, hatte sie bereits verkündet: „Wir werden eine sehr schnelle Einphasung jetzt von Elektromobilität haben.“

Angela Merkel bei ihrem Sommerinterview 2018 (picture alliance/dpa | Jule Roehr)
Fünf Jahre später, 2024, legte ihr Nachfolger Olaf Scholz nach. Bei der Eröffnung der Batterie-Recyclingfabrik von Mercedes-Benz in Kuppenheim erklärte der damalige Bundeskanzler: „Die Zukunft der Automobilindustrie ist elektrisch. Das ist keine Ideologie und erst recht keine Entscheidung gegen irgendeine andere Technologie, sondern schlicht die Einsicht, dass die ganze Welt auf diese Technologie setzt. Deshalb muss das Autoland Deutschland hier ganz vorn mit dabei sein.“
Selbst unter Branchenkennern herrschte Konsens. Der Automobilökonom Ferdinand Dudenhöffer sagte 2023: „Ja, bei den Pkw im Privatbereich führt kein Weg am vollelektrischen Antrieb vorbei – das ist die Zukunft der Autoindustrie. Hersteller, die da nicht mitmachen, werden wohl aussortiert.“
Von der „Zukunft“ zum Sanierungsfall
Die „sehr schnelle Einphasung“, die Merkel 2018 versprach, ließ auf sich warten. Die „Transformation“, die Müller, Diess und Källenius anführen wollten, endet vorerst nicht im Klimaneutralitäts-Meilenstein, sondern im Sanierungsprogramm. Und der Weg, an dem laut Dudenhöffer kein Vorbeikommen war, führt für Tausende Beschäftigte in Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm voraussichtlich in die Arbeitslosigkeit. Vollgas ohne Geschwindigkeitsbegrenzung – das klang 2015 nach Aufbruch. Elf Jahre später klingt es nach Kontrollverlust.
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